Archiv der Kategorie: Kunst und Kultur

Zu spät, du rettest den Ruf nicht mehr…

Zu spät, du rettest den Ruf nicht mehr, um mit Schiller zu sprechen

Ach, dieser Bürgermeister von Venedig. Da lässt er zu, dass seine Ordnungskräfte den weltbekannten und öffentlichkeitsscheuen Künstler von der Uferpromenade vertreiben, wo seit undenklichen Zeiten viele venezianische Künstler mit ihren Staffeleien herumstehen und ihre Werke feilbieten, unter die sich auch dieser unbekannte Künstler gemischt hat, um einige seiner Werke zu präsentieren. Was geschieht? I vigili lo cacciano. Doch kaum haben die Ordnungskräfte ihre Pflicht erfüllt und Banksy fortgeschickt, da fällt dem Bürgermeister ein, ihn nach Venedig einzuladen. Zu spät. Weiterlesen

Ein gesunkener Fischkutter als Provokation

Als Vorgeschmack auf die Biennale bekamen Leser des Corriere della Sera diesen Fischkutter serviert (Bild Corriere)

In diesen aufregenden Tagen vor der Eröffnung der 58. Kunstbiennale in Venedig bekamen die Venezianer vor den historischen Kulissen ihrer Stadt ein Spektakel geliefert, das die meisten Zuschauer verwundert haben dürfte (und einige wohl auch befremdet oder sogar schockiert, selbst wenn sie noch nicht einmal als Zeugen des Spektakels dabei gewesen waren). Schließlich geht es um einen Beitrag zur Kunst, der als Provokation verstanden werden soll, aber auch als Aufforderung, unsere Vorstellungen von Mitmenschlichkeit einem Reality-Test zu unterziehen. Weiterlesen

Verspätungsalarm bei den Königlichen Gärten

Dauerbaustelle hinter den Prokuratien (Foto R.W.)

Es war im März 2018. Da haben wir aus der gleichen Perspektive ein Bild von der Baustelle aufgenommen, die sich Giardini Reali nennt. Siehe den Beitrag Countdown für die neuen Giardini Reali. Bei einem Vergleich mit dem Bild von heute stellt man fest: 1. Die Anlage ist für das Publikum noch immer nicht geöffnet. 2. Es sind mehr Baugeräte und Baumaterialien zu sehen als vor einem Jahr. Wir nehmen das als positives Zeichen, dass aus dem Projekt noch was werden kann.

Die Venice Garden Foundation, die sich um die Realisierung kümmert, hat auf ihrer Homepage noch immer das Jahr 2018 als Eröffnungsdatum  stehen. Wenigstens das könnte man wohl aktualisieren. Oder ist das zu viel verlangt?

Frag nach bei Yöti

Die Eröffnung der diesjährigen Kunstbiennale in Venedig lässt noch auf sich warten. Da kommt ein Vorspiel gerade recht, um die Zeit bis zum Mai zu überbrücken. Im Angebot ist eine Ausstellung im Arsenale mit einer Auswahl von Beispielen der Gegenwartskunst in diversen Disziplinen von Malerei bis Landart. Die Auswahl verdanken wir den Initiatoren eines internationalen Künstlerwettbewerbs, der in den dreizehn Jahren seines Bestehens viel Zuspruch gefunden hat. In der aktuellen Ausstellung sind 120 Künstler aus den verschiedenen Weltregionen vertreten, mehrheitlich aus Europa. Der Eintritt ist frei inklusive Veranstaltungen für Kinder und Gesprächsrunden mit eingeladenen Gastrednern zu ausgewählten Themen des Kunstmarktes. Weiterlesen

Das Kreuz mit den sakralen Baustellen

 

San Moise

Wo gibt es mitten in Venedig ein Bauwerk mit so vielen Etagen? Lassen wir uns nicht täuschen. Hinter diesem Baugerüst hausen keine Mieter. Bestenfalls die Geister der Patrizier-Familie Fini , die sich hier im 17. Jahrhundert spendabel zeigte und für eine der üppigsten Barockfassaden sorgte, die man an der Kirche San Moise im Stadtteil San Marco in Venedig bewundern kann. Nun bleibt der großzügige Stifter Vincenzo Fini mit seiner Büste über dem Hauptportal bis auf weiteres unsichtbar. Weiterlesen

Was man zu sehen bekommt und was nicht

Ein unbekannter Turner in der Biblioteca Marciana von Venedig? (Foto R.W.)

Dieses Bild von Turner hat die Welt bisher noch nicht zu sehen bekommen. Dabei ist es entstanden, um auf die Evolutionstheorie von Charles Darwin hinzuweisen, und zwar auf den entscheidenden Moment, der zur Entstehung dieser Theorie beigetragen hat – : also wohl den Tag, als das Forschungsschiff HMS Beagle mit Charles Darwin an Bord seine Reise begann – 27. Dezember 1831 in Devonport, oder doch lieber den Tag, als das Schiff nach fast fünf Jahren auf den Weltmeeren unterwegs  am 2. Oktober 1836 endlich den Hafen Falmouth erreichte?

