Kategorie-Archiv: Biennale 2013

Polit Peep Show

150 Tonnen Stahl aus Sichuan (Foto R.W.)

150 Tonnen Stahl, geborgen aus den Trümmern von Sichuan (Foto R.W.)

Ai Weiwei ist ein weltweit anekannter Künstler und dazu ein prominenter Kritiker der chinesischen Staatsmacht. Diese Prominenz ist für ihn so etwas wie eine Lebensversicherung. Die chinesische Staatsmacht macht ihm das Leben schwer, findet immer wieder Vorwände, um ihn und seine Familie zu schikanieren, verweigert ihm die Ausreise – zum Beispiel für einen Besuch der Biennale in Venedig – , aber den letzten letalen Akt hat man bisher vermieden. Weiterlesen

Zum Glück kein schwarzes Loch

Ein trügerisches Loch (Foto R.W.)

Ein trügerisches Loch (Foto R.W.)

Die Kunst, die diesmal während der Biennale zu besichtigen ist, steckt voller Geschichten. Die im israelischen Pavillon geht so:

Ein Loch definiert sich nicht durch sich selbst, sondern durch das, was drumherum ist. Form, Größe, Zugänglichkeit und all das, was sich davor und dahinter abspielen kann. Der Wurm, der sich durch den Apfel frißt, hinterläßt ein Loch, das er dann wieder mit seinen Exkrementen verstopft. Ein Loch zum Anbeißen ist das nicht. Weiterlesen

Biennale 2013: surreal-raffiniert-naiv

Die Kunst steckt voller Merkwürdigkeiten und Geschichten. Die von Schröder-Sonnenstern geht so:

Wo hat die erotische Phantasie ihre Grenzen? (Foto R.W.)

Wo hat die erotische Phantasie ihre Grenzen? (Foto R.W.)

 

1965 schrieb der Spiegel: „ In Deutschlands Museen strahlt kein Schröder-Sonnenstern“. Dabei hätte man das bei seinem Namen doch so schön gefunden. In Frankreich und in den USA fand er mehr Verständnis für seine Outsider-Malerei, in Deutschland hingegen galt sie als Äußerung eines Geisteskranken. Nicht die Galerien und Museen beschäftigten sich mit seiner Malerei, sondern die Psychiater und Neurologen. Das Wort entartete Kunst lag auf der Zunge, wurde jedoch weder ausgesprochen noch geschrieben.

Friedrich Schröder, der später seinen Namen mit dem Zusatz Sonnenstern schmückte, wurde 1892 in Tilsit als eines von 13 Kindern geboren und hatte das, was man eine wechselvolle Biografie mit unterschiedlichen Beschäftigungen, Unterbringungen in Heimen und Aufenthalten in Gefängnissen hinter sich, als er mit 57 Jahren beschloss, Maler zu werden . Da lebte er schon in Berlin als bekanntes Szene-Original.

Von diesem Mann hörte ich das erste Mal während meiner Zeit als Redaktionsvolontär in Berlin. Wer mittags von der Potsdamer Straße bis zur S-Bahnhaltestelle Bülow-Bogen ging, um sich für die Herausforderungen des Nachmittags mit einer Curry-Wurst zu stärken und – vielleicht auch –um zu sehen, wie die Damen sich beim „Anschaffen“ verhielten, wenn auch nur aus sicherer Entfernung, konnte dort auch Schröder-Sonnenstern begegnen, gelegentlich, wenn er ein Bild verkauft hatte, wohl nicht in Deutschland. Dann nämlich schmiß er eine Lage für die Damen, deren Organe in seinen Bildern eine wichtige Rolle spielen. Er hatte eben ein gutes Herz. So geht die Geschichte.

Die Fortsetzung erlebt man jetzt in Venedig im Hauptpavillon der Biennale. Schröder-Sonnenstern hat da als Repräsentant der Outsider-Malerei einen Platz mit knapp einem Dutzend Werken. Man sieht, auch andere haben ein gutes Herz. In diesem Fall der Direktor der Biennale, Massimiliano Gioni, der uns den kauzigen Menschen und raffiniert-naiven Maler wieder in Erinnerung bringt.

Wenn Geschichten zu Bildern werden, z.B. in GB

Rache ist schön

Rache ist schön. Die Kornweihe  schnappt sich den Range Rover  (Foto R.W.)

