Kategorie-Archiv: Auf- und angelesen

2017/18: Rückblicke und Ausblicke

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Mit diesem Floß werden die Elemente des Flutwehrsystems an den Ort ihres Wirkens gebracht und und auch wieder abgeholt, wenn Inspektionen und/oder Reparaturen nötig sind (Foto R.W.)

Ein Ende der Wartezeit?

Was hat man nicht alles über das Flutwehrsystem Mose spekuliert und geschrieben, das den Venezianern ermöglichen soll, auch bei Hochwasser trockenen Fußes durch die Gassen ihrer Stadt und über den Markusplatz zu kommen. Nun ist – nach langer Zeit zum ersten Mal? – so etwas wie ein Eröffnungsdatum im Gespräch.

Der Beginn einer ausgedehnten Testphase ist nun für den Januar 2019 geplant. Bis dahin sind noch an die vierzig mehr oder weniger umfangreiche Arbeiten zu erledigen. Für den dann anlaufenden regulären Betrieb werden jährliche Kosten von 80 Millionen € veranschlagt. Wer diese Kosten trägt – die Stadt oder der Staat – , ist wohl noch nicht geklärt.

Ebenso wenig scheint geklärt zu sein, bei welchem Pegelstand das Flutwehrsystem aktiviert werden soll. Man weiß nur, dass bei einem Pegelstand von 110 cm der Markusplatz überflutet ist. Was man verhindern will. Nun ist wohl auch die Möglichkeit im Gespräch, statt der drei Barrieren, die die Flut aus dem Mittelmeer aufhalten sollen, nur die im Norden der Lagune zu betätigen, wo der Kanal für die Kreuzfahrtschiffe ausgebaggert ist, die dann leider draußen bleiben müssten. Wenigstens vorübergehend. Sonst noch Fragen?

Wegen Überfüllung geschlossen

Wenn wir schon bei den Überflutungsproblemen sind, die den Markusplatz betreffen, sollten wir nicht nur an Hochwasser denken, sondern auch an Menschenmengen. Von dem Projekt Mose haben wir gelernt, dass es auf dem Markusplatz bisher keine Wirkung gezeigt hat. Inzwischen verlagert sich die Aufmerksamkeit in Venedig auf die Menschenmassen, die seit Jahren die Gassen und Plätze überfluten. Auch hier sieht es so aus, dass der Markusplatz am stärksten betroffen ist. So ist es nur verständlich, ja zwingend, dass man nach einer wirksamen Abhilfe sucht. Die will der amtierenden Bürgermeister nun gefunden haben.

Und das geht so: Im Laufe des Jahres soll mit Hilfe von Telekameras auf dem Markusplatz und Ampeln an den diversen Zugängen eine „Überflutung“ verhindert werden, indem man den Zufluss „steuert“. Signalisieren die Telekameras, dass eine Überfüllung des Markusplatzes sich abzeichnet, schalten die Ampeln auf Rot. So weit so gut, aber das Rot soll wohl nicht für alle gelten. Wer nicht in Venedig wohnt oder nicht als Gast der Stadt registriert ist, dem wird der Zugang zum Markusplatz verwehrt, und zwar aus „Sicherheitsgründen“. Wie diese Selektion funktionieren soll, bei der Bewohner und Gäste Venedigs bevorzugt werden, ist wohl noch nicht klar. Vielleicht regt das ja sogenannte DOC-Venezianer an, nur im Outfit aus Goldoni-Zeiten auszugehen. Das wäre doch wirklich eine Attraktion. Nur schade, dass die Passanten, denen der Zugang zum Markusplatz verwehrt würde, von diesem Schauspiel in der guten Stube Venedigs nichts hätten….

