Ach du heiliger Imob

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Die Opferstöcke des Heiligen Imob  (Foto R.W.)

In Venedig herrscht kein Mangel an Heiligen. Gassen und Plätze, Schiffe und Kirchen, sie alle erinnern an mehr oder weniger prominente Heilige. Und nun der Heilige Imob, den bisher noch keiner kannte!

Er kam vor wenigen Jahren als Fahrscheinkontrolleur ins Spiel, als man in Venedig das Ticket-System für den öffentlichen Verkehr auf Chipkarten umstellte. Nun findet er so flächendeckenden Zuspruch wie keiner der traditionellen Heiligen. Die Fahrscheinkontrolle wird dank Imob zum Religionsersatz. Man muß nur mal den Venezianern zusehen, wie sie, bevor sie den schwankenden Ponton betreten, ihre Handtaschen und Geldbörsen gegen den Sensor halten und sich nur in ganz seltenen Fällen genötigt sehen, das Ticket hervorzuholen und sozusagen “nackt” zu präsentieren, damit der Opferstock – das heißt der Sensor – sich zufriedengibt und auf “grün” umschaltet.

Diese neuen Opferstöcke findet man an jeder Vaporetto-Haltestelle jeweils in mehreren Exemplaren. Ihre Aufgabe ist es, zu prüfen, ob und in welcher Höhe die Opfergabe erbracht wurde. Entweder in Form einer Monatskarte, als Tages- oder Wochenkarte oder als Zehnerpäckchen von Einzelfahrscheinen.

017 Einige hundert dieser Opferstöcke sind

an den Anlegestellen Venedigs aufgestellt. An ihnen sollte keiner vorbeigehen, ohne sein Imob-Kärtchen zu zücken. So will es Sankt Bürokratius.

Der Heilige Imob, der konfessionsübergreifend Gläubige wie Ungläubige, Venezianer wie Toruristen bei ihren Bewegungen auf den Kanälen Venedigs kontrolliert, ist inzwischen so populär, dass sich neben ihm noch ein anderer Heiliger eingenistet hat, der nicht nur in der Lagunenstadt, sondern im ganzen Land für Furcht und Schrecken sorgt: Sankt Bürokratius. Diesem ist es zu verdanken, dass überall, wo man auf Imob-Opferstöcke trifft, auch die eindringliche Ermahnung zu lesen ist, unter keinen Umständen die Darbringung einer rituellen Opfergabe zu versäumen, weil andernfalls eine strenge Buße die Folge sein kann. Es ist von 36 bis 180 Euro die Rede.

Diese Ermahnung hat, wie es scheint, ihre Wirkung auf die Venezianer nicht verfehlt, die das Sankt-Imob-Ritual mit der gleichen Routine erledigen wie das Bekreuzigen beim Eintritt in eine Kirche. Welche Zwecke der heilige B. mit seinen Ermahnungen verfolgt, bleibt sein Geheimnis. Die Mehrung der Einnahmen kann es nicht sein, weil alle, die im Besitz einer Imob-Karte sind, diese schon irgendwie bezahlt haben.

Profaner ausgedrückt: Die Aufforderung, vor jedem Fahrtantritt in einem Vaporetto das vorausbezahlte Imob-Ticket an den Sensor zu halten, ist nur für jene von Bedeutung, die ihre Zehnerpäckchen “abfahren”. Bei allen anderen Tickets wird nur bestätigt, dass sie noch gültig sind.

Und wenn nicht? Dann steht man vor der Entscheidung, ob man schwarz fahren soll oder lieber nicht (angesichts der angedrohten Bußgelder überlegt man sich das). Manchmal wird einem diese Entscheidung auch abgenommen, wenn man vor einer Schranke steht, die sich nicht öffnet (zum Beispiel auf Lido). Diese gibt es nur selten. An allen anderen Stellen ist das Schwarzfahren eine reine Gewissensfrage. Beim Heiligen Imob!