Archiv der Kategorie: Biennale 2019

Verworrene Verwobenheiten im Web

An diesem Netz haben Neophila Senegalensis, Holocnemus Pluchei und Cyrtophora Citricola mitgewirkt und im Laufe der Zeit vielleicht auch einige in Venedig heimische Spinnen (Foto R.W.)

„Wir stolzen Menschenkinder

sind eitel arme Sünder

und wissen gar nicht viel;

wir spinnen Luftgespinste

und suchen viele Künste

und kommen weiter von dem Ziel.“ Weiterlesen

Biwak als Stätte der Begegnung

Leihgabe aus dem Bestand von Reinhold Messner (Foto R.W.)

Es ist gerade mal hundert Jahre her, da wurde im Friedensvertrag von St.-Germain-en-Laye die Region Südtirol dem Staat Italien zugesprochen. Ganz so wie im geheimen Londoner Abkommen mit Großbritannien und Frankreich vor dem Ersten Weltkrieg vereinbart. Seitdem zählt man sich in Italien zu den Gewinnern des Ersten Weltkriegs, der hier auch stolz immer als Grande Guerra bezeichnet wird. Da es seitdem in der betreffenden Region längere Zeit alles andere als friedlich zuging, hat sich inzwischen auch in Italien die Vorstellung durchgesetzt, dass der Gewinn aus dem großen Krieg ziemlich teuer erkauft wurde.

So ist es eine bemerkenswerte Wendung in der Wahrnehmung der Geschichte, wenn jetzt eine Gruppe von Künstlern aus Südtirol mit italienischen und deutschen Namen einen Biwak aus dem Gebiet der Alpen, wo seinerzeit die Frontlinie im Krieg der Italiener gegen die Österreicher (oder war es umgekehrt?) verlief, nach Venedig schafft und ihn als Ort der Zuflucht und der Begegnung präsentiert. Die Initiatoren bezeichnen die Schutzhütte als „kleines Europa“ in einem sonst von Nationalismen aufgewühlten Europa.

Die Schutzhütte als Symbol für ein offenes und friedliches Miteinander steht seit Eröffnung der Kunstbiennale 2019 auf der Insel S. Servolo. Als europäisch fühlender Weltbürger ist man auch für kleine Zeichen empfänglich, die uns daran erinnern, dass man in Kriegen immer nur verlieren kann, auch wenn man glaubt, sie gewonnen zu haben.

Migranten und Nomaden

Mit Grüßen von Banksy (Foto R.W.)

Der bekannte Streetart-Künstler, den man nur unter seinem Pseudonym Banksy kennt, hat sich vor der Eröffnung der Kunstbiennale 2019 in Venedig aufgehalten und Spuren hinterlassen. Zum Beispiel dieses Bild an der Mauer eines verfallenden Hauses am Rio Nuovo. Bei diesem Bild erleben wir den Begriff Streetart in einer neuen Dimension. Der Junge mit Schwimmweste und Fackel, der in der Lagunenstadt gestrandet ist, namenlos und stellvertretend für viele Namen, hat den Weg zu uns sicher nicht als Hitch-hiker hinter sich gebracht. Und der Künstler, der mit diesem Bild daran erinnern will, dass wir hier ein Problem haben, das mit den Mitteln der Kunst allein nicht zu lösen ist, hat wohl nicht viel Zeit gehabt, auf einem Boot stehend an einer der belebtesten Wasserstraßen Venedigs sein Werk zu vollenden. Wie dem auch sei, Venedig hat jetzt auch ein Bild von Banksy, der es fertiggebracht hat, ohne festen Boden unter den Füßen seine Arbeit zu machen. Besucher, die vom Campo Santa Margherita kommend die Brücke zum Campo S. Pantalon überqueren, entdecken den Jungen gleich links neben der Brücke.

Weiter abwärts am Canal Grande auf dem Campo San Vidal beherbergt die Anglikanische Kirche Saint George einen anderen Künstler, der den Betrachter ebenfalls mit dem Thema Migration konfrontiert. Im Unterschied zu Banksy gibt es bei ihm keine Zweifel an seiner Identität. Und auch die Arbeitsbedingungen, unter denen seine Werke entstehen, sind keineswegs prekär. Zorikto Dorzhiev ist im fernen Russland aufgewachsen und hat in Ulan Ude und Krasnojarsk die dort eingerichteten staatlichen Kunstschulen besucht. Die in Venedig gezeigten Bilder haben Migration und das Leben der Nomaden in Sibirien zum Thema. Zu den wiederkehrenden Motiven in seinen Bildern gehören mongolische Reiter und Menschen, die unterwegs sind. Sie scheinen genau so wenig zu wissen wie wir Betrachter, wann und wo die Reise enden wird. Auch die Ausstellung, die den bezeichnenden Titel „New Steppe“ trägt, hat schon eine längere Reise hinter sich. Sie war bereits in Moskau, London und St. Petersburg zu sehen.

