Kategorie-Archiv: Biennale 2013

Rekord-Besucher-Zahl 2013

Die Werbung für den US-Pavillon in den Giardini war 2013 auf den Hund gekommen (Foto R.W.)

Die Werbung für die Kunst  in den Giardini war 2013 auf den Hund gekommen (Foto R.W.)

 

 

Da haben wir ihn wieder, den Superlativ, der immer als Beweis für den Erfolg herhalten muss. Mit über 475 000 Besuchern war die 55. Kunstbiennale in Venedig 2013 die meistbesuchte Kunstausstellung Italiens des vergangenen Jahres und zudem eine Veranstaltung, die gegenüber 2011 rund 35000 Tickets mehr verkauft hat. Kann man das noch steigern? Der Wunsch ist uns Befehl, und schon zaubert man das Kaninchen aus dem Hut.

Die nächste Kunstbiennale in Venedig im Jahr 2015 soll nicht wie gewohnt im Juni beginnen, sondern einen Monat früher. Da kann man sich schon mal ausmalen, wen das alles freut. Und wer sich den Termin notieren will, bitte:

9.Mai bis 22. November 2015

 

 

The Eye of the Artist

Tàpies im Palazzo Fortuny (Foto R.W.)

Tàpies im Palazzo Fortuny (Foto R.W.)

The Eye of the Artist. So heißt die Ausstellung, die zeitgleich mit der Biennale im Palazzo Fortuny für den vor einem Jahr verstorbenen spanischen Künstler Antoni Tàpies eingerichtet wurde. In diesem Jahr wäre Tàpies 100 Jahre alt geworden. Er gehört zu den wichtigsten Vertretern der art informel. Der Begriff wurde in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts in Paris geprägt. Viele bekannte Künstler jener Zeit fühlten sich mit diesem Begriff richtig eingeordnet. Weiterlesen

Von Verrückten keine Spur

Auf die Haltung kommt es an  (Foto R.W.)

Auf die Haltung kommt es an (Foto R.W.)

Unter den Augen des Königs Viktor Emanuel, der vor dem Hotel Danieli seinem Pferd die Sporen gibt, kann man das Vaporetto der Linie 20 besteigen und ist zehn Minuten später in einer anderen Welt. Die Insel San Servolo, wo mehr als 200 Jahre lang Geisteskranke festgehalten und behandelt wurden, ist jetzt ein Ort, den man jederzeit besuchen und wieder verlassen kann. Und wenn man sich das Touristengewimmel von dort aus ansieht, kann man leicht den Eindruck gewinnen, dass sich die Verhältnisse umgekehrt haben. Nicht auf San Servolo sind die Verrückten, sonden auf der anderen Seite des Bacino, wo sich die Massen vor dem Dogenpalast drängen.

Natur und Kunst vermählt (Foto R.W.)

Natur und Kunst vermählt (Foto R.W.)

Auf San Servolo, der Insel, die so grün und gepflegt ist, wie kaum ein anderes Stück Land auf der Lagune, geht man auf gepflasterten Wegen spazieren, bewundert die alten hochgewachsenen Bäume und die jungen, die jetzt voller Oliven, Kakipflaumen und Granatäpfel hängen. Eingestreut in das gepflegte Grün sind allerlei Kunstobjekte, die teilweise der aktuellen Biennale geschuldet sind und teilweise mit einer längeren Verweildauer rechnen können. In der Bar bekommt man einen guten Espresso, und wenn Gäste einer Konferenz noch da sind, geht es hier recht lebhaft zu. Sonst aber ist es hier sehr ruhig und beschaulich. Man hört und sieht den Vögeln zu, die sich in den Bäumen und an den Früchten zu schaffen machen, bewundert den Silberreiher, der stoisch auf einem Holzsteg meditiert, und man hält Meditation für eine akzeptable Lebensform. Entspannt wartet man auf das Vaporetto, das uns alle 30 Minuten wieder dahin bringt, wo das andere Leben ist, das Gedränge und Geschiebe von Tausenden, die wohl keinen Blick für das grüne Kleinod haben, das jenseits der stark frequentierten Fahrrinnen in der Lagune ein ganz anderes Venedig-Erlebnis bieten kann.

