Noch geheim: eine Cloud zur Rettung Venedigs

Warten auf den Wasserbus (Foto R.W.)

Angereist ohne Besucher-Chip? (Foto R.W.)

Im Mai 2015 haben die Venezianer endlich die Gelegenheit, einen neuen Bürgermeister zu wählen. Der alte wurde 2014 wegen Verwicklungen in einen Korruptionsskandal um das Flutwehrsystem MOSE seines Amtes enthoben. Seitdem ist ein aus Rom entsandter kommissarischer Bürgermeister für die Geschäfte der Stadt zuständig. Zur Zeit sind alle Parteien von extrem links bis extrem rechts damit beschäftigt, ihre Kandidaten und Rezepte für die Genesung Venedigs zu präsentieren. In keinem Programm fehlt das Versprechen, alles anders zu machen und ganz innovativ an die brennenden Probleme der Stadt heranzugehen. Dabei werden die Wähler viele alte Bekannte antreffen und viel Bekanntes zu hören bekommen. Kein Joker dabei. Oder doch?

Es gibt ein Dokument, ein geheimes, das eine wirklich radikale Lösung für das immer wieder beklagte Tourismusproblem in Aussicht stellt. Das liest sich so: „Erlöse uns von den Touristen. Ich habe gehört, dass viele von euch diesen Satz in ihr tägliches Gebet aufnehmen, ganz so, als wäre unsere Stadt von der Pest heimgesucht. Das Beten hat damals nicht geholfen, und es hilft heute noch weniger. Dem Tourismus müssen wir anders begegnen. Positiv! Besucher sind uns willkommen, weil sie zum Wohlergehen der Stadt, zu unserem Wohlergehen beitragen können…“ Das sieht ganz nach einem Redekonzept aus. Die Klage über die Touristenmassen, die Venedigs Bürger Jahr für Jahr über sich ergehen lassen, ist ja nicht neu und eine praktikable Lösung nicht in Sicht, abgesehen von dem Vorschlag des Fotografen Oliviero Toscani, der den Venezianern empfohlen hat, Besucher nur hereinzulassen, wenn sie sich zuvor einem Lehrgang zum würdigen Umgang mit der Lagunenstadt unterzogen haben.

Ähnliches schwebt wohl auch dem unbekannten Verfasser des geheimen Dokuments vor, nur dass er weniger am Geist als am Geld der Venedig-Besucher interessiert ist. Wenn sich die Venezianer von der Machbarkeit seines/ihres Plans überzeugen lassen (es stellen sich auch Frauen zur Wahl), dann ist dem unbekannten Verfasser im Mai die Zustimmung so gut wie sicher.

Das Dokument könnte ein Entwurf für eine Wahlkampfrede sein. Es wird appelliert, die Flut der Touristen als Segen zu verstehen -wie einen Fluß, den man dazu bringt, bei der Energieerzeugung mitzuspielen. Damit ist klargestellt, dass es nicht um eine Beschränkung der Besucherzahl geht. Alle sollen kommen, aber säuberlich getrennt nach Interessen und Spendabilität. Keine Kontingentierung, dafür Diskriminierung.Dazu möchte man am liebsten möglichst schon vor Reisebeginn möglichst viele Besucher darauf einstimmen, dass man sie „abholt“ und ihre Begegnung mit der Stadt regelrecht inszeniert, VIP treatment eingeschlossen. Man will es nicht den Besuchern überlassen, wie sie nach Venedig kommen und dort ihre Zeit verbringen. Sie sollen sich beraten lassen, während sie ihre Reise planen, und auf ein Programm festlegen, das die Stadt ihnen empfiehlt. Dazu werden Besucher-Chips verkauft, die die gebuchten Besichtigungsprogramme enthalten und den Zutritt zur Stadt durch elektrische Schleusen ermöglichen. Das ist die Neuheit, die dieses Vorhaben von allen bisherigen unterscheidet, die den Besucherstrom einschränken wollten: die Abschirmung der Stadt durch elektronisch überwachte Zugangsschleusen.

Doch Spontanbesucher müssen nicht draußen bleiben. Sie können an den elektronischen Schleusen eine Spar-Version des Besucher-Chips ohne VIP treatment kaufen. Die Abrechnung der gebuchten Leistungen erfolgt bargeldlos. Auch Geschäfte sollen die Möglichkeit bekommen, ihre Angebote im Zugangspaket zu präsentieren und je nach Typ des Pakets zu differenzieren. Für getätigte Geschäfte erhält die Stadt eine Kommission. Ohne den Chip der vielen Möglichkeiten soll Venedig eine verbotene Stadt werden. Wer sich klandestin in ihr aufhält, soll überall auf Hindernisse und Barrieren stoßen, bis er begreift: Ich brauche diesen Chip! Für diesen Fall der späten Einsicht stehen zahlreiche Check-Spots bereit, die Spontanbesuchern vor Ort den ersehnten Chip verkaufen. Der gelenkte Besucher hat mit seinem Chip so etwas wie den Sesam-öffne-dich für die Stadt erworben und kann von den Angeboten nach Belieben Gebrauch machen oder nicht. So viel Freiheit darf es dann doch sein.

Bleibt schließlich noch die spannende Frage nach der Realisierungsmöglichkeit und den Kosten. Auch da gibt es eine Überraschung, denn in dem Geheimdokument wird versprochen, das System Future Venice – so wird es dort genannt – , in dem jeder mit jedem und alles mit allem vernetzt ist, soll die Venezianer nicht einen Cent kosten. Im Gegenteil – praktisich alle Leistungen, die man an die Besucher verkauft, sollen auch für die Venezianer (knapp sechzigtausend Residenti) zugänglich sein, und zwar unentgeltlich. Doch es kommt noch besser: Alle Vorarbeiten für die Programmierung und Implementierung der Infrastruktur, die Bereitstellung der Technik mit der nötigen Rechnerkapazität in einer sogenannten „Cloud“, die laufende Verarbeitung der Prozesse in Echtzeit sowie das kontinuierliche Monitoring der Informationsflüsse zwischen Besuchern und Anbietern sind angeblich schon sichergestellt. Federführend sei ein „namhaftes international tätiges Internet-Unternehmen“, das alle Entwicklungskosten trägt und sich für einen Test in Venedig „wegen seiner Lage und seiner Relevanz als herausragendes Weltkulturerbe“ entschieden hat und es geradezu als „Glücksfall betrachtet, hier neue Erkenntnisse und Vermarktungsmöglichkeiten für ähnlich gelagerte Probleme in anderen Städten der Welt“ zu gewinnen. Angesichts von über 20 Millionen Besuchern aus aller Welt, die in Venedig im Laufe eines Jahres ihre Spuren hinterlassen, wird man die Großzügigkeit des Internet-Unternehmens richtig verstehen. Die Venezianer werden es vor allem gerne hören, dass dieses Projekt – anders als das Flutwehrsystem MOSE – sofort installiert und in Betrieb genommen werden kann. Ein Wahlversprechen? Ein Lichtblick. Vielleicht ein Aufbäumen gegen die Vereinnahmung der Stadt durch Touristen und jene, die am Tourismus verdienen, während die Stadt selbst dabei bisher mehr oder weniger leer ausging.

Im Mai wird man sehen, wer als neuer Bürgermeister der neuen Metropole Venedig die Gelegenheit bekommt, sein Verprechen zu halten oder nicht.