Hier werden Mythen buchstabiert

Mythen buchstabiert (Foto R.W.)

Mythen buchstabiert (Foto R.W.)

Das lateinische Alphabet umfaßt 26 Zeichen, das hebräische kommt mit weniger aus, weil es auf die Darstellung von Vokalen verzichtet. Nun aber konfrontiert uns ein russischer Künstler jüdischer Herkunft mit einem Alphabet, das es auf 160 Zeichen bringt. Er heißt Grisha Bruskin, lebt und arbeitet in Moskau und New York und nennt seine Sammlung „Alefbet“, wie den ersten Buchstaben im hebräischen Alphabet.

Die Ausstellung Alefbet. Alfabeta della Memoria ist seit dem 12. Februar in den Räumen der Fondazione Querini Stampalia zu bestaunen und bleibt bis zum 13. September 2015 geöffnet. Was hat es mit dieser Ausstellung auf sich? Bruskin, ein erfolgreicher Künstler, der sich selbst nicht in der jüdischen Tradition verwurzelt sieht, hat sich von den Büchern des Talmud und der Kabbala faszinieren lassen, ist in die tausendjährige jüdische Geschichte eingetaucht und kommentiert seine „archeologischen“ Erkenntnisse in einem faszinierenden Buchstabenkosmos. Die Zeichen, die da koboldesk und heraldesk aus den Geschichten und Mythen der alten heiligen Schriften aufsteigen, sind selbst für bibelfeste Besucher nicht leicht zu entziffern. Das „archeologische“ Material, das Grisha Bruskin hier zum ersten Mal präsentiert, sind großformatige Wandteppiche, dazu Vorzeichnungen, Gouachen und Ölbilder. Dieses Material dient als Einstieg in die Multimedia-Präsentation mit den unterschiedlichen Geschichten, die sich aus den einzelnen Zeichen des Alphabets entwickeln und immer neue und überraschende Zusammenhänge herstellen. Bruskin selbst beschreibt seine Zeichensprache als „eine Art mythologisches Wörterbuch, in dem die Sprache sich als Sammlung von Symbolen und Allegorien darstellt, die zu entziffern und zu erraten sind. Man muss dazu die eigene persönliche Erklärung finden.“

Hilfreich ist dabei die Multimedia-Schau mit großen Animationsflächen, auf die die Figuren des Alphabets projiziert sind und sozusagen durch Handauflegen ihre Geschichte preisgeben, oder sagen wir eine von mehreren möglichen Geschichten, die stellenweise auch mit den Geschichten des Betrachters korrespondieren können. Mit den Mythen ist es ja ähnlich wie mit unseren paläontologischen Vorfahren: Der „Fisch in uns“ lebt mit uns weiter.

Grisha Bruskin wurde 1945 in Moskau geboren, studierte in seiner Geburtsstadt und wurde 1969 Mitglied in der Union der Sowjetkünstler. Seine Kunst fand allerdings wenig Gefallen bei den Zensoren der kommunistischen Partei. Erst mit der Perestroika ergab es sich, dass auch westliche Galerien den Künstler „entdeckten“ Seit 1988 lebt Bruskin in New York. 1999 bekam er von der Bundesregierung den Auftrag zu einem Bild für den Clubrauam im Berliner Reichstag. Das Werk, ein monumentales Triptychon mit 115 Einzelmotiven, hat den Titel „Leben über alles“. Wer denkt da an Deutschland über alles?

Grisha Bruskin. Alefbet: Alfabeto della memoria“ 12. Februar bis 13. Sepember 2015

Fondazione Querini Stampalia, Campo Santa Maria Formosa

Geöffnet jeweils von 10 bis 18 Uhr, Dienstag – Sonntag

Eintritt frei, Katalog 30 €

Die Ausstellung wird gefördert vom Studienzentrum für Russische Kunst (CSAR)

an der Universität Ca Foscari