Die Kunst steckt voller merkwürdiger Geschichten. Auf der Biennale dieses Jahres bekommen wir mehrere davon erzählt und gezeigt. Die im britschen Pavillon gehen so:

Am 24. Oktober 2007 wurden in der Gegend von Sandringham Estate in Norfolk zwei Kornweihen abgeschossen. Greifvögel, deren Abschuß strengstens verboten ist. Wie sich herausstellte, befand sich an diesem Tag Prinz Harry mit einenm Freund auf einem Jagdausflug in der Gegend. Sie wurden von der Polizei befragt. Da von den getöten Tieren keine Spur zu finden war, wurden die polzeilichen Ermittlungen eingestellt. Nicht so die der Kunst. Als Besucher des britischen Pavillons sehen wir eine riesige Kornweihe, die sich einen Range Rover geschnappt hat. Aus Rache.

Wie einem Range Rover mitgespielt wird – war es etwa der des Prinzen? – , erlebt man dann in einem Film. Da übernimmt ein kolossaler Bulldozer die Rolle des Vogels und greift sich mit stählernen Krallen das Fahrzeug, das dann im Schlund einer Presse verschwindet. Die Kornweihe spreizt zufrieden ihre mächtigen Schwingen, läßt ihr prächtiges Gefieder leuchten und schwebt über das hüglige Land. Kein Schuß fällt, dafür sitzen wir auf dem Klumpen Schrott und bestaunen den Flug der Kornweihe.

Und noch eine:

Die Riesenwut  des William Morris

Die Riesenwut des William Morris (Foto R.W.)

Während der Biennale 2011 hatte der russische Oligarch Roman Abramowitsch seine 114 Meter lange Jacht Luna direkt vor dem Zugang zu den Giardini-Pavillons angelegt. Sehr zum Tort der Besucher und Passanten, die wegen der Sicherheitsvorkehrungen um das Schiff einen Umweg machen mußten. Auch der britische Maler und Begründer der sozialisten Bewegung Großbritanniens, William Morris, fand das anstößig. Erbost von dem unsozialen Verhalten, kehrte er – mehr als hundert Jahre nach seinem Tod – auf den Schauplatz zurück, hob die Jacht wie ein Spielzeug aus dem Wasser und warf sie weit weg in die Lagune. Applaus.

Große Kunst? Jedenfalls gute Unterhaltung, die auch noch dem Weiterdenken locker auf die Sprünge hilft.

 

Venedigs unbekanntester Palast

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Auf halber Strecke zwischen Giardini und Arsenale können Kuratoren, Künstler und Besucher der Biennale eine Verschnaufpause einlegen. Hinter einer unscheinbaren Tür lädt ein üppig möbliertes und mit allerlei Elektronik ausgestattetes Etablissement zum Verweilen ein. Es nennt sich – etwas großspurig – PALAZZO PECKHAM und war bis vor kurzem eine Schreinerei mit allerlei Holzbearbeitungsmaschinen und Werkzeugen. Es erstreckt sich von der Crosera bis zum Canale S. Pietro. Der Schreiner hatte schon seit Jahren immer wieder angekündigt, den Betrieb aufzugeben, weil sich kein Nachfolger fand. Nun also ist den Worten die Tat gefolgt, und Lele, unser Schreiner, staunte nicht schlecht. Weiterlesen

Arche Noah der Gegenwartskunst?

Biennale 2013Orientierung und Selektion tun not bei über 100 Veranstaltungsorten (Foto R.W.)

So wie Fische, von weither kommend, regelmäßig ihre angestammten Laichplätze aufsuchen, kommen jetzt auch die Künstler und Galeristen wieder in Schwärmen nach Venedig. Die 55. Kunstbiennale ist ihr bevorzugtes Sammelbecken, vielleicht auch ihr Haifischbecken, wer weiß. Die Aufregung bei den Akteuren und Profiteuren ist schon zu spüren, während die Flaneure als zahlende Besucher sich noch Zeit lassen können. Die Kassen öffnen am 1. Juni und schließen erst wieder Mitte November. Danach wird man wieder mit erneut gestiegenen Besucherzahlen auftrumpfen. Oder auch nicht. Weiterlesen