Archiv der Kategorie: Geschichte und Geschichten

500 Jahre Ghetto? Kein Grund zum Feiern!

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Bei der Erinnerung an das Ghetto, das vor 500 Jahren in Venedig eingerichtet wurde, gibt es nichts zu feiern, sondern nur auf eine Tragödie hinzuweisen. So äußerte sich der Präsident der Jüdischen Gemeinde Italiens, Renzo Gattegna, in Rom in Anwesenheit des Bürgermeisters von Venedig und des Präsidenten der Region Veneto während der offiziellen Vorstellung des Veranstaltungsprogramms zur Erinnerung an das historische Datum. Weiterlesen

Ein (H)ort für Wissbegierige

Palazzo Barbarigo am Canal Grande (Foto R.W.)

Palazzo Barbarigo am Canal Grande (Foto R.W.)

Das Deutsche Studienzentrum in Venedig beherbergt nicht nur Stipendiaten, die sich mit der Geschichte und Kultur Venedigs befassen, sie versammelt gelegentlich auch Historiker aus aller Welt, die sich über das immaterielle Erbe der Lagunenstadt gebeugt und alte Dokumente studiert haben, um uns Nachgeborenen ein facettenreiches Bild vom Leben und Treiben der damaligen Großstadt und Republik Venedig zu vermitteln. So geschehen Anfang März während einer dreitägigen Konferenz im Palazzo Barbarigo am Canal Grande. Weiterlesen

Von Steinen und Stolpersteinen

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Was ist schon Großes von Venedigs Pflastersteinen zu berichten. Keiner hat ihr Gesamtgewicht berechnet. Dabei ist im Laufe der Jahrhunderte einiges zusammengekommen, was man aus Istrien herbeigeschafft hat, um die Gassen und Plätze Venedigs begehbar zu gestalten. Seitdem haben die Steine Millionen von Schuhsohlen über sich ergehen lassen. Sie sind nicht kleinzukriegen, wie man sieht.

 

Nun gibt es auch den einen oder anderen Stein, um den sich eine Geschichte rankt. Auf einen solchen hat uns jetzt ein neuer Reiseführer aufmerksam gemacht, der unseren Blick für das VERBORGENE VENEDIG schärfen will. Wenn man sich, den S.-Peter-Kanal überquerend, der gleichnamigen Kathedrale nähert, die einst die Amtskirche des Patriarchen von Venedig war, ist da ein gepflasterter Weg, der direkt zur Kirche führt. Da entdeck der aufmerksame Besucher inmitten der grauen Pflastersteine auch einen weißen. Einen einzigen.

 

Dieser Stein ist da nicht aus Versehen verlegt worden. Vielmehr markiert er den Punkt, an dem sich zu Zeiten der Serenissima der Doge und der Patriarch trafen, wenn es denn nicht zu vermeiden war, dass die weltliche und die kirchliche Macht etwas zu verhandeln und zu klären hatten. Der Doge hätte es als demütigend empfunden, wenn er bis zur Kirche des Patriarchen hätte gehen müssen, und dem Patriachen blieb es erspart, den Dogen bei seiner Ankunft im Boot begrüßen zu müssen. So wahrten beide ihr Gesicht. Ein Stein genügte, um diplomatische Verwicklungen zu vermeiden und ein Gleichgewicht der Macht zu erhalten. Mit dem Einzug Napoleons in die Lagunenstadt wurde alles anders. Der Doge wurde abgeschafft, der Patriarch in die Kirche des Dogen am Markusplatz versetzt. Da sitzt er bis heute. Der Stein ist von seiner beschwichtigenden Funktion erlöst.

 

Ganz anders verhält es sich mit den neuen Steinen, die gar keine echten Steine sind, aber als Stopersteine auch vor Venedigs Häusern zu finden sind, wo sie an die Deportation und Ermordung von Juden durch das Naziregime erinnern sollen. Die Venezianer und die Besucher werden es leicht veschmerzen können, dass der weiße Stein von S. Pietro in Vergessenheit geriet, während die Stolpersteine von Cannaregio bis S. Servolo uns immer wieder irritieren und in Erinnerungen rufen sollen, dass hier Menschen gelebt, deportiert und ermordet worden sind, nur weil sie Juden waren. Wie an anderen Orten auch sind die bis heute in Venedig verlegten Stolpersteine weit davon entfernt, das ganze Ausmaß der Verbrechen in Zahlen wiederzugeben. Ein als Google-Maps eingerichteter Stadtplan Venedigs weist auf die Orte hin, an denen solche Stolpesteine schon in das Pflaster eingearbeitet sind.

