Archiv der Kategorie: Geschichte und Geschichten

Vom Gondeln und vom Dieseln

Vorn wird gegondelt, dahinter gedieselt (Fotos R.W.)

Wer in Venedig unterwegs ist, hat die Wahl zwischen dieseln und gondeln. Beide sind als Verben der Bewegung zu verstehen, zu denen auch gehen, laufen, innehalten und manches andere gehört, mit dem man das Verhalten von Besuchern beschreibt, die in der Stadt mit ihren vielen Kanälen herumkommen. Dabei gibt es zwischen den mit Menschenkraft bewegten Gondeln und den mit Dieselmotoren angetriebenen Vaporetti signifikante Unterschiede. Am augenfälligsten ist der Einsatz von Energie. In der Gondel schafft es ein Mensch, aus eigener Kraft ein Boot von mehr als zehn Metern Länge mit sieben Personen einschließlich Gondoliere durch Venedigs Kanäle zu steuern. Und das mit einem Gesamtgewicht von knapp einer Tonne, wenn alle Sitzplätze in der Gondel belegt sind. Im Vaporetto braucht es einen Dieselmotor, der in Bezug auf Lärm- und Luftbelastung nicht den besten Ruf hat, dafür aber bis zu 200 Fahrgäste von Haltestelle zu Haltestelle befördert. Weiterlesen

Biwak als Stätte der Begegnung

Leihgabe aus dem Bestand von Reinhold Messner (Foto R.W.)

Es ist gerade mal hundert Jahre her, da wurde im Friedensvertrag von St.-Germain-en-Laye die Region Südtirol dem Staat Italien zugesprochen. Ganz so wie im geheimen Londoner Abkommen mit Großbritannien und Frankreich vor dem Ersten Weltkrieg vereinbart. Seitdem zählt man sich in Italien zu den Gewinnern des Ersten Weltkriegs, der hier auch stolz immer als Grande Guerra bezeichnet wird. Da es seitdem in der betreffenden Region längere Zeit alles andere als friedlich zuging, hat sich inzwischen auch in Italien die Vorstellung durchgesetzt, dass der Gewinn aus dem großen Krieg ziemlich teuer erkauft wurde.

So ist es eine bemerkenswerte Wendung in der Wahrnehmung der Geschichte, wenn jetzt eine Gruppe von Künstlern aus Südtirol mit italienischen und deutschen Namen einen Biwak aus dem Gebiet der Alpen, wo seinerzeit die Frontlinie im Krieg der Italiener gegen die Österreicher (oder war es umgekehrt?) verlief, nach Venedig schafft und ihn als Ort der Zuflucht und der Begegnung präsentiert. Die Initiatoren bezeichnen die Schutzhütte als „kleines Europa“ in einem sonst von Nationalismen aufgewühlten Europa.

Die Schutzhütte als Symbol für ein offenes und friedliches Miteinander steht seit Eröffnung der Kunstbiennale 2019 auf der Insel S. Servolo. Als europäisch fühlender Weltbürger ist man auch für kleine Zeichen empfänglich, die uns daran erinnern, dass man in Kriegen immer nur verlieren kann, auch wenn man glaubt, sie gewonnen zu haben.

Eine Entstehungsgeschichte des Lebens

Die lebenden Steine in Australien (Fotos R.W.)

Wir sind es gewohnt, die Geschichte der Menschheit nach Jahrtausenden zu berechnen. Dabei ist das Leben des einzelnen Menschen deutlich kürzer. Wenn es hoch kommt, sind es 80 Jahre, wie man schon im Buch der Bücher lesen kann. Daran hat sich bis heute nichts geändert, auch wenn man sich gern vorstellt, es irgendwann in den Bereich der dreistellige Ziffer zu schaffen (koste es was es wolle). Doch nicht nur das unsere, alles Leben auf dem Planeten Erde ist endlich. Das ewige Leben muss sich in anderen Sphären abspielen, wenn überhaupt. Weiterlesen

Die Grenzen der Kunst

Erst Fischkutter, dann Flüchtlingschiff und jetzt Barca Nostra (Foto R.W.)

Satire darf alles. Das hat uns Kurt Tucholsky schon vor hundert Jahren eingeschärft. Inzwischen gibt es immer mehr Kunstschaffende, die diesen Anspruch auch für ihre Kunst geltend machen wollen. Also gut – die Kunst darf alles. Aber kann sie auch alles, was sie darf? Das ist die Frage, die man sich angesichts des Kutters stellen muss, der zu Beginn der Biennale auf einem Floß durch Venedig transportiert wurde. Weiterlesen

Wozu Heilige gut sind

Da kommen nicht Touristen, sondern Soldaten (Fotos R.W.)

