Flipflops zu Engelsflügeln!

IMG_4319Auf Flügeln zu den Grenzen der Künste?

Schon zum zweiten Mal innerhalb von zwei Jahren kommen Venezianer und kunstbeflissene Besucher Venedigs in den Genuss einer Bilderausstellung, die in dieser Form wohl einzigartig ist. Man ist konfrontiert mit mehreren tausend Bildern im Postkartenformat, die der Gründer des Benetton-Konzerns, Luciano Benetton, in aller Welt bei jungen und etablierten Künstlern in Auftrag gegeben hat und nun auf Ausstellungen, in dickleibigen Katalogen und im Internet der Öffentlichkeit zugänglich macht. 2013 wurden diese kleinformatige Bildersammlung schon einmal im Palazzo Querini Stampalia präsentiert, in diesem Jahr ist der Ausstellungsort die Fondazione Giorgio Cini auf der Insel S. Giorgio.

Auf der Internetseite der 1987 gegründeten Stiftung der Benetton-Familie heißt es zu dem Projekt:„Imago Mundi is a cultural, democratic and global project that looks to the new frontiers of art in the name of coexistence of expressive diversity.“ Die Ausstellung, die mit knapp 7000 Exponaten etwa die Hälfte der bisher gesammelten Bilder zeigt, ist so etwas wie ein Atlas der in allen Teilen der Welt anzutreffenden Kunstschaffenden, die überwiegend der formalen Restriktion (10 x 12 cm) gehorcht und nur gelegentlich Werke geliefert haben, die das Format sprengen. Wer große regionale Abweichungen in der Wahl und Behandlung der Motive erwartet, wird zum Thema kulturelle Diversität keine spektakulären Entdeckungen machen. Vielleicht ist damit schon die markanteste Wirkung der Globalisierung ausgesprochen, der sich auch die Künstler nicht entziehen konnten.

Die Ausstellung auf S. Giorgio ist perfekt organisiert und inszeniert. Man bewegt sich durch die Kontinente und Regionen wie in einem großen Kaleidoskop. Auch der Internetauftritt läßt keine Wünsche offen. Man kann sich von Land zu Land und von Kontinent zu Kontinent durchklicken und ist tagelang beschäftigt, wenn man es darauf anlegt, über 12 000 Künstlern aus 98 Regionen zu begegnen, von denen die meisten wohl noch auf ihre Entdeckung warten.

Einen ganz anderen Weg, auf dem wir die globale Entgrenzung der Kunst erfahren sollen, geht die Tagore Foundation International mit der Ausstellung Frontiers Reimagined, die im Palazzo Grimani als Biennale-Beitrag noch bis 22. November zu sehen ist. Da sind Maler, Konzeptkünstler, Videokünstler, Fotografen und Gestalter von Installationen und Plastiken versammelt, die aus den unterschiedlichsten Regionen der Welt kommen und auf dem internationalen Kunstmarkt schon etabliert sind. Man ist da mit über 60 Werken konfrontiert, die in dem weiträumigen Palazzo großzügig verteilt sind: Objekte zum Schmunzeln, andere wieder zum Frösteln. Die Engelsflügel, bei denen bunte Flipflops die Rolle von Federn übernehmen, sind eher zum Schmunzeln, während die Rollstühle aus Rasierklingen und der Laufsteg aus Totenköpfen wohl widersprüchliche Gefühle auslöst.

Wer im Zweifel ist, was die Künstler und noch mehr die Veranstalter uns sagen wollen, halte sich bitte an das Statement des Kurators Marius Kwint: „Frontiers Reimagined aims to dissolve barriers of dominant nationalism, ethnocentrism and identity politics. At this moment in history, with people around the world locked in increasingly intransigent ideologies, the mingling of ideas across borders has never been more vital.“

Der Künstler als umtriebiger Weltbürger, der mitwirkt, nationale Unterschiede und Feindseligkeiten zu überwinden. Wenn wir ihn da nicht überfordern. Noch ist uns das politische Mantra „Schwerter zu Pflugscharen!“ in guter Erinnernung. Bekommen wir es nun mit dem künstlerischen Mantra „Flipflops zu Engelsflügeln!“ zu tun? Warten wir ab, welche Wirkung es entfaltet.

Der Besuch beider Ausstellungen ist gratis.

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www.imagomundiart.com

www.frontiersreimagined.org