Kategorie-Archiv: Kunst und Kultur

Kunstbetrieb und Kunsterlebnis

Paper Tree, Steine und Pozellan von Lee, 1970 (Foto R.W.)

Paper Tree, Steine und Pozellan von Lee, 1970 (Foto R.W.)

Wenn man, von San Marco kommend, zur Biennale in den Giardini unterwegs ist, passiert man den Palazzo Caboto, der wie mit einem Schiffsbug in die Via Garibaldi ragt . Dort weist ein eher unauffälliges Schild auf eine Ausstellung hin, die einige Tage vor der Eröffnung der 57. Kunstbiennale, nämlich am 8. Mai begann und am 28. Juni wieder schließt. Eine von etlichen Dutzend Veranstaltungen, die von der Sogwirkung der Biennale profitieren wollen. Weiterlesen

Ein Triptychon aus unseren Tagen

St. Cloud is everywhere (Foto R.W.)

St. Cloud is everywhere (Foto R.W.)

Während wir im Dogenpalast noch die frommen Bilder vergangener Jahrunderte bewundern können – unter anderem das restaurierte Triptychon von Hieronymus Bosch, das die Heilige Julia von Korsika und Schutzheilige der italienischen Stadt Brescia zeigt – , gibt es bei diesem Triptychon im öffentlchen Raum nichts zu restaurieren und noch weniger zu bewundern. Auch mit der Zuschreibung eines/einer Heiligen dürfte man sich schwertun. Am ehesten könnte man sich eine Beziehung zu einem Sankt Cloud vorstellen, der da hinter den unansehnlichen Kästen für weltweit gute Kommunikation und eine profitable Verwendung unserer digitalen Absonderungen zuständig ist. So ändern sich mit der Zeit auch die Heiligenbilder, die uns etwas bedeuten. Nur finden sie nicht immer die ehrfurchtsvolle Wertschätzung, die man den Werken alter Meister entgegenbringt.

Was hat Schopenhauer in Venedig getrieben?

Dichterlesung im Studienzentrum (Foto R.W.)

Dichterlesung im Studienzentrum (Foto R.W.)

Der „Atlante Storico di Venezia“ ist ein sehr dickes Buch. In diesem Buch, das zur Geschichte Venedigs von den Anfängen bis heute immer etwas Bemerkenswertes zu erzählen weiß, findet man so gut wie alle deutschen Dichter und Denker erwähnt, die sich in dieser Stadt aufgehalten haben. Nur Arthur Schopenhauer kommt darin nicht vor, obwohl er Venedig im Jahre 1818 besuchte und sogar ein Empfehlungsschreiben Goethes an Lord Byron bei sich hatte, der zu dieser Zeit so etwas wie ein Star der venezianischen Gesellschaft war. Für Schopenhauer offensichtlich ein Grund mehr, von dem Empfehlungsschreiben keinen Gebrauch zu machen. Weiterlesen

Cane? Dann doch lieber Caine!

 

Der Komponist sitzt am Flügel (Foto R.W.)

Der Komponist sitzt am Flügel (Foto R.W.)

Jan und Uri Caine in Venedig  (Foto R.W.)

Jan und Uri Caine in Venedig (Foto R.W.)

Auf den Konzertkarten war zu lesen „Euroamerica: Uri Cane Urlicht-Primal Light. Zu unserer Erleichterung war es dann doch Uri Caine (!), den wir im Vortragssaal der Stiftung Emilio Vedova mit seinem Ensemble zu sehen und zu hören bekamen. Der gleiche also, den wir das erste Mal im Sommer 2003 während der Musik-Biennale im Arsenale von Venedig erlebt hatten. Er hatte uns damals so beeindruckt, dass wir daraufhin die CD von Winter&Winter mit der Aufnahme von Urlicht kauften, in der Uri Caine mit einem recht großen Orchester und viel technischem Aufwand eine Jazz-Version mit Stücken aus Mahler-Sinfonien präsentierte. Weiterlesen

Ganz schön ausgekocht

Der Küchenchef aus Eisenhüttenstadt erklärt seinen Gästen, was ihnen da vorgesetzt wird (Foto Petra Schaefer, dszv.it)

Der Küchenchef aus Eisenhüttenstadt erklärt seinen Gästen, was ihnen da vorgesetzt wird (Foto P Schaefer, dszv.it)

Die Einladung des Deutschen Studienzentrums in Venedig hatte es in sich und lockte ungewöhnlich viele Besucher in den Vortragssaal am Canal Grande. Dabei war es wohl weniger das Thema des Vortrags, das für einen vollen Saal sorgte, sondern auch der Nachsatz in der Einladung, in der „venezianische und brandenburgische Cichetti“ angekündigt wurden. Die Gäste kammen in doppelter Hinsicht auf ihre Kosten. In dem Vortrag, den der Direktor des Studienzentrums, Romedio Schmitz-Esser, in italienischer Sprache hielt, ging es unter anderem darum, dass der Kaiser Barbarossa, der während des dritten Kreuzzugs unterwegs nach Jerusalem ums Leben kam, würdig bestattet werden sollte und zu diesem Zweck vom seinem Koch zerlegt und gekocht wurde, so dass schließlich nur die Gebeine für eine ehrenvolle Bestattung übrig blieben. Weiterlesen

Eine Gastspielreise

Rossini in Viaggio. So heißt eine musikalische Veranstaltungsreihe zur Erinnerung an Giachino Rossini, dessen musikalisches Schaffen sich nicht auf Opern beschränkt hat. Das Orchester Filarmonica Giachino Rossini ist seit Anfang des Jahres in den italienischen Städten zu Gast, um die Erinnerung an den Komponisten aus Pesaro wachzuhalten. Auch Venedig war eine Station. Der Ort des Ereignisses konnte nicht besser gewählt sein. In der Scuola Grande di San Rocco versammelten sich Mitte Oktober an die 50 Musiker in einem der prächtigsten Säle der Lagunenstadt und spielten auf, dass es eine Freude war.