 

Das Deutsche Studienzentrum Venedig hat Anfang des Jahres für den Festakt anläßlich der Verlegung von fünf Stolpersteinen durch den Künstler Gunter Demnig einen würdigen Rahmen für das Ereignis geboten. www.dszv.it/de/events/…/stolpersteine-gunter-dem…

 

Siehe auch venedig-ebb.blogspot.com/…/wo-denn-genau-stol.. In dem Beitrag ist auch ein Hinweis auf google-maps enthalten.

 

Der Reiseführer VERBORGENES VENEDIG ist bei Edizioni Jonglez erschienen.

 

 

Neues Leben auf der Friedhofsinsel San Michele

Im Klostergarten wird wieder Wein gekeltert (Foto R.W.)

Im Klostergarten wird wieder Wein gekeltert (Foto R.W.)

Wer es sich in der Trattoria Corte Sconta im Sestiere von Castello gutgehen läßt, wird sich kaum Gedanken darüber machen, wie alt der Weinstock ist, dessen auslandendes Blätterdach ihm Kühlung spendet. Erst der Verein „Laguna nel bicchiere – le vigne ritrovate“ öffnete den Venezianern die Augen für den Weinanbau, der auf der Lagune eine lange Tradition hatte. Da erfährt man dann, dass der schattenspendende Weinstock schon über hundert Jahre alt ist und bis heute verwertbare Trauben der Sorte Tocai trägt. Weiterlesen

Der Wein, den einst die Dogen tranken

Das Weingut auf Mazzorbo hat Reben und Reben (Foto R.W.)

Das Weingut auf Mazzorbo hat Reben und Reben (Foto R.W.)

In den besten Zeiten der Serenissima labten sich die Dogen mit dem Wein der „goldenen“ Dorona-Trauben. Die auf den Inseln rund um die Stadt kultivierte Rebe geriet irgendwann in Vergessenheit und drohte vollends zu verschwinden. Im Jahr 2002 waren nur noch 80 Weinstöcke aufzutreiben, die den Grundstock für eine mühevolle Neuansiedlung der Dorona-Rebe auf einem Grundstück der Insel Mazzorbo bildeten. Weiterlesen

Alarmisten überall

Protest in der Maske des Pestdoktors (Foto R.W.)

Protest in der Maske des Pestdoktors (Foto R.W.)

Auch in Venedig bewährt sich Facebook als Brutstätte für Gruppen, die unzufrieden sind mit dem, was um sie herum geschieht. Sie organisieren dann Märsche durch die Sestiere, um auf den Verfall der Kultur aufmerksam zu machen, starten Aktionen gegen die Vorhängeschlösser an Brückengeländern, die dort als Liebesbeweise hingehängt wurden, protestieren gegen die Kreuzfahrtschiffe und manches mehr. Nicht alle Aktionen sind so nachhaltig wirksam wie die der Gruppe „No Grandi Navi“, die den Protest gegen die Kreuzfahrtschiffe in Venedig am Kochen hält. Für andere ist es schon ein Erfolg, wenn über sie ein Bericht in den Lokalblättern erscheint. Weiterlesen

Auf der Suche nach dem Anfang einer Geschichte

 

Hier geht´s nach oben zur Kunstausstellung  (Foto R.W,)

Hier geht´s nach oben zur Kunstausstellung (Foto R.W,)

 

 

Das Luxuslabel Louis Vuitton leistet sich in Venedig den Luxus einer großzügigen Ausstellungsfläche für die Kunst. Auftragskunst, versteht sich. Gelungene Symbiose von Kunst und Kommerz, zu besichtigen in der dritten Etage über den Geschäftsräumen gleich hinter dem Markusplatz. Der Eingang zu den Räumen in der Calle del Ridotto 1353 (ein paar Schritte weiter ist die Hauptverwaltung der Biennale zu Hause) ist mit einem eher unauffälligen Schild gekennzeichnet: Espace Louis Vuitton Venezia.

 

Zur Zeit kann man da zwei Künstler bewundern, deren Biographien unterschiedlicher nicht sein können. Der eine, Mariano Fortuny, hat der Stadt ein ganzes Museum hinterlassen, den Palazzo Fortuny mit einer reichen Kunstsammlung, darunter ein Archiv mit über 1500 Schwarzweiß-Negativen mit Venedig-Motiven. Eine Auswahl wird nun als Bildsequenz gezeigt und vermittelt die Sicht des Künstlers auf die Stadt zu seiner Zeit. Fortuny starb 1949. Der andere, ein bekannter Manga-Künstler aus Japan, kam in die Stadt auf der Suche nach seiner Vergangenheit. Ob es gleichzeitig auch eine Auftragsarbeit der genannten Luxusfirma war, lassen wir offen.

