Das Ratten-Vlies

Von diesen Ratten droht keine Gefahr (Foto R.W.)

Von diesen Ratten droht keine Gefahr (Foto R.W.)

Als im März 1348 eine Galeere von ihrem Militäreinsatz zum Schutz einer Handelsniederlassung im Schwarzen Meer wieder in Venedig einlief, hatte sie die Pest an Bord. Bald danach war die ganze Stadt betroffen, die damals mit über 100 000 Einwohnern die größte Europas war. Innerhalb weniger Monate hatte der schwarze Tod die Bevölkerung um drei Viertel vermindert.

Der Große Rat von Venedig war ratlos. Immerhin erkannte er in dem Ereingis ein Strafgericht Gottes gegen das Laster- und Luxusleben, das in der Stadt überhand genommen hatte, und gelobte Besserung in Worten und in Taten. Diese Erkenntnis und die daraus folgenden Maßnahmen zur Eindämmung der Pest fruchteten wenig, wie man heute weiß. Pestepidemien waren noch bis ins 18. Jahrhundert nicht gebannt. Erst Ende des 19. Jahrhunderts kam man dahinter, dass es die Ratten waren, die für die Verbreitung der Pest gesorgt hatten, indem sie mit den Rattenflöhen in ihrem Fell auch die Pesterreger zu den Menschen brachten.

Die Handelsbeziehungen Venedigs mit den entlegensten Ländern der damals bekannten Welt und die globale Mobiltiät von heute – beide sind sie mit Risiken behaftet. War es damals die Pest, so sind es in unserer Zeit immer wieder neue Infektionskrankheiten, die wir von unseren Weltreisen nach Hause mitbringen.

Kokons der Seidenspinner (Foto R.W.)

Kokons der Seidenspinner (Foto R.W.)

Die in England lebende mazedonische Künstlerin Elpida Hadzi-Vasileva thematisiert diesen Zusammenhang in ihrer Installation Silentio Pathologia mit einem Netz, das aus den Kokons von Seidenraupen geknüpft ist (repräsentativ für den florierenden Handel) und mit einem aus Hunderten Rattenhäuten zusammengenähten Vlies, das sich labyrinthisch durch den Raum zieht (Abscheu garantiert). Die Installation ist der offizielle Biennale-Beitrag der Republik Mazedonien und nicht ganz leicht zu finden. Man muß sich schon bis in den Stadtteil S. Croce vorarbeiten, wo das Vaporetto der Kunstinteressierten keine Haltestelle hat.

Über die Felle für das Rattenvlies heißt es in dem Begleittext zur Installation, die Tiere habe man von einem Lieferanten bezogen, der sie normalerweise als Lebendfutter an zoologische Gärten verkauft, die sie an ihre in Gefangenschaft gehaltenen Greifvögel, Reptilien und andere Fleischfresser verfüttern. Da entspinnt sich unvermittelt ein anderer Gedanke. Da haben wir es nicht mehr mit den Risiken der globalen Mobilität zu tun, sondern mit den Absurditäten, die wir uns zur Belehrung und Unterhaltung leisten, indem wir Tiere gefangenhalten, für die wir Tiere züchten, die den anderen Tieren zum Fraß vorgeworfen werden. Die Grenzen zur Massentierhaltung, die unseren Fleischbedarf decken soll, sind fließend.

Wie man sieht, ist die Biennale voller Geschichten. Hier ist eine, die noch lange nicht zu Ende erzählt ist.

Siehe auch www.elpihv.co.uk