Der Heilige Markus ist den Christen als einer der vier Evangelisten im Neuen Testament bekannt. Er hat wohl in frühchristlicher Zeit auch in der Gegend missioniert, die heute als Veneto bezeichnet wird. Allerdings gab es zu seinen Lebzeiten die Stadt Venedig noch nicht, die sich erst viele Jahrhunderte später die Reliquie des inzwischen heiligen Märtyrers sicherte, die beherzte Fischer von Malamocco aus Alexandrien vor den Muselmanen in Sicherheit und nach Venedig brachten. So geht die Legende.

Als Heiliger selbst tritt San Marco kaum in Erscheinung. Dafür ist sein Begleiter, der geflügelte Löwe, in Venedig omnipräsent. Doch manchmal ließ er sich wohl hinreißen und griff vom Himmel aus ein. Zum Beispiel in dem Bild von Tintoretto, das in diesen Tagen anlässlich des 500. Geburtstag des Malers wieder viel Aufmerksamkeit fand. Da sieht man den Heiligen mit wehendem Gewand vom Himmel stürmen, um einen armen Sünder von seinen Peinigern zu erlösen, die vor Schreck ihre Folterwerkzeuge fallen lassen.

In diesen Tagen haben die Venezianer wieder Gelegenheit, sich mit ihrem Heiligen zu beschäftigen. Diesmal kommt San Marco nicht aus den Wolken, sondern auf den Wellen der Lagune als tonnenschweres Ungetüm. Ein Kriegsschiff mit Namen S. Marco liegt seit einigen Tagen im Bacino vor Anker. Doch keiner der Vorübergehenden zeigt sich beunruhigt. In Venedig ist man eben hart im Nehmen. Man ist hier auch gar nicht verwundert oder gar erschüttert, dass im Namen des Heiligen an den Ersten Weltkrieg gedacht wird, den man in Italien auch noch den „großen Krieg“ nennt. Als dieser Krieg schon zu Ende war und Italien sich zu den Siegern zählen durfte, wurden vier Bataillone Italiens, die sich heldenhaft gegen Kriegsende dem Vormarsch der österreichisch-ungarischen Truppen auf dem Festland in Richtung Venedig widersetzt hatten, mit der Ehrenbezeichnung Brigata Marina San Marco ausgezeichnet. Das Zeremoniell dazu fand am 17. März 1919 statt. Grund genug, nach hundert Jahren daran zu erinnern? Wie man´s nimmt. Der Heilige blieb wohl ungerührt.

Was man zu sehen bekommt und was nicht

Ein unbekannter Turner in der Biblioteca Marciana von Venedig? (Foto R.W.)

Dieses Bild von Turner hat die Welt bisher noch nicht zu sehen bekommen. Dabei ist es entstanden, um auf die Evolutionstheorie von Charles Darwin hinzuweisen, und zwar auf den entscheidenden Moment, der zur Entstehung dieser Theorie beigetragen hat – : also wohl den Tag, als das Forschungsschiff HMS Beagle mit Charles Darwin an Bord seine Reise begann – 27. Dezember 1831 in Devonport, oder doch lieber den Tag, als das Schiff nach fast fünf Jahren auf den Weltmeeren unterwegs  am 2. Oktober 1836 endlich den Hafen Falmouth erreichte?

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Löwen dem Zahn der Zeit ausgesetzt

Was kommt uns eigentlich in den Sinn angesichts der vielen Darstellungen geflüglter Löwen, denen wir in Venedig auf Schritt und Tritt begegnen und die es zudem auf so gut wie alle offiziellen Schriftstücke der Stadt geschafft haben? Wenn man sich etwas eingehender mit dem Wappentier Venedigs beschäftigt, kommt man unausweichlich auch zu demjenigen, der dieses Tier nach Venedig mitgebracht hat. Es handelt sich um den Verfasser des Markus-Evangeliums. In frühchristlicher Zeit war der Evangelist Markus mit Petrus im Mittelmeerraum als Missionar unterwegs und hat dabei unter anderem das Erzbistum Aquileia am Golf von Triest begründet. Weiterlesen

Aufhören? Kommt für Gunter Demnig nicht in Frage!

Gunter Demnig im Auditorium Santa Margherita (Foto R.W.)