Jiro Taniguchi (geboren 1957) zeigt uns als Comic-Sequenz in leichten Aquarell-Farben ein Venedig, das wir alle zu kennen glauben. Der Held in den Bildern, der sich in schmalen Gassen, auf Brücken und Treppen verläuft, erinnert an eine andere Comic-Figur, die sich schon vor ihm in allen Winkeln Venedigs herumtrieb: Corto Maltese, 1967 von dem italienischen Comic-Zeichner Hugo Pratt ins Leben gerufen, machte sich einen Namen als kenntnisreicher Venedig-Reiseführer.

 

Das anspielungsreiche Motto der Ausstellung „Sguardi incrociati a Venezia“ weist auf die unterschiedlichen Sichtweisen der Künstler hin. Fortuny betrachtete Venedig als Bühne und inszenierte seine Bilder entsprechend. Bei Taniguchi erleben wir Venedig leicht und schwebend zwischen Himmel und Wasser und seinen Helden mittendrin. Er scheint nicht zu wissen, dass in Venedig eine Geschichte immer und überall beginnen kann. Auch seine.

 

Espace Louis Vuitton Venice, Calle del Ridotto 1353

Mariano Fortuny und Jiro Taniguchi

Sguardi Incrociati a Venezia

noch bis 18.11.2014 zu sehen

Öffnungszeiten montags bis samstags 10.00 – 19.30 Uhr, sonntags 10.30 – 19.30 Uhr

Eintritt frei

 

Venedig setzt sich zur Wehr

Paul Floras Sicht der Dinge

Paul Floras Sicht der Dinge (aus dem Bildband „Die welke Pracht“)

Bei der Erinnerung an den Ausbruch des ersten Weltkriegs vor hundert Jahren sind die betroffenen Länder bemüht, ihre Sicht der Dinge zu vermitteln. Da will auch Venedig nicht abseits stehen. Was während der drei Kriegsjahre von 1915 bis 1918 in und mit Venedig geschah, ist jetzt in einer umfangreichen Fotoausstellung mit Archivmaterial bis zum 8. Dezember in der Casa dei Tre Oci auf der Insel Giudecca zu besichtigen. Dazu gibt es einen Katalog mit 120 Bildern und ausführlichen Kommentaren (ausschließlich in italienischer Sprache). Weiterlesen

Mit Weitblick und Geduld

Auf schwankenden Planken nach Certosa (Foto R.W.)

Auf schwankenden Planken nach Certosa (Foto R.W.)

Ein bewaldetes Stück Land von 24 Hektar, unbewohnt, undurchdringlich, eine verlassene Insel, wenige hundert Meter vom Arsenale entfernt. Das reichte lange Zeit als Beschreibung der Certosa, einer Insel mit Geschichte, die nun zu neuem Leben erwacht ist. Einst lebten hier fromme Mönche, von denen sich der Name herleitet, dann war da Napoleon, der dem frommen Leben ein abruptes Ende bereitete und die Insel als Munitionsdepot benutzte. Bei der Lagerung und Herstellung von Munition blieb es dann auch die folgenden hundertfünfzig Jahre. 1962 endete die militärische Nutzung, und es dauerte dann noch mehr als 20 Jahre, bis die Stadt Venedig die Erlaubnis erhielt, dieses Stück Land wieder zu kultivieren und für die Bürger und Besucher Venedigs zurückzugewinnen. Weiterlesen

Dazwischen liegen 700 Jahre Baugeschichte

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Palazzo Tito, Baujahr 20. Jahrh., links; Ca`da Mosto, Baujahr 13. Jahrh., rechts (Fotos R.W.)

Der Canal Grande, knapp vier Kilometer lang, ist Venedigs belebteste Verkehrsstraße und seit jeher die begehrteste Lage für die Palazzi, die sich zu beiden Seiten des Kanals aneinanderdrängen. In den einschlägigen Bildbänden werden an die 200 Bauwerke aufgezählt, die dort im Laufe von Jahrhunderten erbaut, erweitert, umgebaut und restauriert worden sind. Ein Ende der Bautätigkeit ist nicht abzusehen, auch wenn hier schon lange keine Neubauten entstehen. Der letzte wirkliche Neubau, für den ein eher bescheidenes Bauwerk weichen mußte, ist der Palazzo Tito (neben der Haltestelle S. Angelo), der Anfang der 50er Jahre des letzten Jahrhunderts entstand. Wie Clemens F. Kusch in seinem Architekturführer schreibt, gab es damals heftige Kontroversen um das Projekt, weil man ein modernes Gebäudes am Canal Grande als Sakrileg empfand. Weiterlesen