Von Steinen und Stolpersteinen

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Was ist schon Großes von Venedigs Pflastersteinen zu berichten. Keiner hat ihr Gesamtgewicht berechnet. Dabei ist im Laufe der Jahrhunderte einiges zusammengekommen, was man aus Istrien herbeigeschafft hat, um die Gassen und Plätze Venedigs begehbar zu gestalten. Seitdem haben die Steine Millionen von Schuhsohlen über sich ergehen lassen. Sie sind nicht kleinzukriegen, wie man sieht.

 

Nun gibt es auch den einen oder anderen Stein, um den sich eine Geschichte rankt. Auf einen solchen hat uns jetzt ein neuer Reiseführer aufmerksam gemacht, der unseren Blick für das VERBORGENE VENEDIG schärfen will. Wenn man sich, den S.-Peter-Kanal überquerend, der gleichnamigen Kathedrale nähert, die einst die Amtskirche des Patriarchen von Venedig war, ist da ein gepflasterter Weg, der direkt zur Kirche führt. Da entdeck der aufmerksame Besucher inmitten der grauen Pflastersteine auch einen weißen. Einen einzigen.

 

Dieser Stein ist da nicht aus Versehen verlegt worden. Vielmehr markiert er den Punkt, an dem sich zu Zeiten der Serenissima der Doge und der Patriarch trafen, wenn es denn nicht zu vermeiden war, dass die weltliche und die kirchliche Macht etwas zu verhandeln und zu klären hatten. Der Doge hätte es als demütigend empfunden, wenn er bis zur Kirche des Patriarchen hätte gehen müssen, und dem Patriachen blieb es erspart, den Dogen bei seiner Ankunft im Boot begrüßen zu müssen. So wahrten beide ihr Gesicht. Ein Stein genügte, um diplomatische Verwicklungen zu vermeiden und ein Gleichgewicht der Macht zu erhalten. Mit dem Einzug Napoleons in die Lagunenstadt wurde alles anders. Der Doge wurde abgeschafft, der Patriarch in die Kirche des Dogen am Markusplatz versetzt. Da sitzt er bis heute. Der Stein ist von seiner beschwichtigenden Funktion erlöst.

 

Ganz anders verhält es sich mit den neuen Steinen, die gar keine echten Steine sind, aber als Stopersteine auch vor Venedigs Häusern zu finden sind, wo sie an die Deportation und Ermordung von Juden durch das Naziregime erinnern sollen. Die Venezianer und die Besucher werden es leicht veschmerzen können, dass der weiße Stein von S. Pietro in Vergessenheit geriet, während die Stolpersteine von Cannaregio bis S. Servolo uns immer wieder irritieren und in Erinnerungen rufen sollen, dass hier Menschen gelebt, deportiert und ermordet worden sind, nur weil sie Juden waren. Wie an anderen Orten auch sind die bis heute in Venedig verlegten Stolpersteine weit davon entfernt, das ganze Ausmaß der Verbrechen in Zahlen wiederzugeben. Ein als Google-Maps eingerichteter Stadtplan Venedigs weist auf die Orte hin, an denen solche Stolpesteine schon in das Pflaster eingearbeitet sind.

 

Das Deutsche Studienzentrum Venedig hat Anfang des Jahres für den Festakt anläßlich der Verlegung von fünf Stolpersteinen durch den Künstler Gunter Demnig einen würdigen Rahmen für das Ereignis geboten. www.dszv.it/de/events/…/stolpersteine-gunter-dem…

 

Siehe auch venedig-ebb.blogspot.com/…/wo-denn-genau-stol.. In dem Beitrag ist auch ein Hinweis auf google-maps enthalten.

 

Der Reiseführer VERBORGENES VENEDIG ist bei Edizioni Jonglez erschienen.