Gunter Demnig im Auditorium Santa Margherita  vor Studenten der Universität Ca Foscari in Venedig(Fotos R.W.)

Gunter Demnig ist ein außergewöhnlicher Künstler. Seine Kunst besteht darin, an Menschen zu erinnern, die während des Naziregimes in Vernichtungslagern umgekommen sind. Er hat dafür sogenannte Stolpersteine erfunden, auf denen die Namen und die Geburts- und Sterbedaten der Nazi-Opfer zu lesen sind. Diese pflastersteingroßen Gedenktafeln mauert er ein, wo die Menschen gelebt haben – in der Straße, vor dem Haus, wo ihnen die Freiheit und das Leben genommen wurde. An diesem Montag (22.1.18), der in der ganzen Welt als Holocaust-Gedenktag begangen wird, ist Gunter Demnig in Venedig. Das fünfte Mal schon; immer unter Mitwirkung des Deutschen Studienzentrums in Venedig.  Im Auditorium Santa Margherita der Universität Ca` Foscari erwarten ihn überwiegend junge Menschen, die selbst keine eigene Erinnerungen an die Verfolgung und Vernichtung von Juden, Sinti und Roma oder geistig behinderten Menschen haben. Sie sind gekommen, weil er heute für Olga Blumenthal einen Stolperstein ins Pflaster einmauern wird. Olga Blumenthal war bis zum 30. Oktober Dozentin an der Universität Ca Foscari. Auf ihrem Stein ist zu lesen: Weiterlesen

2017/18: Rückblicke und Ausblicke

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Mit diesem Floß werden die Elemente des Flutwehrsystems an den Ort ihres Wirkens gebracht und und auch wieder abgeholt, wenn Inspektionen und/oder Reparaturen nötig sind (Foto R.W.)

Ein Ende der Wartezeit?

Was hat man nicht alles über das Flutwehrsystem Mose spekuliert und geschrieben, das den Venezianern ermöglichen soll, auch bei Hochwasser trockenen Fußes durch die Gassen ihrer Stadt und über den Markusplatz zu kommen. Nun ist – nach langer Zeit zum ersten Mal? – so etwas wie ein Eröffnungsdatum im Gespräch.

Der Beginn einer ausgedehnten Testphase ist nun für den Januar 2019 geplant. Bis dahin sind noch an die vierzig mehr oder weniger umfangreiche Arbeiten zu erledigen. Für den dann anlaufenden regulären Betrieb werden jährliche Kosten von 80 Millionen € veranschlagt. Wer diese Kosten trägt – die Stadt oder der Staat – , ist wohl noch nicht geklärt.

Ebenso wenig scheint geklärt zu sein, bei welchem Pegelstand das Flutwehrsystem aktiviert werden soll. Man weiß nur, dass bei einem Pegelstand von 110 cm der Markusplatz überflutet ist. Was man verhindern will. Nun ist wohl auch die Möglichkeit im Gespräch, statt der drei Barrieren, die die Flut aus dem Mittelmeer aufhalten sollen, nur die im Norden der Lagune zu betätigen, wo der Kanal für die Kreuzfahrtschiffe ausgebaggert ist, die dann leider draußen bleiben müssten. Wenigstens vorübergehend. Sonst noch Fragen?

Wegen Überfüllung geschlossen

Wenn wir schon bei den Überflutungsproblemen sind, die den Markusplatz betreffen, sollten wir nicht nur an Hochwasser denken, sondern auch an Menschenmengen. Von dem Projekt Mose haben wir gelernt, dass es auf dem Markusplatz bisher keine Wirkung gezeigt hat. Inzwischen verlagert sich die Aufmerksamkeit in Venedig auf die Menschenmassen, die seit Jahren die Gassen und Plätze überfluten. Auch hier sieht es so aus, dass der Markusplatz am stärksten betroffen ist. So ist es nur verständlich, ja zwingend, dass man nach einer wirksamen Abhilfe sucht. Die will der amtierenden Bürgermeister nun gefunden haben.