Das Werk der Buchsbaumzünzler  (Foto R.W.)  Ein Paradies ist auch diese Insel nicht. Die Buchsbaumzünzler haben es auch nach Venedig geschafft. Die gefräßigen Raupen des aus Asien eingeschleppten Schmetterlings haben ganze Arbeit geleistet.

Das Werk der Buchsbaumzünzler (Foto R.W.)
Ein Paradies ist auch diese Insel nicht. Die Buchsbaumzünzler haben es auch nach Venedig geschafft. Die gefräßigen Raupen des aus Asien eingeschleppten Schmetterlings haben ganze Arbeit geleistet.

 

Künstler als Mahner

Jedes Stück Müll hat einen Namen (Foto R.W.)

Jedes Stück Müll hat einen Namen (Foto R.W.)

Mit der Glorifizierung menschlicher und göttlicher Großtaten haben es die Künstler von heute nicht mehr so. Keine gewonnenen Seeschlachten, keine siegreichen Aufmärsche, keine Heroenporträts. Stattdessen betätigen sie sich gern als Mahner und erfinden immer neue visuelle Möglichkeiten der Horrorifizierung. Auf dem Gelände der Universität Ca Foscari wurden wir in diesem Sommer daran erinnert, wie gedankenlos wir tonnenweise unseren Plastikmüll ins Meer kippen, der nun im Pazifischen Ozean schon ganze Inseln bildet und der Meeresfauna dort schwer zu schaffen macht. Die Künstlerin Maria Cristina Finucci hat aus diesem Grund den Garbage Patch State ausgerufen, den Müllstaat, um uns zu mahnen und zu beschämen. Weiterlesen

Was heißt schon cool

Und das soll schwarz sein? (Foto R.W.)

Und das soll schwarz sein? (Foto R.W.)

Es gibt heutzutage Künstler, die rühren keinen Pinsel mehr an und quetschen auch keine Farbtuben aus. Soll man sie da noch Maler nennen? Immerhin ist einer von ihnen auf der Biennale mit großflächigen Bildern vertreten. Dieser eine, gebürtiger Amerikaner und von der Trinität des Kunstmarktes geschätzt, also von Kuratoren, Galeristen und Auktionatoren, hat es mit Druckern. Keine Sorge, sein Name fällt dann noch. Weiterlesen

Das Ratten-Vlies

Von diesen Ratten droht keine Gefahr (Foto R.W.)

Von diesen Ratten droht keine Gefahr (Foto R.W.)

Als im März 1348 eine Galeere von ihrem Militäreinsatz zum Schutz einer Handelsniederlassung im Schwarzen Meer wieder in Venedig einlief, hatte sie die Pest an Bord. Bald danach war die ganze Stadt betroffen, die damals mit über 100 000 Einwohnern die größte Europas war. Innerhalb weniger Monate hatte der schwarze Tod die Bevölkerung um drei Viertel vermindert. Weiterlesen

Skandal bei Cini: eine Nackte vor der Kirche

Die Nackte vor der Kirche (Foto R.W.)

Die Nackte vor der Kirche (Foto R.W.)

Venezianer sind es gewohnt, dass sich immer wieder Skulpturen bei ihnen einnisten und für eine Weile das Stadtbild bereichern. So hat es ein schlanker Jüngling, der einen Frosch hochhielt, einige Jahre vor der Punta della Dogana ausgehalten. Nun mußte er, bevor die Biennale eröffnet wurde, einer Straßenlaterne weichen, die auf ihren angestammten Platz zurück wollte. Dabei hatte man sich gerade an ihn gewöhnt. Weiterlesen

(Kein) Land in Sicht

Garbage Patch State in Venedig (Foto R.W.)

Garbage Patch State in Venedig (Foto R.W.)

Kunststoff gleich Wertstoff. Auf den Weltmeeren hat diese Gleichung keinen Bestand. Im Laufe der Jahrzehnte haben die ins Meer gekippten Plastikabfälle eine Größenordnung erreicht, dass sie mehrere Inseln bilden, die insgesamt – so heißt es – so ausgedehnt sind wie der US-Staat Texas.

Da dieses Müllproblem sich nicht vor unserer Haustür auftürmt, sondern weit weg im Pazifischen Ozean herumdümpelt, existiert es für die meisten von uns auch nicht. Nur die Fachleute, Meeresbiologen und Ökologen, kümmern sich – und inzwischen auch Künstler.

