Die lange Tradition der Abstraktion in Japan

Die Abstraktion eines Teehauses (Fotos R.W.)

Die Abstraktion eines Teehauses (Fotos R.W.)

Die künstlerischen Fotoarbeiten von Hiroshi Sugimoto (66) werden auf internationalen Ausstellungen gezeigt und sind bei Sammlern begehrt. Aber ist der japanische Fotograf mit Ateliers in Tokio und London auch Architekt? Bisher war er es nicht. Nun aber hat er in spielerischer Auseinandersetzung mit der traditionellen japanischen Teezeremonie für die Fondazione Cini ein gläsernes Teehaus entworfen, das man seit der Eröffnung der Architekturbiennale auf der Insel San Giorgio besuchen kann. Gegenüber den Stanze del Vetro, wo es wechselnde Ausstellunge zur venezianischen Glasbläserkunst zu bewundern gibt, findet man den etwas verstecken Eingang zum Gläsernen Teehaus Mondrian, an dem japanische Traditionalisten wohl einiges auszusetzen haben dürften.

Der eingezäunte Garten mit Sitzbänken und einem Glashaus inmitten eines Wasserbeckens hat eine Fläche von 40 mal 12,5 Metern. Es gibt dort weder einen Gastgeber, der seine Gäste persönlich empfängt und bedient, auch keine Feuerstelle für die Teezubereitung und folglich auch keinen Tee. Aber die Anordnung der Elemente, die Einbeziehung der Umgebung, die Verwendung der Materialien, die ästhetische Gestaltung des Ortes, das alles ist für Sugimoto eine gelungene Verwirklichung des Teehauses im Sinne des Teemeisters Sen no Soeki (Rikyu), der im 16. Jahrhundert in Japan die Ästhetik der Teezeremonie festgelegt hat. In einem Interview mit der New York Times erklärt Sugimoto, dass es auch für so heilig gehaltene Traditionen wie die japanische Teezeremonie bekömmlich sein kann, wenn man sie nicht nur sklavisch wiederholt, sondern respektvoll mit ihr spielt. Ganz in diesem Sinne ist wohl auch zu verstehen, dass Sugimoto sein gläsernes Teehaus mit dem Namen Mondrians verbindet. Bei der Planung des Teehauses entdeckte er verblüffende Ähnlichkeiten in dem Willen zur Abstraktion, die ein Haus des japanischen Teemeisters aus dem 16. Jahrhundert und die Werke des holländischen Malers des 20. Jahrunderts bestimmt. So dürfen, so sollen wir das Gläserne Teehaus Mondrian einerseits als Ort der Tradition und gleichzeitig als Ort der Moderne verstehen. Sugimoto drückt es so aus: „Mir gefällt die Vorstellung, dass Mondrian dieses Teehaus geschaffen haben könnte, als er in dem Vogelgezwitscher ringsum die Stimme und die Worte von Sen no Rikyu vernahm.“

Wer die Teeschalen im Garten vermißt, kann sie sich in den Stanze del Vetro ansehen.

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Die Ausstellung ist noch bis Ende November geöffnet. Eintritt frei

www.lestanzedelvetro.it