500 Jahre Ghetto? Kein Grund zum Feiern!

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Bei der Erinnerung an das Ghetto, das vor 500 Jahren in Venedig eingerichtet wurde, gibt es nichts zu feiern, sondern nur auf eine Tragödie hinzuweisen. So äußerte sich der Präsident der Jüdischen Gemeinde Italiens, Renzo Gattegna, in Rom in Anwesenheit des Bürgermeisters von Venedig und des Präsidenten der Region Veneto während der offiziellen Vorstellung des Veranstaltungsprogramms zur Erinnerung an das historische Datum.

Wenn man sich das Geschichtsbuch „Atlante Storico di Venezia“ vornimmt, wird bald klar, warum den Juden von damals bis heute nicht zum Feiern zumute sein kann (ebensowenig den Venezianern). Der Senatsbeschluss vom 29. März 1516 sah vor, alle Juden, die bis dahin im gesamten Stadtgebiet von Venedig verteilt lebten (zum Teil in bevorzugten Wohnlagen), in einem verlassenen Gewerbegebiet anzusiedeln: auf einer Deponie mit Bauschutt und Schrott-Abfällen. So wollte man die Juden, die großenteils als Verfolgte aus Deutschland, Spanien und England nach Venedig gekommen waren, besser unter Kontrolle haben, wie man das schon mit den Reisenden aus Deutschland, der Türkei und anderen Ländern praktizierte, denen für die Abwicklung ihrer Geschäfte bestimmte Häuser zugewiesen wurden. Die Ghettoisierung war also weniger religiös als  wirtschaftlich motiviert, zumal sie mit dem Nebeneffekt verbunden war, dass die umgesiedelten Juden attraktive Wohnobjekte für die Einheimischen freigaben.

Die aus Deutschland vertriebenen Juden waren die ersten, die das Ghetto bezogen, und ihnen blieb es auch vorbehalten, als Erfinder des Namens Ghetto in die Geschichte einzugehen. Die Deponie hieß bei den Venezianern Getto. In dem Begriff steckt das Verb gettare (wegwerfen), bei dem das g wie dsch ausgesprochen wird, während die Juden aus Deutschland das G wie g aussprachen. So übernahmen die Venezianer die deutsche Aussprache und veränderten die Schreibweise in Ghetto.

Die neue Bleibe war allerdings nicht von langer Dauer. 1525 wurden die Juden nach Mestre aufs Festland umgesiedelt, 1533 durften sie wieder ins Ghetto zurück, wo sie des Nachts bewacht wurden und tagsüber ihren Geschäften nachgehen konnten –  mit den Einschränkungen, die für sie in ganz Europa galten.Unter anderem durften sie keine Handwerksberufe ausüben. Im Ghetto wurde es mit der Zeit sehr eng. Die Immobilienbesitzer wußten sich zu helfen. Die Häuser bekamen immer mehr Etagen. Zeitweilig beherbergte das Ghetto 4000 Bewohner, heute leben dort etwa 500 Menschen.

Während der gesamten verbleibenden Zeitspanne der Republik Venedig war das Ghetto der Lebens- und Wirkungsraum der Juden. Erst 1797 nach der Liquidierung der Serenissima durch Napoleon wurden die Tore zum Ghetto niedergerissen und öffentlich verbrannt. Die Juden durften wohnen, wo es ihnen beliebte, und sich als freie Bürger fühlen. Aber nicht lange. Ein Jahr später hatten die Österreicher das Sagen und entzogen den Juden wieder die bürgerlichen Rechte. Der Vollständigkeit halber sei auch an das Wirken der Nationalsozialisten in Venedig erinnert, die vom November 1943 bis April 1945 die noch in der Stadt verbliebenen Juden zusammentrieben und sie  in Vernichtungslagern ermorden ließen. Es sind sicher mehr gewesen, als wir an den wenigen Stolpersteinen abzählen können, die man seit 2014 zur Erinnerung an die Ermordeten in den Stadtteilen Venedigs in das Pflaster eingelassen hat. Vielleich wachsen  ja noch mehr Stolpersteine aus dem Pflaster.