Kategorie-Archiv: Biennale 2015

Flipflops zu Engelsflügeln!

IMG_4319Auf Flügeln zu den Grenzen der Künste?

Schon zum zweiten Mal innerhalb von zwei Jahren kommen Venezianer und kunstbeflissene Besucher Venedigs in den Genuss einer Bilderausstellung, die in dieser Form wohl einzigartig ist. Man ist konfrontiert mit mehreren tausend Bildern im Postkartenformat, die der Gründer des Benetton-Konzerns, Luciano Benetton, in aller Welt bei jungen und etablierten Künstlern in Auftrag gegeben hat und nun auf Ausstellungen, in dickleibigen Katalogen und im Internet der Öffentlichkeit zugänglich macht. 2013 wurden diese kleinformatige Bildersammlung schon einmal im Palazzo Querini Stampalia präsentiert, in diesem Jahr ist der Ausstellungsort die Fondazione Giorgio Cini auf der Insel S. Giorgio.

Auf der Internetseite der 1987 gegründeten Stiftung der Benetton-Familie heißt es zu dem Projekt:„Imago Mundi is a cultural, democratic and global project that looks to the new frontiers of art in the name of coexistence of expressive diversity.“ Die Ausstellung, die mit knapp 7000 Exponaten etwa die Hälfte der bisher gesammelten Bilder zeigt, ist so etwas wie ein Atlas der in allen Teilen der Welt anzutreffenden Kunstschaffenden, die überwiegend der formalen Restriktion (10 x 12 cm) gehorcht und nur gelegentlich Werke geliefert haben, die das Format sprengen. Wer große regionale Abweichungen in der Wahl und Behandlung der Motive erwartet, wird zum Thema kulturelle Diversität keine spektakulären Entdeckungen machen. Vielleicht ist damit schon die markanteste Wirkung der Globalisierung ausgesprochen, der sich auch die Künstler nicht entziehen konnten.

Die Ausstellung auf S. Giorgio ist perfekt organisiert und inszeniert. Man bewegt sich durch die Kontinente und Regionen wie in einem großen Kaleidoskop. Auch der Internetauftritt läßt keine Wünsche offen. Man kann sich von Land zu Land und von Kontinent zu Kontinent durchklicken und ist tagelang beschäftigt, wenn man es darauf anlegt, über 12 000 Künstlern aus 98 Regionen zu begegnen, von denen die meisten wohl noch auf ihre Entdeckung warten.

Einen ganz anderen Weg, auf dem wir die globale Entgrenzung der Kunst erfahren sollen, geht die Tagore Foundation International mit der Ausstellung Frontiers Reimagined, die im Palazzo Grimani als Biennale-Beitrag noch bis 22. November zu sehen ist. Da sind Maler, Konzeptkünstler, Videokünstler, Fotografen und Gestalter von Installationen und Plastiken versammelt, die aus den unterschiedlichsten Regionen der Welt kommen und auf dem internationalen Kunstmarkt schon etabliert sind. Man ist da mit über 60 Werken konfrontiert, die in dem weiträumigen Palazzo großzügig verteilt sind: Objekte zum Schmunzeln, andere wieder zum Frösteln. Die Engelsflügel, bei denen bunte Flipflops die Rolle von Federn übernehmen, sind eher zum Schmunzeln, während die Rollstühle aus Rasierklingen und der Laufsteg aus Totenköpfen wohl widersprüchliche Gefühle auslöst.

Wer im Zweifel ist, was die Künstler und noch mehr die Veranstalter uns sagen wollen, halte sich bitte an das Statement des Kurators Marius Kwint: „Frontiers Reimagined aims to dissolve barriers of dominant nationalism, ethnocentrism and identity politics. At this moment in history, with people around the world locked in increasingly intransigent ideologies, the mingling of ideas across borders has never been more vital.“

Der Künstler als umtriebiger Weltbürger, der mitwirkt, nationale Unterschiede und Feindseligkeiten zu überwinden. Wenn wir ihn da nicht überfordern. Noch ist uns das politische Mantra „Schwerter zu Pflugscharen!“ in guter Erinnernung. Bekommen wir es nun mit dem künstlerischen Mantra „Flipflops zu Engelsflügeln!“ zu tun? Warten wir ab, welche Wirkung es entfaltet.