Da fehlen uns die Worte

In dem Napoleonischen Flügel neben der Kirche San Giorgio auf der gleichnamigen Insel wurde in diesen Tagen eine neue Ausstellung mit Arbeiten des Konzeptkünstlers Emilio Isgrò eröffnet. Isgrò ist für die italienische Kunstszene – und vielleicht auch für die der Welt? – kein unbeschriebenes Blatt. Dabei hat er sich genau mit dem gegenteiligen Verhalten einen Namen gemacht: Er hat beschriebene und bedruckte Blätter unleserlich gemacht, indem er die Wörter durchstrich und nur einige in dem Verhau von Streichungen stehen ließ, die sich so mit einer neuen Bedeutung aufladen ließen. Weiterlesen

Soll ich glauben, was ich sehe?

Da kann man sich verheben (Foto R.W.)

Die Müllsammler in den Giardini der Biennale wunderten sich nicht schlecht, als sie die schwarzen Plastiksäcke abtransportieren wollten, die neben dem Eingang zum Zentralpavillon abgestellt waren. Doch einige Tage nach Eröffnung der Biennale hatte sich bei ihnen herumgesprochen: Das sind keine Plastiksäcke, sondern Marmorskulpturen, die nur so tun, als wären sie Müll. Das geflügelte Wort „Ist das Kunst, oder kann das weg?“ wäre hier fehl am Platze. Weiterlesen

Ein Korallenriff am Canal Grande

Das Biotop, das ohne einen Tropfen Wasser auskommt (Foto R.W.)

Nein, das ist kein Beifang von einem Fischkutter. Auch nichts, was man achtlos ins Meer gekippt hatte und nun wieder mühevoll einsammeln musste. Was wir hier zu sehen bekommen, hat noch keinen Konsumprozess durchlaufen. Es ist vielmehr Plastikmaterial, das sozusagen ganz jungfräulich in die Hände eines Künstlers geriet, bevor es den üblichen Weg vom Hersteller über den Handel an den Verbraucher und von dort weiter bis zum Mülleimer durchlaufen hatte. Dieser Künstler hatte wohl im Sinn, ein Kunstprodukt herzustellen, das den Plastikprodukten eine völlig neue Rolle zuweist. Wie man unschwer erkennen kann, handelt es sich um eine Inszenierung, die den Betrachter an die Vielfalt des Lebens im Meer erinnern soll. Weiterlesen

Eine Entstehungsgeschichte des Lebens

Die lebenden Steine in Australien (Fotos R.W.)

Wir sind es gewohnt, die Geschichte der Menschheit nach Jahrtausenden zu berechnen. Dabei ist das Leben des einzelnen Menschen deutlich kürzer. Wenn es hoch kommt, sind es 80 Jahre, wie man schon im Buch der Bücher lesen kann. Daran hat sich bis heute nichts geändert, auch wenn man sich gern vorstellt, es irgendwann in den Bereich der dreistellige Ziffer zu schaffen (koste es was es wolle). Doch nicht nur das unsere, alles Leben auf dem Planeten Erde ist endlich. Das ewige Leben muss sich in anderen Sphären abspielen, wenn überhaupt. Weiterlesen

Die Wahrheit über Leonardos Unterseeboot

In der Galleria der Accademia delle Belle Arti ist der Homo Vitruvianus zu sehen (Foto R.W.)

Zum 500. Todestag von Leonardo da Vinci hat man die nur selten gebotene Gelegenheit, die Federzeichnung des Homo Vitruvianus im Original zu sehen. Sie wird im Archiv der Accademia delle Belle Arti aufbewahrt und kann dort noch bis zum 14. Juli 2019 zusammen mit einigen Dutzend anderen Autografen Leonardos bewundert werden. Doch die Vorlage für ein U-Boot, mit dessen Hilfe die Serenissima Anfang des 16. Jahrhunderts im Krieg mit den Türken die osmanische Flotte hätte abwehren oder gar vernichten können, ist wohl nicht dabei. Weiterlesen

Gut gemeint – aber auch gut genug?

Hier sind wir auf der richtigen Seite der Mauer (Fotos R.W.)

Nicht alle von uns sind dazu ausersehen, Flüchtlingen, die im Mittelmeer zu ertrinken drohen, das Leben zu retten, und das oft unter Einsatz des eigenen Lebens. Helene Duldung wird uns das nachsehen. Doch irgendeine Einstellung zu den globalen Herausforderungen unserer Zeit wird uns abverlangt. Die Flucht von Millionen Menschen kann uns nicht gleichgültig sein, weil dabei auch Auswirkungen auf unser eigenes Leben unvermeidlich sind. Weiterlesen

Zweiter Versuch mit Jakobsleiter auf San Giorgio

Diesmal stimmt die Richtung: Vom Himmel hoch (Foto R.W.)

Es ist schon acht Jahre her, da hat der international erfolgreiche Künstler Anish Kapoor sich in Venedig mit einer seiner spektakulären Installationen in himmlische Gefilde gewagt. Während der Kunst-Biennale im Jahr 2011 sollten Besucher des von Palladio entworfenen Doms auf der Insel San Giorgio in den Genuss einer Himmelfahrt kommen. Ascension, so nannte sich Kapoors Veranstaltung. Nicht gerade so eine, wie man sie in der Frari-Kirche in dem Altarbild von Tizian vorgeführt bekommt, aber vielversprechend genug. Schließlich ragten Elemente der Installation bis unters Kirchendach und darüber hinaus ins Freie. Also durfte man gespannt sein, was es mit dieser Himmelfahrt auf sich hatte. Weiterlesen