Die Sprache der Zahlen

Die 57. Kunstbiennale in Venedig ist Geschichte, die 58. schon in Arbeit. Über 615 000 Tickets wurden während der sechsmonatigen Veranstaltung an Besucher verkauft, 23 Prozent mehr als zwei Jahre davor. An dieser Zahl wird sich der Kurator messen lassen müssen, der bereits für die Veranstaltung im Jahr 2019 benannt ist. Ralph Ragoff, Direktor der Hayward Gallery in London. Den Kennern des Kunstmarktes sicher ein Begriff. Auch der Termin ist kein Geheimnis. Eröffnung am 11. Mai, Schließung am 24. November. Nur wer hat heute schon einen Kalender für das Jahr 2019?

Nicht weniger zufrieden zeigen sich die Veranstalter, die im Palazzo Grassi und in den Ausstellungsräumen der Dogana 360 000 Besucher in Staunen versetzten durften. So unglaublich und spektakulär waren die Schätze aus dem gesunkenen Schiff namens Unbelievable, die der britische Künstler Damien Hirst in den Tiefen eines Meeres entdeckt haben will, das wohl in keiner Seekarte zu finden ist. „The Treasures from the Wreck of the Unbelievable“ warten nun auf Liebhaber und Sammler, die angesichts von gigantischer Größe und Fülle keine Zeichen von Furcht, ja nicht einmal Ehrfurcht zeigen müssen.

Wohl nicht des Pudels Kern

Mit Jahreszahlen ist das so eine Sache. Je weiter man sich in die Vergangenheit begibt, desto weniger ist ihnen zu trauen. So auch bei dem Jahr 421. In diesem Jahr soll dort, wo heute die Rialtobrücke den Canal Grandüberwölbt, die Kirche San Giacometo erbaut worden sein. Historiker haben das wohl immer angezweifelt und bieten stattdessen das Jahr 828 als Gründungsdatum für eine Ansiedlung an, die wir heute als Venedig bezeichnen. Auch hier bezieht man sich auf die Errichtung einer Kirche an dem Ort, wo heute der Markusdom steht.

Nun aber hat man bei Renovierungsarbeiten in ebendiesem Dom in gut vier Metern Tiefe eine Entdeckung gemacht, die auch an dieser Jahreszahl Zweifel aufkommen lässt. Bei der Entdeckung unter den Mosaiksteinen handelt es sich um zwei Pfirsichkerne, die da vor gut 1300 Jahren als Speiserest eines Bauarbeiters (?) zurückgelassen wurden. Mit Hilfe der Radiokarbonmessung hat man das Alter dieses Fundes ermittelt und ist zu dem Schluss gekommen, dass die beiden Früchte irgendwann zwischen 650 und 770 verzehrt worden sind, deren Reste nun die Archäologen beschäftigen. Wenn man sich auf diese Geschichte einlässt, kann man sich das Gründungsjahr Venedigs unter mehr als hundert Angeboten aussuchen. Ist das des Pudels Kern?

Olle Kamellen

Ein gestürzter Engel? (Foto R.W.)

Ein gestürzter Engel? (Foto R.W.)

Alle Jahre wieder treiben die Touristen während der tollen Tage es besonders toll. Auch in Venedig drängten sich auf dem Markusplatz wieder Tausende, um zu erleben, wie da vom Glockenturm ein Engel am Drahtseil auf die vorbereitete Tribüne des Platzes herniederschwebte: ein Höhepunkt, den kein Besucher verpassen will, der wegen des Karnevals nach Venedig gekommen ist.

Alles wie gehabt. Oder doch nicht? Weiterlesen

Aus sicherer Distanz

 

Raser und Flüsterboote

Mit Hybridmotor in Canal Grande ungterwegs (Foto R.W.)

Mit Hybridmotor im Canal Grande unterwegs (Foto R.W.)

Im Laufe eines Jahres hat die Verkehrspolizei in Venedig an die 2000 Raser erwischt, die auf dem Canal Grande und vor der historischen Kulisse von San Marco die Wellen haben höher schlagen lassen. Eines von den Booten, das sich seit einigen Monaten in dem Verkehrsgetümmel unter der Rialtobrücke behaupten muss, ist mit Sicherheit nicht dabei. Weiterlesen

Kein blaues Feigenblatt

Vor großen Schiffen wird gewarnt (Foto R.W.)

