Kategorie-Archiv: Auf- und angelesen

500 Jahre Ghetto? Kein Grund zum Feiern!

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Bei der Erinnerung an das Ghetto, das vor 500 Jahren in Venedig eingerichtet wurde, gibt es nichts zu feiern, sondern nur auf eine Tragödie hinzuweisen. So äußerte sich der Präsident der Jüdischen Gemeinde Italiens, Renzo Gattegna, in Rom in Anwesenheit des Bürgermeisters von Venedig und des Präsidenten der Region Veneto während der offiziellen Vorstellung des Veranstaltungsprogramms zur Erinnerung an das historische Datum. Weiterlesen

Wohin mit den Zigaretten-Kippen?

IMG_4824Aschenbecher tragen zur Verschönerung des Stadtbildes bei (Foto R.W.)

Vielleicht gibt es in der Lagune eine Gottheit, die wir als Vaporetto-Passagiere mit Rauch-Opfern bei Laune halten müssen. Dieser Gedanke kommt mir manchmal, wenn ich an den Pontons für die Linien-Boote Menschen beobachte, die sich in aller Eile noch eine Zigarette anzünden ,um sie nach wenigen Zügen ins Wasser zu werfen, weil auf dem Boot selbst nicht geraucht werden darf. Haben diese Menschen ein Rauch-Opfer dargebracht, mit dem sie dazu beitragen wollen, dass Boot und Passagiere wohlbehalten ihr Ziel erreichen? Wer weiß. Soll ich als Nichtraucher ein schlechtes Gewissen haben, dass ich mich an diesem Ritual nicht beteilige? Weiterlesen

Von Steinen und Stolpersteinen

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Was ist schon Großes von Venedigs Pflastersteinen zu berichten. Keiner hat ihr Gesamtgewicht berechnet. Dabei ist im Laufe der Jahrhunderte einiges zusammengekommen, was man aus Istrien herbeigeschafft hat, um die Gassen und Plätze Venedigs begehbar zu gestalten. Seitdem haben die Steine Millionen von Schuhsohlen über sich ergehen lassen. Sie sind nicht kleinzukriegen, wie man sieht.

 

Nun gibt es auch den einen oder anderen Stein, um den sich eine Geschichte rankt. Auf einen solchen hat uns jetzt ein neuer Reiseführer aufmerksam gemacht, der unseren Blick für das VERBORGENE VENEDIG schärfen will. Wenn man sich, den S.-Peter-Kanal überquerend, der gleichnamigen Kathedrale nähert, die einst die Amtskirche des Patriarchen von Venedig war, ist da ein gepflasterter Weg, der direkt zur Kirche führt. Da entdeck der aufmerksame Besucher inmitten der grauen Pflastersteine auch einen weißen. Einen einzigen.

 

Dieser Stein ist da nicht aus Versehen verlegt worden. Vielmehr markiert er den Punkt, an dem sich zu Zeiten der Serenissima der Doge und der Patriarch trafen, wenn es denn nicht zu vermeiden war, dass die weltliche und die kirchliche Macht etwas zu verhandeln und zu klären hatten. Der Doge hätte es als demütigend empfunden, wenn er bis zur Kirche des Patriarchen hätte gehen müssen, und dem Patriachen blieb es erspart, den Dogen bei seiner Ankunft im Boot begrüßen zu müssen. So wahrten beide ihr Gesicht. Ein Stein genügte, um diplomatische Verwicklungen zu vermeiden und ein Gleichgewicht der Macht zu erhalten. Mit dem Einzug Napoleons in die Lagunenstadt wurde alles anders. Der Doge wurde abgeschafft, der Patriarch in die Kirche des Dogen am Markusplatz versetzt. Da sitzt er bis heute. Der Stein ist von seiner beschwichtigenden Funktion erlöst.