Fünf Stücke, die auf das Opernschaffen des Komponisten anspielten, danach drei Choräle von Bach in der Bearbeitung von Respighi und schließlich die 4. Sinfonie von Felix Mendelssohn Bartholdy, auch die Italienische genannt. Doch wo waren die Zuhörer? Das Verhältnis von Musikern zu Zuhörern war bestenfalls 1 : 1. Auf jeden Musiker kam gerade mal ein Zuhörer. Die Musiker und den Dirigenten Donato Renzetti schien es nicht zu verdrießen. Gut zwei Stunden dauerte das Konzert, und auf den Schlußapplaus, der angesichts der spärlichen Besucherzahl etwas dünn ausfiel, gab es sogar eine Zugabe.

Als Zuhörer empfand ich anfangs ein gewisses Unbehagen, angesichts der vielen leeren Stühle ringsum. In einer Stadt wie Venedig erwartet man eher das Gegenteil. Da jedoch die Musiker sich keine Enttäuschung anmerken ließen und mit Hingabe spielten – jedenfalls professioneller als die gescheiterte Bemühung, den Saal voll zu bekommen – , habe ich den Abend am Ende doch genossen. Rossini in Viagio ist weiter unterwegs und gastiert nächste Woche in Rom. Man kann den Musikern nur wünschen, dass sie ein volles Haus haben werden.

Eine Annäherung an die Geschichte der Serenissima

Schöne Aussicht vom Luxuskaufhaus am Canal Grande

Schöne Aussicht vom Luxuskaufhaus am Canal Grande (Foto R.W.)

Aus der Google-Perspektive betrachtet, präsentiert sich Venedig als ein Mosaik von dicht an dicht gefügten Ziegeldächern, durch das sich der Canal Grande als Haupverkehrsader windet. Auf der gut vier Kilometer langen Strecke sind auch die Haltestellen des öffentlichen Personenverkehrs und einige touristische Highlights verzeichnet. Wer sich über die Verkehrsanbindung hinaus noch dafür interessiert, was sich unter dem Teppich von Dachziegeln verbirgt, wird bei Wikipedia fündig.Da bekommt man die Namen der meisten Bauwerke benannt, die sich links und rechts am Canal Grande aneinanderdrängen, viele mit Bild, einige auch mit Anmerkungen zur Entstehungsgeschichte. Unter anderem die Ca´del Mosto, die noch Merkmale aus dem 12. Jahrhundert aufweist und einst das berühmteste Hotel der Stadt war, während das jüngste Bauwerk am Canal, der Palazzo Tito, erbaut 1956, keine Erwähnung wert zu sein scheint. Weiterlesen

Morgens um sieben

 

 

Wie einst die Impressionisten (Foto R.W.)

Wie einst die Impressionisten (Foto R.W.)

Da sitzen zwei Besucher aus Fernost auf dem Ponton der Haltestelle San Marco/Vallaresso und genießen den Ausblick über den Canal Grande zur Kirche Santa Maria della Salute, ungestört von den Pendlern, die erst später zu erwarten sind. Sie sind da, ganz ohne Selfie-Einrichtung und ohne Spiegelreflex- oder Digital-Camera. Stattdessen haben sie kleine Staffeleien, allerlei Farbtuben und Pinsel vor sich ausgebreitet.

Sie sind dabei, mit Pinsel und Farbe diesen Augenblick und diesen Anblick in Venedig für sich festzuhalten, ohne dass er für den Transport in die digitalen Wolken zugerichtet wird. Müssen wir angesichts dieses Bildes unser Vorurteil revidieren? Sind Touristen gar nicht so, dass sie nur in der Welt herumreisen, um möglichst viele Bilder zu „schießen“, aber ihre „Beute“ erst in Augenschein nehmen, wenn sie wieder zu Hause sind, wenn überhaupt? Betrachten wir das Pärchen als Ausnahme von der Regel.

 

 

 

 

Ach, Frau Reiche

Von oben herab sieht man mehr (Foto R.W.)

Von oben herab sieht man mehr (Foto R.W.)

Das hätte Maria Reiche (1903 – 1998), Mathematikerin und Archäologin aus Dresden, sich nicht träumen lassen, dass man ihr in diesen Tagen anläßlich der 15. Architekturbiennale in Venedig überall auf den Werbeplakaten und Schriften zu ebendieser Veranstaltung begegnet. Man sieht sie von hinten, auf einer Klappleiter stehend, und erfährt, dass das Bild eine Aufnahme von Bruce Chatwin ist, der Frau Reiche bei der Erkundung der Nazca-Linien in der Steinwüste Perus fotografierte. Nun darf man sich wohl fragen, was die Frau, der Fotograf und die Nazca-Linien mit Architektur und dem Motto „Reporting from the Front“ zu tun haben. Der Präsident der Biennale, Paolo Baratta, wie auch der chilenische Kurator der Architekturbiennale, Alejandro Aravena, finden schöne Worte und gute Argumente, um uns als Besucher zu einem Perspektivwechsel zu ermuntern. Weiterlesen