Vor großen Schiffen wird gewarnt (Foto R.W.)

Im April 2015 haben die Reedereien, deren Kreuzfahrtschiffe in Venedig vor Anker gehen, feierlich gelobt, dass ihre Schiffe beim Passieren der Zufahrt in die Lagune nur noch „sauberen“ Diesel verbrennen, und das Abkommen „Venice Blue Flag“ unterzeichnet. Damit sollte wenigstens eine der Forderungen des Aktionsbündnisses No Grandi Navi berücksichtigt werden, das unter anderem auf die Umweltbelastung hinweist, die bei der Verbrennung von „schmutzigem“ Diesel entsteht. Sauberer Diesel enthält nur 0,1 % Schwefel, während der „schmutzige“ Diesel, der auf hoher See als Treibstoff verbrannt wird, bis zu 3,5 % Schwefel enthält.

Einen Monat später wurde die „Neoclassica“ der Costa Crociere „erwischt“ , wie sie unverdrossen mit „schmutzigem“ Diesel zur Anlegestelle im Hafen unterwegs war. Das Bußgeld, das die Hafenbehörde daraufhin festsetzte, war happig: 30 000 €. Die Reederei verweigerte die Zahlung mit der interessanten Begründung, bei dem Abkommen „Venice Blue Flag“ handle es sich lediglich um eine freiwillige Vereinbarung, an die man sich nicht zu halten brauche. Welchen Wert derartige Vereinbarungen haben, ist damit klargestellt. Die „Neoclassica“ hat innerhalb von sieben Monaten den Hafen von Venedig siebzehn Mal angelaufen.

Nun hat ein Gericht entschieden, dass die Strafe rechtens und zu zahlen ist. Ob die Reederei gegen das Urteil Einspruch einlegen wird, ist nicht bekannt. In jedem Fall kann das Aktionsbündnis No Grandi Navi sich doppelt bestätigt fühlen. Erstens in der Erkenntnis der Wertlosigkeit von Abkommen, die man nicht einzuhalten gedenkt. Zweitens in der Höhe der Strafe, die erkennen läßt, dass die Verbrennung von „schmutzigem“ Diesel eine erhebliche Umweltbelastung darstellt. Ist das eine Genugtuung?

Kamikaze ist keine Option

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Den Corriere della Sera kennt man als seriöses Blatt. Wenn dort zu lesen ist, dass an die 5000 junge Menschen aus Europa, darunter mindestens 50 aus Italien in der Terrororganisation des sogenannen Islamischen Staates ihr Lebens- und Sterbensglück zu finden hoffen, indem sie sich als Märtyrer ein Ticket für das Paradies sichern, so ist das gewiss ein Grund zur Beunruhigung für die europäischen Sicherheitsorgane und zur Betroffenheit für alle Mitmenschen. So weit, so schlimm. Weiterlesen

Wildes Venedig, mal anders

 

Wenn ein Seidenreiher meditiert (Foto R.W.)

Wenn ein Seidenreiher meditiert (Foto R.W.)

Wildes Venedig. So wurde im ARD-Fernsehen ein Film angekündigt, der parallel zum Spektakel in Brasilien wohl für Zuschauer gedacht war, die das Zählen von olympischem Edelmetall gern anderen überließen. Und sie wurden belohnt mit stimmungsvollen un instruktiven Bildern und Szenen vom Tierleben in der Lagune von Venedig, das auch für mich immer wieder eine willkommene Abwechslung ist von den Menschenmengen, die durch die Stadt ziehen. Nur gelegentlich tauchten im Hintergrund Fähr- und Kreuzfahrtschiffe auf, gleichsam als Mahnung, wie fragil das ökologische Gleichgewicht der Lagune ist. Weiterlesen

Venedig als Death-Valley?

Ein Kreuzfahrtschiff passiert die Insel Certosa (Foto R.W.)

Ein Kreuzfahrtschiff passiert die Insel Certosa (Foto R.W.)