 

Ganz anders verhält es sich mit den neuen Steinen, die gar keine echten Steine sind, aber als Stopersteine auch vor Venedigs Häusern zu finden sind, wo sie an die Deportation und Ermordung von Juden durch das Naziregime erinnern sollen. Die Venezianer und die Besucher werden es leicht veschmerzen können, dass der weiße Stein von S. Pietro in Vergessenheit geriet, während die Stolpersteine von Cannaregio bis S. Servolo uns immer wieder irritieren und in Erinnerungen rufen sollen, dass hier Menschen gelebt, deportiert und ermordet worden sind, nur weil sie Juden waren. Wie an anderen Orten auch sind die bis heute in Venedig verlegten Stolpersteine weit davon entfernt, das ganze Ausmaß der Verbrechen in Zahlen wiederzugeben. Ein als Google-Maps eingerichteter Stadtplan Venedigs weist auf die Orte hin, an denen solche Stolpesteine schon in das Pflaster eingearbeitet sind.

 

Das Deutsche Studienzentrum Venedig hat Anfang des Jahres für den Festakt anläßlich der Verlegung von fünf Stolpersteinen durch den Künstler Gunter Demnig einen würdigen Rahmen für das Ereignis geboten. www.dszv.it/de/events/…/stolpersteine-gunter-dem…

 

Siehe auch venedig-ebb.blogspot.com/…/wo-denn-genau-stol.. In dem Beitrag ist auch ein Hinweis auf google-maps enthalten.

 

Der Reiseführer VERBORGENES VENEDIG ist bei Edizioni Jonglez erschienen.

 

 

Ach ja, damals. Und jetzt?

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Beim Aufräumen sind mir einige alte Zeitungsausschnitte mit Berichten und Kommentaren zu Ereignissen in Venedig in die Hände gefallen. Was hat sich seit den Berichten von damals getan?

1996

Es wird berichtet, wie ein Gesetz aus dem Jahr 1992 erst vier Jahre später in die Tat umgesetzt wurde. Dabei handelte es sich um ein Projekt, das für die Schiffahrt und die Stadthygiene Venedigs von existenzieller Bedeutung war: die Reinigung der verschlammten Kanäle und die Reparaturarbeiten an den Uferbefestigungen. Als erster Abschnitt wurde die Insel Zobenigo in Angriff genommen, auf der sich auch das Teatro La Fenice befindet. Gerade als die Kanäle rings um das Theater trockengelegt waren, fiel es einigen Arbeitern, die im Gebäude mit Reparaturarbeiten im Rückstand waren, nichts Besseres ein, als das Theater in Brand zu stecken, um den Rückstand zu vertuschen. Das Theater brannte am 29.Januar 1996 komplett ab.

So kann ein in besten Absichten begonnenes Werk die schlimmsten Folgen zeitigen. Erst im Winter 2004 wurde in dem originalgetreuen Nachbau des Theaters der normale Spielbetrieb aufgenommen. Weiterlesen

Verbotene Bücher, Pistoleros, Redentore, Flutwehr, Tram

Amtssitz des Bürgermeisters am Canal Grande (Foto R.W.)

Amtssitz des Bürgermeisters am Canal Grande (Foto R.W.)

Venedig hat seit Juli 2015 einen neuen Bürgermeister. Der Unternehmer Luigi Brugnaro hat sich in einer Stichwahl gegen den Kandidaten des Partito Democratico, Felice Casson, durchgesetzt. Zum erstenmal seit Jahrzehnten ist nun ein Bürgermeister im Amt, der nicht zum linken Parteienspektrum gehört. Brugnaro legt Wert darauf, als Repräsentant aller Bürger Venedigs wahrgenommen zu werden. Dabei will er mit der Regionalverwaltung (Lega Nord) und der Regierung in Rom zusammenarbeiten.

Dem neuen Mann im Palazzo Franchetti eilt der Ruf des zupackenden Machers voraus. Die erste Kostprobe gab es kurz nach der Amtseinführung, als er einen Erlass unterschrieb, der in den öffentlichen Erziehungseinrichtungen rund 50 Kinderbücher verbot, die angeblich ein falsches „gender-“beeinflusstes Familienbild propagierten, darunter auch weltweit verbreitete Titel wie „Das kleine Blau und das kleine Gelb“ von Leo Lionni. Darin mischen sich die Farben Gelb und Blau und erzeugen Grün. Soll man da wirklich rassistisch an Mischehen denken? Die irritierten Kommentare der italienischen und der internationalen Presse blieben nicht aus.