Und das geht so: Im Laufe des Jahres soll mit Hilfe von Telekameras auf dem Markusplatz und Ampeln an den diversen Zugängen eine „Überflutung“ verhindert werden, indem man den Zufluss „steuert“. Signalisieren die Telekameras, dass eine Überfüllung des Markusplatzes sich abzeichnet, schalten die Ampeln auf Rot. So weit so gut, aber das Rot soll wohl nicht für alle gelten. Wer nicht in Venedig wohnt oder nicht als Gast der Stadt registriert ist, dem wird der Zugang zum Markusplatz verwehrt, und zwar aus „Sicherheitsgründen“. Wie diese Selektion funktionieren soll, bei der Bewohner und Gäste Venedigs bevorzugt werden, ist wohl noch nicht klar. Vielleicht regt das ja sogenannte DOC-Venezianer an, nur im Outfit aus Goldoni-Zeiten auszugehen. Das wäre doch wirklich eine Attraktion. Nur schade, dass die Passanten, denen der Zugang zum Markusplatz verwehrt würde, von diesem Schauspiel in der guten Stube Venedigs nichts hätten….

Die Sprache der Zahlen

Die 57. Kunstbiennale in Venedig ist Geschichte, die 58. schon in Arbeit. Über 615 000 Tickets wurden während der sechsmonatigen Veranstaltung an Besucher verkauft, 23 Prozent mehr als zwei Jahre davor. An dieser Zahl wird sich der Kurator messen lassen müssen, der bereits für die Veranstaltung im Jahr 2019 benannt ist. Ralph Ragoff, Direktor der Hayward Gallery in London. Den Kennern des Kunstmarktes sicher ein Begriff. Auch der Termin ist kein Geheimnis. Eröffnung am 11. Mai, Schließung am 24. November. Nur wer hat heute schon einen Kalender für das Jahr 2019?

Nicht weniger zufrieden zeigen sich die Veranstalter, die im Palazzo Grassi und in den Ausstellungsräumen der Dogana 360 000 Besucher in Staunen versetzten durften. So unglaublich und spektakulär waren die Schätze aus dem gesunkenen Schiff namens Unbelievable, die der britische Künstler Damien Hirst in den Tiefen eines Meeres entdeckt haben will, das wohl in keiner Seekarte zu finden ist. „The Treasures from the Wreck of the Unbelievable“ warten nun auf Liebhaber und Sammler, die angesichts von gigantischer Größe und Fülle keine Zeichen von Furcht, ja nicht einmal Ehrfurcht zeigen müssen.

Wohl nicht des Pudels Kern

Mit Jahreszahlen ist das so eine Sache. Je weiter man sich in die Vergangenheit begibt, desto weniger ist ihnen zu trauen. So auch bei dem Jahr 421. In diesem Jahr soll dort, wo heute die Rialtobrücke den Canal Grande überwölbt, die Kirche San Giacometo erbaut worden sein. Historiker haben das wohl immer angezweifelt und bieten stattdessen das Jahr 828 als Gründungsdatum für eine Ansiedlung an, die wir heute als Venedig bezeichnen. Auch hier bezieht man sich auf die Errichtung einer Kirche an dem Ort, wo heute der Markusdom steht.

Nun aber hat man bei Renovierungsarbeiten in ebendiesem Dom in gut vier Metern Tiefe eine Entdeckung gemacht, die auch an dieser Jahreszahl Zweifel aufkommen lässt. Bei der Entdeckung unter den Mosaiksteinen handelt es sich um zwei Pfirsichkerne, die da vor gut 1300 Jahren als Speiserest eines Bauarbeiters (?) zurückgelassen wurden. Mit Hilfe der Radiokarbonmessung hat man das Alter dieses Fundes ermittelt und ist zu dem Schluss gekommen, dass die beiden Früchte irgendwann zwischen 650 und 770 verzehrt worden sind, deren Reste nun die Archäologen beschäftigen. Wenn man sich auf diese Geschichte einlässt, kann man sich das Gründungsjahr Venedigs unter mehr als hundert Angeboten aussuchen. Ist das des Pudels Kern?

Eine kleine Geschichte von Geld- und Schuldscheinen

Diese Automaten werden gegen neue ausgetauscht ( Foto RW)

Fahrschein gefällig (Foto R.W.)

Man muss schon recht gut zu Fuß sein, um Venedig genießen zu können. Zum Glück gibt es die öffentlichen Verkehrsmittel, die hier Vaporetti heißen, obwohl sie mit Vapore schon lange nichts mehr zu tun haben, sondern auf den Treibstoff Diesel angewiesen sind. Inzwischen ist sogar ein Hybridfahrzeug auf dem Canal Grande mit Strom unterwegs und wird außerhalb des Stadtgebietes auf dem Weg zum Flughafen auf Dieselbetrieb umgestellt. So sieht hier der Fortschritt aus. Weiterlesen