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung hat zu Beginn der Feriensaison im Reiseblatt (21.7.16) einen abschreckenden Beitrag über Venedig veröffentlicht. Da wird die Geldgier der Venezianer, die Korruptheit der Unternehmer und die Bestechlichkeit der Politiker gegeißelt, dass es eine Freude ist, nicht zu vergessen die „Airbnb-Plage“ die dazu beigetragen hat, dass nun zehn Millionen mehr Besucher eine Übernachtungsmöglichkeit in Venedig finden können. Da bleibt keine Sünde unerwähnt, die sich die Stadtverwaltung, die habgierigen Venezianer und Profiteure zuschulden kommen ließen, angefangen bei den Kreuzfahrtschiffen, über die chinesischen Geschäfte mit Lederwaren und Andenken made in China bis hin zu den Ein-Euro-Shops, die allenthalben die traditionellen Geschäfte verdrängt hätten. Das hat man alles schon mehrfach in italienischen und deutschen und internationalen Zeitungen lesen können. Weiterlesen

Von großen und kleineren Vögeln

Die Start- und Landebahnen des Flughafens Marco Polo verlaufen parallel zum Ufer der Lagune von Venedig, wo sich neben Kleinvögeln auch Möwen und Seeschwalben tummeln und den Flugzeugen beim Landeanflug in die Quere kommen können. Um das zu verhindern, sind auf dem Flughafengelände seit 16 Jahren Falkner im Einsatz. Gessica di Leonardo aus Udine ist die einzige professionelle Falknerin, die das Handwerk bei ihrem Vater gelernt hat, der seine abgerichteten Greifvögel auch in Treviso und anderen Flughäfen einsetzt, die in Minutenschnelle für mehr Sicherheit im Luftraum sorgen. Schraubt sich einer der Greifvögel in die Luft, nehmen die anderen Vögel im Umkreis von einigen Quadratkilometern Reißaus. Damit ist dieses Verfahren wirkungsvoller als mechanische oder akustische Einrichtungen.

Für den Einsatz auf Marco Polo halten sich zwölf Greifvögel bereit. Nicht nur Wanderfalken, auch Bussarde und Habichte sind für den Dienst abgerichtet worden. Die Vögel stammen zum großen Teil nicht aus Italien. Man hat in Udine damit begonnen, Nachwuchs aus dem eigenen Bestand aufzuziehen.

Wer sich also in einem der großen Vögel nach Venedig aufmacht, kann sich beim Landeanflug neben der Lagune bequem zurücklehnen. Die hier landenden Maschinen bleiben von Vogelschwärmen unbehelligt. Also entspannt bleiben und geduldig auf das Gepäck warten, wenn man sicher herunter- und angekommen ist.

Sabbat-Vorschrift in neuem Licht

Die Sabbat-Vorschrift gebietet den Juden, an diesem Ruhetag auch wirklich Ruhe zu geben, das heißt keiner Arbeit nachzugehen und keine Gegenstände, ob Handelswaren oder private Dinge, außerhalb der eigenen vier Wände durch die Gegend zu tragen. So war es doch eine gute Idee des venezianischen Oberrabbiners, sich an den Bürgermeister Venedigs zu wenden und mit ihm zu vereinbaren, dass dieser mit einem Dekret das historische Venedig zu einem einzigen großen Haus erklärte. Der „Hausherr“ der historischen Stadt kam diesem Ersuchen gerne nach und erließ ein entsprechendes Dekret für die Dauer von fünf Jahren. Mit Wirkung vom 22. April 2016 dürfen jüdische Bürger und Besucher Venedigs die Stadt als ihr großes Wohnzimmer betrachten und sich darin auch samstags bewegen, ohne gegen die religiöse Vorschrift zu verstoßen. Damit reicht ihr Bewegungsradius von Cannaregio bis Castello. Diese Regelung wurde für den symbolischen Preis von zehn Euro gewährt und mit Brief und Siegel bestätigt.

Wie man sieht, sind auch strenge Vorschriften erträglich, wenn man sie angemessen zu interpretieren weiß. Ein Schelm, der Schlimmes dabei denkt.