Eine zweite Chance, über die Grenzen seines Wirkungsbereichs von sich reden zu machen, bietet sich mit den Pistoleros. Der lokalen Polizei Venedigs, die sich um die Ordnung in der Stadt und die Sicherheit ihrer Bürger kümmern soll, steht eine Mutation bevor. Brugnaro hat entschieden, dass die Beamten, die bisher ganz gut ohne Bewaffnung auskamen, ihren Dienst nun mit Pistolen ausüben sollen. Die ersten 40 von insgesamt 363 Polizisten haben ihre Schießübungen schon hinter sich und den Colt umgeschnallt. Die Gesamtstärke der lokalen Polizeikräfte soll zudem auf 443 erhöht werden. Künftig wird man also immer entscheiden müssen, ob man einem flüchtigen Dieb hinterherlaufen oder in die Haxen schießen soll. Eine echte Herausforderung.

Das Redentore-Fest, das man in Venedig seit Jahren mit einem spektaklären Feuerwerk im Bacino vor dem Dogenpalast feiert, wurde in diesem Jahr räumlich erweitert. Mit einem auf sieben Orte verteilten Feuerwerk sollten auch die Lidinesen und die Pellestrinotti, die Leute in Mestre und den umliegenden Gemeinden auf dem Festland in den Genuss des Spektakels kommen, das als Krönung der „berühmtesten Nacht“ Venedigs bisher alle möglichen Boote aus dem Umland ins Bacino gelockt hatte. Nun blieben sie also mit ihren Schiffen und Booten daheim. Zur Freude der Gastronomen und Hoteliers, gab es doch genug Touristen, denen man ein besonderes Schauspiel bieten konnte. Die Touristen selbst haben in der Regel keine Ahnung, was das Redentore-Fest ursprünglich bedeutete. Vielleicht wissen es die meisten Venezianer und ihre Politiker auch nicht mehr so genau. Als 1576 der Maler Tizian von der Pest dahingerafft wurde und mit ihm fast ein Drittel der damaligen Stadtbevölkerung, da entschied der Doge Alvise Mocenigo: Jetzt hilft nur noch Beten! Das Ergebnis ist die Erlöserkirche auf der Insel Giudecca, erbaut zum Dank für die Erlösung von der Pest. Doch wie konnte die dezimierte Stadt sich erneuern? Sie war von knapp 200 000 Einwohnern auf 134 000 geschrumpft. Auch da wußte der Doge sich zu helfen, indem er aus den umliegenden Ländern die Menschen herbeilockte und sie mit offenen Armen aufnahm. Es ist kaum anzunehmen, dass dem heutigen Bürgermeister ein ähnlicher Gedanke käme, um die schrumpfende und alternde Bevölkerung Venedigs zu verjüngen.

Er hat ja auch so schon genug um die Ohren mit den unfertigen Baustellen. Das Flutwehrsystem Mose an den drei offenen Stellen der Lagune zum Meer hin will und will nicht fertig werden. Immerhin funktionieren die bereits installierten Elemente schon einwandfrei, wie sich der Bürgermeister im Beisein von Ministern aus Rom überzeugen konnte. Die Straßenbahn von Mestre zum Piazzale Roma hat schon diverse Probefahrten hinter sich, eine davon mit Brugnaro am Steuer. Die offizielle Inbetriebnahme ist nun für Anfang September angekündigt. Aber eine Erweiterung des Schienennetzes? Nicht mit Brugnaro.

 

Er-Lesenes zum Jahresende

Eine nasskalte Nacht auf dem Markusplatz (Foto R.W.)

Eine nasskalte Nacht auf dem Markusplatz (Foto R.W.)

Keine Silvesterparty auf dem Markusplatz. Das wurde jetzt in der Stadtverwaltung von Venedig beschlossen, weil im Vorjahr die Besuchermengen außer Kontrolle gerieten und ihr Verhalten der Würde des Ortes nicht entsprach. Das Treiben dort ist in den letzten Stunden eines Jahres ohnehin nur für unerschrockene Geister ohne Berührungsängste erträglich.

Gondeln sind jetzt durchnummeriert. So kann jeder, der sich falsch behandelt fühlt, unter Angabe der Nummer Beschwerde einlegen. Dabei wird auch eine andere Begründung angeboten: Die Vorschrift gehört zu den Maßnahmen der Verkehrsberuhigung auf Venedigs Hauptverkehrsstraße, die in Angriff genommen wurden, nachdem in der Nähe der Rialtobrücke eine Gondel mit einem Vaporetto kollidiert und dabei ein deutscher Tourist ums Leben gekommen war. Der Zusammenhang erschließt sich beim besten Willen nicht.

