Neues Leben auf der Friedhofsinsel San Michele

Im Klostergarten wird wieder Wein gekeltert (Foto R.W.)

Im Klostergarten wird wieder Wein gekeltert (Foto R.W.)

Wer es sich in der Trattoria Corte Sconta im Sestiere von Castello gutgehen läßt, wird sich kaum Gedanken darüber machen, wie alt der Weinstock ist, dessen auslandendes Blätterdach ihm Kühlung spendet. Erst der Verein „Laguna nel bicchiere – le vigne ritrovate“ öffnete den Venezianern die Augen für den Weinanbau, der auf der Lagune eine lange Tradition hatte. Da erfährt man dann, dass der schattenspendende Weinstock schon über hundert Jahre alt ist und bis heute verwertbare Trauben der Sorte Tocai trägt.

Der Verein, der seit 2008 besteht, ist auf der Suche nach vergessenen und verwahrlosten Weinstöcken in Venedig an den merkwürdigsten Orten fündig geworden. Zum Beispiel im Arsenale, wo man eher Kriegsgerät erwartet, oder hinter dem Bahnhof S. Lucia gleich neben den Gleisen, und – ja, auch da – auf dem Friedhof San Michele. Die Franziskanermönche, die seit zwei Jahrhunderten auf der Insel lebten und im Klostergarten noch in den ersten Jahren dieses Jahrtausends neben Gemüse und Kräutern auch Wein anbauten und kelterten, verließen das Kloster und überließen der Friedhofsverwaltung den Garten und die Kellerräume mit der Einrichtung, die sie bis zuletzt für die Weinproduktion genutzt hatten.

Der Friedhofsverwaltung konnte nichts Besseres passieren als eine Gruppe von Menschen, die sich der Wiederentdeckung des Weinanbaus im Stadtgebiet von Venedig und auf den umliegenden Inseln verschrieben hatten. Diese Menschen sind nun seit fast zehn Jahren aktiv. Sie pflegen die alten Weinstöcke unter kundiger Anleitung, sie kultivieren, experimentieren, sie ernten die Trauben und verarbeiten sie zu Wein. Dabei ist die Weinlese nicht nur auf San Michele beschränkt. Auch Weinstöcke von Tana (Arsenale), Le Zitelle (Giudecca), Vignole, Sant Erasmo und Malamocco (Lido) werden geerntet und zu Wein verarbeitet.

Nur auf Mazzorbo, wo die Stadt ebenfalls ein notleidendes Anbaugebiet zu vergeben hatte, mußte der Verein einem professionellen Betrieb den Vortritt lassen. Dort wird jetzt wieder die fast ausgestorbene Rebe Dorona kultiviert, aus der, wie es heißt, einst der Wein der Dogen gekeltert wurde. Heute findet er wohl Liebhaber aus aller Welt, die nicht nur den Wein zu schätzen wissen, sondern auch die Flasche, die speziell für diesen Wein auf Murano unter Verwendung von Blattgold hergestellt wird. Mundgeblasen, versteht sich.

Da sind die Entdecker der Weinstöcke bescheidener. Sie verwenden die Einrichtung und die Gerätschaft, die sie in dem Franziskanerkloster auf San Michele vorgefunden haben. Die alten Bottiche und Fässer, sie kommen wieder zu Ehren. Ja, auch das Keltern kommt ohne die Zugabe von Schwefel aus. Dafür muß man bei der Sortierung der Beeren besonders aufmerksam sein und alle angefaulten Früchte aussortieren, bevor man sie mit bloßen Füßen zu Maische verarbeitet.

Die auf Flaschen gezogenen Weine verraten mit ihren Etiketten ihre Herkunft: Tana sconta, Arcangeli scalzi, In vino veritas, Turgide Vignole al vento, Dorona di Sant Erasmo. Man wird nach diesen Weinen in den Supermärkten vergeblich suchen. Ihre „Vermarktung“ beschränkt sich auf Vereinsmitglieder und ihren Freundeskreis. Dabei gehört die in Vergessenheit geratene Geschichte über den Weinanbau in den Klöstern Venedigs wohl auch zu den Ingredienzien der Erfolgsgeschichte, auf die man als Winzer des Veneto vom Gardasee bis zur Adria so gerne so stolz ist.

Die Weine der Lagune, nach Lagen abgefüllt (Foto R.W.)

Die Weine der Lagune, nach Lagen abgefüllt (Foto R.W.)

Flavio Franceschet, Initiator und Motor der Bewegung (Foto R.W.)

Flavio Franceschet, Initiator und Motor der Bewegung (Foto R.W.)

Der Klosterbau von Codussi (Foto R.W.)

Der Klosterbau von Codussi (Foto R.W.)

Nachtrag und Nachruf

Der Initiator und Motor der Bewegung „La Laguna nel Bicchiere“, Flavio Franceschet, ist am 6. März 2017 überraschend gestorben. „Ragazzi, mi sento male“, waren seine letzten Worte. Wir sind ihm in den letzten Jahren wiederholt begegnet und haben ihn  an seinem geschmückten Hut immer wieder erkannt. Nun wollen wir hoffen, dass es jemanden gibt, der die langfristig angelegte Arbeit mit den Weinstöcken Venedigs in seinem Sinne fortsetzt.