(Kein) Land in Sicht

Garbage Patch State in Venedig (Foto R.W.)

Garbage Patch State in Venedig (Foto R.W.)

Kunststoff gleich Wertstoff. Auf den Weltmeeren hat diese Gleichung keinen Bestand. Im Laufe der Jahrzehnte haben die ins Meer gekippten Plastikabfälle eine Größenordnung erreicht, dass sie mehrere Inseln bilden, die insgesamt – so heißt es – so ausgedehnt sind wie der US-Staat Texas.

Da dieses Müllproblem sich nicht vor unserer Haustür auftürmt, sondern weit weg im Pazifischen Ozean herumdümpelt, existiert es für die meisten von uns auch nicht. Nur die Fachleute, Meeresbiologen und Ökologen, kümmern sich – und inzwischen auch Künstler.

Zum Beispiel die italienische Künstlerin Maria Cristina Finucci aus Lucca. Sie hat vor einigen Jahren von dem Müllproblem in unseren Meeren aus einer Zeitschrift erfahren und war betroffen. So entstand das Projekt Wasteland, das mit visuellen Mitteln die Dimension des Problems einem größeren Publikum vermitteln soll. In diesem Jahr mündete das Projekt in einer „Staatsgründung“. Am 11. April 2013 wurde im Pariser Unesco-Hauptquartier mit feierlichen Reden und Fahnenschwenken der Garbage Patch State ausgerufen. Ein Müllstaat also, der uns eher beschämen als stolz machen sollte.

Daraufhin bot Venedig, seit jeher vertraut mit den prekären Bedingungen eines Staatsgebildes, das sich im Wasser behaupten muss, dem neu gegründeten Staat eine Art Repräsentanz, die nun während der Biennale im Hof der Cà Foscari Universität am Canal Grande besucht werden kann. Da sieht man die Staatsflagge wehen und kann eine Installation aus Plastikabfällen bewundern, die sich an einer hohen Mauer emporrankt. In zwei kubischen Zelten bekommt man eine Vorstellung davon, wie das Leben in diesem schwimmenden Staat sein könnte. Die Aktion im Hof der Universität wird in einer zweisprachigen Dokumentation ausführlich beschrieben, die im Bookshop der Universität erhältlich ist.

Auch wenn bisher nur eine verschwindend kleine Zahl von Menschen diese Müllinseln mit eigenen Augen gesehen hat, ist die Phantasie umso verwegener. So gibt es schon eine Gruppe holländischer Architekten, die sich vorstellen können, die Abfälle auf hoher See in Baumaterial zu verwandeln und am Ende eine bewohnbare Insel zu schaffen. Das alles kann man bestaunen bei www.whim.nl unter Recycled Island. Die Bauten auf diesem Eiland erinnern stark an den Palais Lumière, den der Modeschöpfer Pierre Cardin in Marghera bauen wollte, immerhin auf festem Boden mit Blick auf die Lagunenstadt. Daraus wird leider nichts, kein gutes Zeichen für Recycled Island.

Das sollte uns nicht hindern, die Beziehungen zu dem neuen Staatsgebilde im Ozean aufzunehmen und zu pflegen, immerhin ist es erreichbar, wenn auch nur online:

www.garbagepatchstate.org

Nur für die ursprünglichen Bewohner der Region, die Meerestiere, ist dieser Staat nicht so bekömmlich, vielmehr lebensfeindlich.