Ein Schlüsselerlebnis ganz ohne Schlüssel

Ein kommunikatives Bedienungsfeld (Foto R.W.)

Ein kommunikatives Bedienungsfeld (Fotos R.W.)

Der Palazzo Querini Stampalia am Campo S. Maria Formosa aus dem 16. Jahrhundert beherbergt die gleichnamige Stiftung, die der letzte Erbe der Grafenfamilie 1869 der Stadt Venedig vermacht hat. Hier gehen täglich viele Besucher ein und aus, um in der Bibliothek ihre Studien zu betreiben oder eine der Ausstellungen zu sehen. Die Besucher finden im Eingangsbereich großzügig bemessene Schließfächer für Garderobe,Schirme und Taschen. Hier überrascht das traditionsreiche Haus mit einer sehr innovativen Einrichtung, die der Tatsache Rechnung trägt, dass viele Bibliotheksbesucher täglich ins Haus kommen und bis in die Nachtstunden in den Bibliotheksräumen verweilen.

Die Schließfächer befinden sich gleich neben dem Eingang links. Es sind einige hundert, teilweise für Taschen und teilweise für Garderobe. Auf den ersten Blick scheinen alle Fächer belegt zu sein. Nirgendwo steckt ein Schlüssel. Stattdessen ist in die Wand der verschlossenen Türen ein System eingebaut, mit dessen Hilfe man ein Schließfach zugewiesen bekommt. Ein Display, ein Quittungsdrucker und ein Lautsprecher spielen zusammen und machen Schlüssel überflüssig. Wer sich diesem Arrangement nähert, entdeckt zwei Knöpfe. Einen für die Anfrage nach einem freien Schließfach, den anderen, um wieder an den Inhalt des Schließfachs zu kommen. Eine Stimme erklärt, man solle doch den ausgedruckten Quittungsabschnitt mitnehmen, auf dem die Nummer des zugewiesenen Fachs steht, das sich wie von Geisterhand bewegt göffnet hat. Dort deponiert man seine Habseligkeiten und drückt die Tür zu. Eigenhändig, bitte sehr.

Will man seine Habseligkeiten entnehmen, muss man wieder das Display konsultieren. Diesmal drückt man den rechten Knopf, und wieder ist die Stimme zu vernehmen, die uns auffordert, den auf dem Quittungsabschnitt ausgedruckten Zugangscode einzutippen. Ein Versuch mit der Schließfachnummer? Fehlgeschlagen. Da erst fällt einem auf, dass da nicht nur die Schließfachnummer steht, sondern auch eine sechsstellige Ziffernfolge, die hier die Rolle eins Sesam-öffne-dich hat.Sie wird jedesmal neu generiert, wenn das Schließfach erneut vergeben wird.

Doch was passiert, wenn man den verdammten Zettel nicht mehr findet? Das kommt vor, wie man uns am Empfang bestätigt. Dort hat man – gleichsam als Generalschlüssel – einen Super-Zugangscode parat, mit dessen Hilfe sich jedes Schließfach öffnen läßt. Und wenn man sich die Nummer gemerkt hat, findet man da auch seine Habseligkeiten.

Auf Nachfrage erfahren wir, dass die Anlage aus Japan stammt und seit gut zwei Jahren in Betrieb ist. Regelmäßige Besucher haben sich inzwischen an die Stimme gewöhnt, die ihnen ein Schließfach zuweist und dabei auch Wünsche berücksichtigt. So kann man entweder ein Schließfach für Gepäck oder eines für Garderobe anfordern. Für Menschen, die nur mit ihrem Stockschirm unterwegs sind, haben die Japaner als Zugabe auch eine Anlage für Regenschirme mitgeliefert. Die aber funktioniert nur mit Schlüsseln. Ist das konsequent?

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