Das Deutschlandlied? Ja, zehnmal!

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Man kommt ins Arsenale auch ohne Biennale-Ticket. Wo sich die letzten Ausläufer der Kunstausstellung in dürftig hergerichteten Gemäuern verlieren, kann man unter schattigen Platanen verweilen und die Kunst Kunst sein lassen. Nur der kollektiven Soundinstallation der Zikaden entkommt man in diesen heißen Tagen nicht. Aber die Zikaden bekommen Konkurrenz. Seltsam bekannte Klänge dringen ans Ohr. Die deutsche Nationalhymne? Ja, es ist die Melodie, die Haydn 1796/97 für den österreichischen Kaiser komponiert hat, nur der Text, der da von einem Gospelchor gesungen wird, klingt nicht wie Hoffmann von Fallersleben.

Der nigerianische Künstler Emeka Ogboh, im diesjährigen Biennalekatalog unter der Nummer 135 vorgestellt, hat die deutsche Nationalhymne in zehn verschiedene afrikanische Sprachen übersetzen lassen, die nun nacheinander über zehn Lautsprecher immer wieder erklingen. Von morgens zehn bis abends 18 Uhr. Zuerst mit einer Solostimme, dann mit dem ganzen Chor. Auf Kikongo, Igbo, Yoruba, Lingala, Ewondo, Twi, Donales, Sango, More, Bamum, so wie sich Hunderttausende in Zentralafrika, Nigeria, Kamerun, Ghana, Kongo, Angola verständigen. Das sind nicht die Amtssprachen der jeweiligen Länder, die sind wie in guten alten Kolonialzeiten immer noch Englisch, Französisch oder Portugiesisch.

Aber die Melodie insistiert: Es geht um Einigkeit, um Recht, um Freiheit. Kein kleines Thema in Ländern, wo es um diese Werte eher schlecht bestellt ist; gleichzeitig ein seltsam verwirrendes Erlebnis mit den schrammelnden Zikaden in den Bäumen und dem globalen Babylon, das uns ohne Pause aus zehn Lautsprechern entgegenkommt. Eine Melodie aus dem 18. Jahrhundert, ein Text aus dem 19. Jahrhundert und seine verschiedenen Übersetzungen, die in Worten, die uns nichts bedeuten, das ausdrücken, was uns sehr viel bedeutet: Einigkeit und Recht und Freiheit. Sind diese Menschen, die unsere Nationalhymne so inbrünstig in ihrer Sprache vortragen, schon alle auf dem Weg, um sie demnächst bei uns mit deutschem Text zu singen? Wer wollte es ihnen verdenken, wenn sie davon träumen.