Die 14. Architekturbiennale hat Bilanz gezogen. Von den 228 000 registrierten Besuchern waren fast die Hälfte jüngere Leute und Studenten. Droht uns eine Architektenschwemme?

Ein Blick nach vorn. Die 56. Kunstbiennale beginnt im nächsten Jahr schon im Mai statt wie üblich im Juni und dauert mithin einen Monat länger. Das Motto ist auch schon bekannt: „All the world´s futures“.

Das Rollenkoffer-Verbot ist vom Tisch. Zumindest vorläufig. Doch ganz aufgegeben hat der kommissarisch als Bürgermeister eingesetzte Vittorio Zappalorto die Idee noch nicht. Ihm schwebt vor, dass irgendein Großer im Gepäcksektor die „Geschäftsidee“ aufgreifen und Koffer mit Flüster-Rollen auf den Markt bringen wird. Die Gassen und Brücken Venedigs bieten sich als ideale Teststrecken für Prototypen an. Ich sehe schon den Sticker „Certified silence, tested in Venice“.

Das Hochwasser, das bei einem Pegelstand von 80 cm zuerst auf dem Markusplatz sichtbar wird und sich nach und nach in allen Bezirken Venedigs ausbreitet, je mehr das Wasser steigt, hat in diesem Jahr 31mal den Wert von 100 cm erreicht bzw. überstiegen. Im Jahr davor wurde ebenfalls 31mal ein Meter und mehr gemessen. Allerdings liegt bei der Registrierung der 80-cm-Marke das laufende Jahr vorn: mit 185 Eintragungen gegenüber 156 im Vorjahr. Das Flutwehrsystem Mose hätte genug zu tun gehabt.

Ach, und die Kreuzfahrtschiffe? Eine never ending story, in der es kaum handelnde Personen gibt, dafür jede Menge Leute, die mitreden wollen. In Venedig. In Rom. In der Welt.

 

Entwarnung für besorgte Touristen

Venedig-Reisende brauchen ihre Rollenkoffer nicht zu verschrotten. Eine Strafe von 500 € bei widerrechtlicher Nutzung ihres rollenden Gepäcks brauchen sie auch nicht zu fürchten. Dabei konnte man im Spiegel Online (21.11.14) genau das lesen: „Wer mit einem entsprechenden Koffer die Ruhe stört, soll nach dem Willen der städtischen Behörden künftig Bußgeld bis zu 500 € zahlen, wie die Stadtverwaltung erklärte.“ Weiterlesen

An der Liebe schwer zu tragen

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Zentnerschwer ist die Fracht der eisernen Liebesbeweise unter den Geländern der Accademia-Brücke, zurückgelassen von Pärchen aus allen Regionen der Welt. In Venedig ist man besorgt, ob die als sanierungsbedürftig definierte Holzbrücke das zunehmende Gewicht der Vorhängeschlösser noch lange ertragen kann.  Als unerträglich jedenfalls empfinden viele Venezianer diese Sitte/Unsitte, die ja nicht nur in Venedig vorkommt. Auch der Eiserne Steg in Frankfurt hat in dieser Beziehung schwer zu tragen, nur ist er von einem Zusammenbruch noch weit entfernt.

Schlösser auf dem Eisernen Steg in Frankfurt  (Foto R.W.)

Schlösser auf dem Eisernen Steg in Frankfurt (Foto R.W.)

 

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Gestörte Friedhofsruhe

In Venedig kennt man die Möwen auch unter dem Namen Kleptoparasiten. Gemeint sind damit die heimischen Möwen, die auf den Dächern der Stadt nisten und mit viel Geschrei das Heranwachsen der gerade flügge gewordenen Jungmöwen begleiten und sich nicht scheuen, alles anzugreifen, was sich dem Nachwuchs nähert. Aber auch sonst ist ihr Verhalten alles andere als „zivilisiert“. Auf der Suche nach Fressbarem zerfetzen sie die Müllsäcke, die man hier allmorgendlich vor die Tür stellt, und zanken sich um jeden Brocken. Weiterlesen