Der Besuch beider Ausstellungen ist gratis.

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www.imagomundiart.com

www.frontiersreimagined.org

 

 

 

Das Deutschlandlied? Ja, zehnmal!

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Man kommt ins Arsenale auch ohne Biennale-Ticket. Wo sich die letzten Ausläufer der Kunstausstellung in dürftig hergerichteten Gemäuern verlieren, kann man unter schattigen Platanen verweilen und die Kunst Kunst sein lassen. Nur der kollektiven Soundinstallation der Zikaden entkommt man in diesen heißen Tagen nicht. Aber die Zikaden bekommen Konkurrenz. Seltsam bekannte Klänge dringen ans Ohr. Die deutsche Nationalhymne? Ja, es ist die Melodie, die Haydn 1796/97 für den österreichischen Kaiser komponiert hat, nur der Text, der da von einem Gospelchor gesungen wird, klingt nicht wie Hoffmann von Fallersleben.

Der nigerianische Künstler Emeka Ogboh, im diesjährigen Biennalekatalog unter der Nummer 135 vorgestellt, hat die deutsche Nationalhymne in zehn verschiedene afrikanische Sprachen übersetzen lassen, die nun nacheinander über zehn Lautsprecher immer wieder erklingen. Von morgens zehn bis abends 18 Uhr. Zuerst mit einer Solostimme, dann mit dem ganzen Chor. Auf Kikongo, Igbo, Yoruba, Lingala, Ewondo, Twi, Donales, Sango, More, Bamum, so wie sich Hunderttausende in Zentralafrika, Nigeria, Kamerun, Ghana, Kongo, Angola verständigen. Das sind nicht die Amtssprachen der jeweiligen Länder, die sind wie in guten alten Kolonialzeiten immer noch Englisch, Französisch oder Portugiesisch.

Aber die Melodie insistiert: Es geht um Einigkeit, um Recht, um Freiheit. Kein kleines Thema in Ländern, wo es um diese Werte eher schlecht bestellt ist; gleichzeitig ein seltsam verwirrendes Erlebnis mit den schrammelnden Zikaden in den Bäumen und dem globalen Babylon, das uns ohne Pause aus zehn Lautsprechern entgegenkommt. Eine Melodie aus dem 18. Jahrhundert, ein Text aus dem 19. Jahrhundert und seine verschiedenen Übersetzungen, die in Worten, die uns nichts bedeuten, das ausdrücken, was uns sehr viel bedeutet: Einigkeit und Recht und Freiheit. Sind diese Menschen, die unsere Nationalhymne so inbrünstig in ihrer Sprache vortragen, schon alle auf dem Weg, um sie demnächst bei uns mit deutschem Text zu singen? Wer wollte es ihnen verdenken, wenn sie davon träumen.

 

Ziemlich dick aufgetragen

Zeichen der Conversion (Foto R.W.)

Kirchenasyl für Facebook? Nicht wirklich (Foto R.W.)

In der Kirche S. Antonin in Castello begegnen wir neuen Göttern und ihren Hohepriestern, die das vertraute Heilsversprechen und den Himmel abgeschafft haben, um uns stattdessen mit der „Cloud“ und ihren unermesslichen Speichrmöglichkeiten zu locken. Wir müssen keine Gebete und keine Glaubensbekenntnisse mehr sprechen, um mit den Göttern in Kontakt zu treten, stattdessen bedienen wir die Tastaturen von Laptops und Smartphones. Weiterlesen

Gespräch über Bäume

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Auf dem Weg zu den Giardini (Fotos R.W.)

Das hatte sich der leicht verwilderte Garten mit Blick auf die Promenade, die in Erinnerung an die hingerichteten Partisanen des 2. Weltkriegs den Namen Riva Dei Sette Martiri trägt, wohl nicht geträumt. Aufgeräumt und herausgeputzt, mit einem Rasen, in dem kein anderes Kräutlein geduldet wird als kurzgeschorenes grasgrünes Gras. Auch die Pinien und Silberpappeln können sich nicht beklagen. Sauber abgezirkelte Baumscheiben, mit frischr Erde angefüllt, markieren den Ort ihrer Verwurzelung. Weiterlesen