Eine Frage der Distanz…

Unweit vom Markusplatz... (Foto R.W.)

Unweit vom Markusplatz… (Foto R.W.)

Wie meint dieser Herbst es doch gut mit den Venezianern und den vielen Besuchern, die in diesen Tagen noch in fast sommerlicher Kleidung durch die Stadt ziehen. Gestern waren es besonders viele Leichtbekleidete, die als Marathonläufer bei strahlendem Wetter über die Gassen und Rampen trabten, bis sie endlich in den Giardini von Castello ihr Ziel erreicht hatten.

Wer sich dem Treiben und Gedränge in den Gassen Venedigs entziehen will, hat es nicht weit. Er braucht nur die Linie 13 zu besteigen, die ihn von den Fondamente Nove zur Insel S. Erasmo bringt, wo man sich überwiegend dem Gemüseanbau widmet. Hier ist man plötzlich mit sich und der Natur allein, und an einem Montag kommt erschwerend hinzu, dass die wenigen Lokale, die auf der Insel irgendwo versteckt sind, geschlossen haben.

An den brackigen Tümpeln und Kanälen staksen Silberreiher herum, in der Ferne setzt sich die Silhouette Venedigs als Scherenschnitt gegen den blauen Himmel ab, kein Mensch begegnet uns auf dem Trampelpfad, der sich auf der Ostseite der Insel zwischen wucherndem Gebüsch und Salzsümpfen kilometerweit hinzieht. Auf der Festlandseite der Lagune erkennt man die Dauerbaustelle des Flutwehrsystems Mose und sieht die Schiffe vorbeiziehen, die den Pendelverkehr zwischen Markusplatz und Punta Sabbioni bestreiten. Kein Kreuzfahrtschiff in Sicht. Die sind wohl alle schon am Sonntagabend zu neuen Zielen aufgebrochen. Hier hat man für einige Stunden die Lagune mit Venedig als Hintergrund ganz für sich.

Auf Menschen treffen wir erst wieder an der Dorfkirche. An der Haltestelle gegenüber warten wir mit einigen anderen auf das Vaporetto, das unterwegs noch zwei Passagiere von der Insel Vignole aufnimmt und danach, unbekümmert um die Menschentrauben auf der Insel Murano, vorbei an der Friedhofsinsel auf die Kirchtürme Venedigs zustrebt. An den Fondamente Nove sind wir wieder in der Wirklichkeit angekommen, die tagaustagein zu jeder Jahreszeit das Leben dieser Stadt bestimmt. Sprachgewirr, Gedränge, alle zehn Meter eine Bar, ein Restaurant, eine Eisdiele. Fehlen nur noch die ambulanten Verkäufer von Taschen und Selfie-Sticks.