Wohin mit dem Strandgut?

Die Ernte eines langen Winters

Die Ernte eines langen Winters (Foto R.W.)

Wer den Strand von Lido im April erlebt, muss schon einige Phantasie aufbringen, um sich vorzustellen, dass der gut fünf Kilometer lange und unterschiedlich breite Sandstreifen im Sommer wieder zur Goldgrube mutieren wird. Zwar geht es da nicht mehr so mondän zu wie in Thomas Manns Novelle Der Tod in Venedig, und auch die Kulisse für den gleichnamigen Film über fünfzig Jahre später ist heute in einem bedauernswerten Zustand, dafür verteilt sich die Goldgrube jedes Jahr aufs neue mit bewirtschafteten Badegelegenheiten im Norden, in der Mitte und im Süden über die gesamte Länge der Insel.

Zum Ende der Saison hat man, wie jedes Jahr, mit Schaufelbaggern den Sand zu meterhohen Dämmen aufgeschüttet, um die dahinterliegenden Reihen von Badekabinen vor den Winterstürmen zu schützen. Doch der kahlgeschaufelte Streifen davor blieb während der Wintermonate dem Spiel der Wellen und Gezeiten ausgesetzt.

Nun ist die Hinterlassenschaft eines langen Winters zu besichtigen. Totes Holz, so weit das Auge reicht, tausende Tonnen von Gestrüpp, entwurzelte Bäume, dazwischen von Menschen bearbeitetes Material, Bohlen, Kanthölzer, Kisten, Paletten, erstaunlich wenig Plastikmüll, verstreut, gehäuft, verknäuelt, chaotisch. Man fragt sich, wo für diese Bäume und Sträucher die Reise begann. An der Küste Istriens, Dalmatiens? Man sieht es ihnen nicht an. Sperrig und stumm ragen die Wurzeln in den Himmel.

Was Wind und Wellen während mehrerer Monate herbeigeschafft haben, muss nun binnen Wochen fortgeräumt werden. Jetzt sind die Schaufelbagger dran, die mobilen Kräne und Kettensägen, die die langen Stämme in handliche Stücke schneiden, die Sattelschlepper, die das Strandgut in Containern fortfahren. Wohin? Venedig braucht kein Brennholz. Venedig braucht einen herausgeputzten Strand. Dabei kann man auch außerhalb der Badesaison den Strand genießen, so wie er ist, und erwachsenen Menschen zuschauen, wie sie mit ihren großen Maschinen im Sand spielen, als wären sie noch Kinder.