Ach, Frau Reiche

Von oben herab sieht man mehr (Foto R.W.)

Von oben herab sieht man mehr (Foto R.W.)

Das hätte Maria Reiche (1903 – 1998), Mathematikerin und Archäologin aus Dresden, sich nicht träumen lassen, dass man ihr in diesen Tagen anläßlich der 15. Architekturbiennale in Venedig überall auf den Werbeplakaten und Schriften zu ebendieser Veranstaltung begegnet. Man sieht sie von hinten, auf einer Klappleiter stehend, und erfährt, dass das Bild eine Aufnahme von Bruce Chatwin ist, der Frau Reiche bei der Erkundung der Nazca-Linien in der Steinwüste Perus fotografierte. Nun darf man sich wohl fragen, was die Frau, der Fotograf und die Nazca-Linien mit Architektur und dem Motto „Reporting from the Front“ zu tun haben. Der Präsident der Biennale, Paolo Baratta, wie auch der chilenische Kurator der Architekturbiennale, Alejandro Aravena, finden schöne Worte und gute Argumente, um uns als Besucher zu einem Perspektivwechsel zu ermuntern.

Da wünscht man sich doch gutes Gelingen und hofft, dass uns und allen, die es betrifft, aus der neuen Perspektive auch neue Erkenntnisse erwachsen, wie wir den Herausforderungen der globalen Völkerwanderung mit lokalen Lösungen in Stadt und Land begegnen können. Mit dem Slogan „Making Heimat“ scheint der deutsche Pavillon schon auf der richtigen Spur zu sein. Und wenn wir nicht nachlassen in unserem Bemühen – auch hier dürfen wir uns ein Beispiel an Frau Reiche nehmen, die 50 Jahre für die Erhaltung der Nazca-Linien gekämpft hat, die heute zum Weltkulturerbe gehören –, könnte der Slogan der Anfang einer Erfolgsgeschichte werden. Allerdings wird es nicht genügen, dass man nur die Mauern des Pavillons an einigen Stellen geöffnet hat, um zu demonstrieren, wie offen wir in Deutschland für die anderswo in Europa eher unerwünschten Ankömmlinge sind. Die wirklichen Fragen auf die Herausforderungen, die sich in den Begriffen Zuwanderung und Integration manifestieren, bleiben unbeantwortet. Insofern ist der deutsche Beitrag eine zutreffende Darstellung unserer Verfassung.

Wir haben keinen Plan gehabt, als wir von der Flüchtligwelle überrumpelt wurden, und wir haben auch heute noch keinen Plan. Da kann uns vielleicht das Beispiel von Frau Reiche ermutigen, die sich ein Leben lang mit den Nazca-Linien beschäftigte, ohne dass man heute weiß, welche kulturelle Bedeutung die verschütteten Geoglyphen für das ausgestorbene Kulturvolk wohl hatten. Das nennt man Ausdauer.

Einige Schritte weiter der britische Pavillon. Keine aufgebrochenen Mauern, dafür eine dunkel lackierte Tür, die aus den Angeln gehoben wurde. Dahinter eine minimalistische Installation von Wohnräumen auf kleinstem Raum und der Hinweis, dass wir uns doch bitte mit dem Verhältnis von Zeit und Raum beschäftigen sollten, um die Wohnraumknappheit in den Griff zu bekommen. Als Hilfestellung bekommen wir einen Lageplan in die Hand gedrückt, allerding nicht mit Raumbezeichnungen, sondern mit Zeitangaben: Hours, Days, Months, Years, Decades.

Wieviele Stunden, Tage und so weiter verbringen wir in unseren Wohnungen? Und brauchen wir überhaupt noch einen eigenen Herd? Da wird uns eine neue Wohn- und Lebenseinstellung schmackhaft gemacht, in der es weniger um das Besitzen, sonden mehr um das Gebrauchen geht. Shared Economy? Angesichts der horrenden Immobilienpreise in London bleibt den meistens auch gar nichts anderes übrig. Man darf rätseln, ob der Vorschlag im UK-Pavillon zynisch oder nur naiv ist – oder die Vorwegnahme einer neuen urbanen Lebensform: „Life is changing; we must design for it.“

Und wie kommen die Niederländer daher? Global und blau verhüllt. Es geht um die neuen Kriege in der Welt, die nicht mehr von Königen und Kaisern geführt werden, sondern von Rebellengruppen, die in allen Weltregionen den Frieden stören. Um die Wiederherstellung des Friedens geht es und die Bemühungen der UN-Friedensmission. Mit Recht wird beschrieben, dass mit dem Einsatz von Blauhelm-Truppen noch wenig gewonnen ist, wenn nicht gleichzeitig eine Infrastruktur von Bestand für die befriedete Region geschaffen wird. Der Besucher wird mit Zahlen von Militärausgaben, mit Karten von Konfliktgebieten und mit den Einsätzen konfrontiert, an denen auch niederländisches Militär beteiligt ist. Wie weit hier eine neue „Architektur“ der Friedensmission zu besseren Resultaten, das heißt zu einem stabilen Frieden beitragen könnte, bleibt vage. Vielleicht wird hier nur zum Ausdruck gebracht, wie globale Verwerfungen die Menschen in den westlichen Ländern, ja in der ganzen Welt betreffen. So steht man betroffen angesichts von so viel Blau und ist ratlos.

Bei den Dänen gibt es endlich das, was man von einer Architektur-Ausstellung gewohnt ist. Mehr als 130 instruktive Modelle mit handfesten Lösungsansätzen für gemeinschaftliches Wohnen und bezahlbare Wohnungen. Teils realisierte und funktionierende Projekte, teils gut durchdachte Vorschläge, in denen auch das Anwachsen der städtischen Bevölkerung und die Probleme einer saturierten Gesellschaft reflektiert werden, die sich schwer tut mit den hehren Zielen der UN-Menschenrechts-Charta. Der dickleibige Katalog enthält viele Anregungen, wie eine Stadt aussehen kann, die nicht nur die Bedürfnisse einer Oberschicht bedient, sondern Lebensraum für alle Schichten sein will. Lesestoff für interessierte Fachbesucher.

Beim Durchstreifen der nationale Pavillons und des Hauptgebäudes in den Giardini wird man immer wieder konfrontiert mit Anregungen und Beispielen, die das Thema „Reporting from the Front“ veranschaulichen: Architektur, die sich mit den aktuellen Problemen des Städte- und Wohnungsbaus konstruktiv auseinandersetzt, und Architekten, die sich auf ihre ureigene Aufgabe besinnen: eine lebenswerte Umgebung für alle sonzialen Schichten zu schaffen. So „politisch“ und selbstkritisch habe ich die Architekturbiennale bisher nicht erlebt. Mal sehen, was der Besuch im Arsenale bringt.

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