Zum Beispiel die italienische Künstlerin Maria Cristina Finucci aus Lucca. Sie hat vor einigen Jahren von dem Müllproblem in unseren Meeren aus einer Zeitschrift erfahren und war betroffen. So entstand das Projekt Wasteland, das mit visuellen Mitteln die Dimension des Problems einem größeren Publikum vermitteln soll. In diesem Jahr mündete das Projekt in einer „Staatsgründung“. Am 11. April 2013 wurde im Pariser Unesco-Hauptquartier mit feierlichen Reden und Fahnenschwenken der Garbage Patch State ausgerufen. Ein Müllstaat also, der uns eher beschämen als stolz machen sollte.

Daraufhin bot Venedig, seit jeher vertraut mit den prekären Bedingungen eines Staatsgebildes, das sich im Wasser behaupten muss, dem neu gegründeten Staat eine Art Repräsentanz, die nun während der Biennale im Hof der Cà Foscari Universität am Canal Grande besucht werden kann. Da sieht man die Staatsflagge wehen und kann eine Installation aus Plastikabfällen bewundern, die sich an einer hohen Mauer emporrankt. In zwei kubischen Zelten bekommt man eine Vorstellung davon, wie das Leben in diesem schwimmenden Staat sein könnte. Die Aktion im Hof der Universität wird in einer zweisprachigen Dokumentation ausführlich beschrieben, die im Bookshop der Universität erhältlich ist.

Auch wenn bisher nur eine verschwindend kleine Zahl von Menschen diese Müllinseln mit eigenen Augen gesehen hat, ist die Phantasie umso verwegener. So gibt es schon eine Gruppe holländischer Architekten, die sich vorstellen können, die Abfälle auf hoher See in Baumaterial zu verwandeln und am Ende eine bewohnbare Insel zu schaffen. Das alles kann man bestaunen bei www.whim.nl unter Recycled Island. Die Bauten auf diesem Eiland erinnern stark an den Palais Lumière, den der Modeschöpfer Pierre Cardin in Marghera bauen wollte, immerhin auf festem Boden mit Blick auf die Lagunenstadt. Daraus wird leider nichts, kein gutes Zeichen für Recycled Island.

Das sollte uns nicht hindern, die Beziehungen zu dem neuen Staatsgebilde im Ozean aufzunehmen und zu pflegen, immerhin ist es erreichbar, wenn auch nur online:

www.garbagepatchstate.org

Nur für die ursprünglichen Bewohner der Region, die Meerestiere, ist dieser Staat nicht so bekömmlich, vielmehr lebensfeindlich.

 

 

 

Die Kunst des Korkenziehens

Vom Entkorken erschöpft. Biennale-Besucher in den Giardini (Foto R.W.)

Vom Entkorken erschöpft. Biennale-Besucher in den Giardini (Foto R.W.)

Die Maler des christlichen Abendlandes hatten es während der frommen Jahrhunderte irgendwie einfach. Die Vorgaben und Motive für ihre Bilder, man fand sie alle in dem EINEN Buch und den vielen Legenden, die sich daraus nach und nach entwickelten. Die Wunder, die dramatischen Einmischungen der himmlischen Mächte, die Heils- und Leidensgeschichten, die Sünder und die Frommen, das Erlösungsversprechen wurden in Bildern erzählt und verstanden, weil sie zum Alltag der Menschen gehörten. Weiterlesen

Spaniens doppelter Pavillon

Die Biennale steckt voller Geschichten und Merkwürdigkeiten. Hier ist eine, zu der noch der Schlüssel fehlt.

So kennen wir den spanischen Pavillon (Foto R.W.)

So kennen wir den spanischen Pavillon (Foto R.W.)

Den einen Pavillon kennt man. Am Eingang der Giardini vorne links. Den anderen findet man im Inneren des ersten. Unfertig. Granuliertes Baumaterial, aufgeschüttet zu Haufen unterschiedlicher Höhe, die wie Pyramiden zur Decke ragen. Ziemlich genau die Menge, die man seinerzeit für den Bau benötigte.

Das soll uns zu denken geben. Aber was? Das Ganze ist mehr als die Summe der Teile? Geschenkt. Ein bißchen Stärke, einige Spurenelemente und reichlich Wasser ergeben eine Kartoffel. Eine Leinwand auf Keilrahmen gespannt, einige Tuben Farben, Palette und Pinsel machen noch keinen Bellini. Weiterlesen