Die Kunst des Korkenziehens

Vom Entkorken erschöpft. Biennale-Besucher in den Giardini (Foto R.W.)

Vom Entkorken erschöpft. Biennale-Besucher in den Giardini (Foto R.W.)

Die Maler des christlichen Abendlandes hatten es während der frommen Jahrhunderte irgendwie einfach. Die Vorgaben und Motive für ihre Bilder, man fand sie alle in dem EINEN Buch und den vielen Legenden, die sich daraus nach und nach entwickelten. Die Wunder, die dramatischen Einmischungen der himmlischen Mächte, die Heils- und Leidensgeschichten, die Sünder und die Frommen, das Erlösungsversprechen wurden in Bildern erzählt und verstanden, weil sie zum Alltag der Menschen gehörten.

Auch als später die Heiligen aus der Mode kamen und Menschen mit profanen Lebensläufen sich an ihre Stelle setzten – Könige, Kaufleute, Krieger -, war die Orientierung für die Künstler noch nicht schwierig. Ihr Kompass waren die Geldgeber, die sich in den Bildern wiederfinden wollten und dafür zahlten.

Und heute? Das Buch der Bücher hat ausgedient (auch wenn die Schöpfungsgeschichte auf der Biennale noch einmal als Comic nacherzählt wird). Die Welt, die uns heute umgibt, läßt sich nicht mehr in einfachen Geschichten erzählen. Die Künstler, die einst in schönem Einverständnis mit den Gläubigen aus dem vollen schöpfen konnten und die immer gleichen Themen immer wieder aufs neue präsentierten, sie sind jetzt darauf angewiesen, selbst zu denken. Ihre Stellung in der Gesellschaft ist prekär. Fromme Bilder sind nicht gefragt, die Menschen sind zu Konsumenten mutiert. Als solche bevorzugen sie leichte Kost, Fast Food fürs Auge, und wer genug Geld zusammengerafft hat, leistet sich Investitionen in die Kunst, die ruhig auch aus früheren Jahrhunderten stammen darf. Es ist schließlich eine Investition.

Da haben wir dann einen Kunstmarkt mit Galerien, Messen, Rezensenten, Auktionen. Da spielen die Motive, Maltechniken und Intentionen des Künstlers nicht mehr die entscheidende Rolle, sondern der erzielte Preis, der Marktwert des Künstlers. Die erworbenen Werke werden unter dem Namen des Sammlers gehortet und gelegentlich durch die Welt geschickt. Sie nehmen an einem weltweiten Ausstellungstourismus teil und bedienen die Konsumenten, die etwas von Kunst zu verstehen glauben. In den Kathedralen des Kapitals treffen sie sich zu einer neuen Form der Andacht und bestätigen damit zugleich, dass sich für den Sammler die Investition gelohnt hat.

Was macht der Künster angesichts der vorherrschenden Gewohnheiten und Marktbedingungen? Er produziert Massenware und bedient den herrschenden Geschmack. Oder er traut sich was. Packt den Stier bei den Hörnern. Den Stier des Kunstmarktes, wo die Galerien und Kuratoren den Wert eines Werkes beeinflussen. Ist das Glück ihm hold, steigt sein Ansehen und damit sein Marktwert. Er wird Teil einer Inszenierung rund um seine Produktion. Seine Werke erzielen stetig steigende Preise, wie auf dem Aktienmarkt. Dabei müssen sie weder erbaulich noch verständlich sein, nur teuer. Das bleibt das wesentlich Kriterium, ja das einzige. Wer als Künstler von den Rating-Agenturen des Kunstmarktes mit Triple-A bewertet wird, kann es sich leisten, rote Quadrate zu pinseln oder mit einem Tintenstrahldrucker einige „XXX“ drucken zu lassen. Er hat es geschafft. Bis auf weiteres. Denn der Markt ist volatil und gierig auf Neues. Neue Namen, neue Moden.

Die Regeln des Kunstmarktes sind für den normalen Bildbetrachter undurchschaubar, ganz wie auf dem Finanzmarkt. Da hilft die Kunst des Korkenziehens. Noch nie davon gehört? Sie ist schnell erklärt. Als erstes sollte man sich fragen, wie es kommt, dass vergleichsweise wenige Bilder in den Kathedralen des Kapitals versammelt sind. Das geschieht ja nicht von ungefähr oder aus Versehen. Vielmehr wirken daran die verschiedenen Kuratoren mit, die, ähnlich wie ein Sommelier bei der Weinverkostung, immer wieder wortreich alles wiederholen, was auf den Etiketten der Flaschen steht und die Connaisseure beeindrucken soll. Der Sommelier-Kurator, der uns den Inhalt der Ausstellung (der Flaschen) mit blumigen Worten erklärt, entpuppt sich gar oft als Etiketten-Schwindler. Nicht immer ist drin, was draufsteht. Manchmal ist auch gar nichts drin oder ein Gebräu, das einen schweren Kater verspricht. Oft genug kann man sich überlegen, ob man den Kater schon bekommen soll, ohne die Flasche zu öffnen.

Wie gut geht es da den Betrachtern, die ohne die Kunst des Korkenziehens auskommen. Sie haben es schlimmstenfalls mit Kronkorken zu tun, mit Schraubverschlüssen aus Plastik oder – noch fortschrittlicher – mit aufgelöteten Deckelhebern auf Blechdosen. Konsumiert und schon vergessen.