Futter für Wutbürger

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Wut, in Oktavheften verpackt (Foto R.W.)

Venedig scheint unersättlich zu sein und kann von Besuchern nicht genug kriegen. 20 Millionen jährlich, Tendenz steigend. Doch es gibt auch Venezianer, die von den Touristen genug haben und dies auch zum Ausdruck bringen.

In der Heftreihe „Occhi aperti su Venezia“ (Wachsame Augen auf Venedig ) werden Themen aufgegriffen, an denen sich die Wut der Eingeborenen entzünden soll. Bei diesen Themen sind es vor allem die Kommunalpolitiker und Bürgermeister – gewesene und amtierende – , die an den Pranger gestellt werden. Der Vorwurf: Sie haben die Stadt, die Lagune, die historischen Bauten an den Tourismus verkauft und damit die Lebensqualität für die Venezianer und indirekt auch für die Besucher zertört.

Bisher wurden in der Reihe 13 Hefte veröffentlich. Die Titel sprechen für sich. Im Heftchen „Lo Scandalo del Lido“ geht es um das Immobiliengeschacher und den neuen Filmpalast, der bisher nur als Baugrube existiert. „Caro Turista“ enthält die Aufforderung an die Touristen, doch lieber zu Hause zu bleiben. Das Gleiche gilt für die Kreuzfahrtpasssagiere. „E le chiamano navi“ (Und sowas nennen sie Schiffe) beschreibt die gigantischen Kreuzfahrtschiffe als bedrohliches Ärgernis für das Ökosystem der Lagune.

Die Verleger haben sicher noch etliche Themen in petto, die das Wutpotential steigern können. Es bleibt abzuwarten, ob es wirklich genügend unzufriedene Venezianer gibt, die zu Wutbürgern mutieren und entschlossen sind, an dem Ast zu sägen, auf dem sie sitzen. Venezianer sind beherrscht und geschäftstüchtig genug, um ihre Wut für sich zu behalten. So kann der ahnungslose Tourist weiterhin die Stadt mit Seinesgleichen überschwemmen und die andere Überschwemmung, die hier Acqua alta heißt, als gelungene Unterhaltungseinlage genießen.