Ist Venedig mit Lagos vergleichbar?

Masken in Massen (Foto R.W.)

Masken in Massen (Foto R.W.)

Francesco Bonami schreibt in seinem Buch „Lo potevo fare anch´io“ (Das hätte ich auch gekonnt) über die Rezeption der Gegenwartskunst, mal einfühlsam, mal kritisch, aber immer unterhaltsam. Im Schlußkapitel setzt er sich mit dem Konzept der Häßlichkeit in der Kunst auseinander und kommt zu dem Schluß: Nicht das Häßliche an sich ist häßlich, sondern das Häßliche, das uns gefällt. Und er fällt ein vernichtendes Urteil über das falsche Schöne, mit dem Venedig die schönheitshungrigen Besucher konfrontiert.

Hier eine (unautorisierte) Eindeutschung des betreffenden Abschnitts auf Seite 154 des genannten Buches:

Eco (gemeint ist Umberto Eco) spricht von der Häßlichkeit als Konzept, doch was ich bei uns (in Italien) beobachte, ist ein Überschwappen des Häßlichen und eine Verkitschung des Schönen. Man denke nur an die Situation in Venedig. Da wird der kulturelle Reichtum vergangener Jahrhunderte an jedem Wochenende erniedrigt, indem man beduselten Touristenhorden die Vorstellung einer falschen Schönheit verkauft, um sich zu bereichern. Allein die Häßlichkeit der Pantomimen, die wie goldene oder silberne Statuen auf den Plätzen posieren, ist schon ein Verbrechen gegen die Menschenrechte, nicht für die verkleideten Mimen, sondern für die Passanten; ganz zu schweigen von den Läden, in denen Masken verkauft werden. Da hat man den Eindruck, dass in Laborversuchen ermittelt wurde, welche Masken besonders häßlich sind und sich deshalb besonders gut verkaufen, ganz so, als hätte man Ratten mit einen Virus für schlechten Geschmack geimpft und anschließend beobachtet, welches Maskenmodell sie bevorzugt anbeißen würden.

Venedig entwickelt sich zu einer touristischen Version von Lagos, der Hauptstadt Nigerias, mit 23 Millionen Einwohnern auf Platz 3 der bevölkerungsreichsten Städte der Welt. In Bezug auf die Touristenzahl hat Venedig mit der Einwohnerzahl in Lagos gleichgezogen. Es gibt allerdings einen eklatanten Unterschied. Während in den Pfahlbauten von Lagos die Besitzlosen hausen, sichern die Verkaufsstände in Venedig den Besitzern Reichtum über mehrere Generationen. Je mehr die Ladenbesitzer sich bereichern, desto mehr wird die Stadt entstellt. Die Häßlichkeit kann eine Folge politischer oder aber kultureller Korruption sein, die sich ignorante Karrieristen zuschulden kommen lassen.

Bonami war im Jahre 2003 Direktor der 50. Kunst-Biennale in Venedig. Das Buch, in dem er die Verkommenheit Venedigs geißelt, ist seit 2008 auf dem Markt. Hat man in Venedigs Amtsstuben irgendwann einen Aufschrei vernommen?