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Orakelt wie gerakelt

Tiziano Vecellio: l´ Annunciazione  (Fotos R.W.)

Gerhard Richter: Verkündigung nach Tizian

 

Gerhard Richter, inzwischen weltbekannter Maler in der Kunstwelt zu Beginn des dritten Jahrtausends nach Christus, hatte im zurückliegenden Jahrhundert, genauer 1973 eine Begegnung mit dem seinerzeit ebenso berühmten Renaissance-Maler Tizianao Vecellio. Nicht persönlich und nicht direkt, sondern vermittels eines Bildes, das wohl 1522 entstanden war und nun in der Scuola Grande di San Rocco in Venedig aufbewahrt wird. Auf diesem Bild ist dargestellt, wie der Erzengel Gabriel der Jungfrau Maria verkündet, dass sie in wenigen Monaten Gottes Sohn zur Welt bringen werde. Dieses Motiv der Verkündigung war in der christlichen Malerei sehr beliebt, und es gibt wohl kaum einen unter den gefragten Malern jener Zeit, der nicht wenigstens ein Bild zu diesem Thema zurückgelassen hat. Das Bild in der Scuola di San Rocco fand Richter so eindrucksvoll, dass er es am liebsten mitgenommen hätte. Da das aber ausgeschlossen war, beschloss der Maler, die Verkündigung Tizians nachzumalen. So entstanden mehrere Bilder, die in Richters Werkverzeichnis als Verkündigung nach Tizian bezeichnet werden. Weiterlesen

Venedig mit Wirkungen und Nebenwirkungen

Eine hörbare Glasskulptur von Martin Daske (Foto R.W.)

Zwei Stipendiaten des Deutschen Studienzentrums in Venedig (DSZV) traten in diesen Tagen gemeinsam während einer Ausstellung am Campo S. Stefano in Erscheinung. Ort des Geschehens: der Spazio Arte Contemporanea (SPARC). Der eine weckte unsere Neugier, wie wohl eine filigrane Glasskulptur zu Musik wird, der andere ließ uns im Ungewissen, ob man in ihm einen Wiedergänger des Herrn Aschenbach sehen sollte, der hier in Venedig schon Anfang des letzten Jahrhunderts seinen Auftritt hatte und ihn nicht überlebte, wie Thomas-Mann-Leser sich erinnern werden. Doch der Reihe nach.

Albrecht Pischel (r.) und sein Alter Ego in Venedig (Foto R.W.)

Albrecht Pischel lebt und arbeitet in Berlin und ist der eine Stipendiat. Man beachte den Anfangsbuchstaben seines Vornamens, aus dem man so etwas wie eine Beziehung mit Aschenbach herauslesen darf, allerdings nicht so sehr mit dem, der uns aus Thomas Manns Novelle bekannt ist, sondern mit dem aus Luchino Viscontis Film, in dem Aschenbach nicht mehr als Schriftsteller auftritt, sondern als Komponist. Das passt besser zu Albrecht P. Schließlich ist er nach Venedig gekommen, um sein Projekt Death in Venice 2 zu realisieren. Und wie das Leben so spielt, könnten die Koinzidenzen günstiger nicht sein. Schuld haben die Filmfestspiele auf Lido, wo man aus Anlass der 75. Festspiele das Archivmaterial aus 75 Jahren Filmgeschichte dem geneigten Publikum zugänglich machen wollte. Da ist kein Ort passender als der Schauplatz von Death in Venice: das einstige Luxushotel Des Bains, dem man ansieht, dass es schon bessere Tage erlebt hat. Albrecht P. bekommt Gelegenheit, sich in diesem einst so prachtvollen Bauwerk umzusehen und zu filmen, während andere eifrig damit beschäftigt sind, Bildlmaterial zu sichten und die Säle im Erdgeschoss für die Ausstellung herzurichten. Kommt das nun als Dauerbaustelle dem Verfall entgegensiechende Bauwerk als Kulisse für eine neue Version von Death in Venice in Frage? Albrecht P. scheint unschlüssig zu sein. Vielleicht eignet sich sein Videomaterial, das er in dem herunergekommenen Gemäuer aufgenommen hat, für ein Computerspiel, in dem ein Aschenbach 3 herumirren könnte. Sein Alter Ego A (wie Albrecht) findet wohl Gefallen an dieser Idee, spielt aber auch andere Möglichkeiten durch, um Tote wieder auferstehen zu lassen. Irgendwann wird schon die Zeit gekommen sein, dass es mit dem Alphabet weitergeht. Wer A sagt, muss auch B sagen. Irgendwann bald.

Martin Daske mit Petra Schaefer vom DSZV (Foto R.W.)

Nun also der zweite Gast im Hause DSVZ: Martin Daske. Auch er lebt in Berlin, ist freischaffender Komponist, Autor, Regisseur und Produzent und hat vor einigen Jahren damit begonnen, eine Reihe von Kompositionen als sogenannte „Folianten“ zu gestalten. Dabei handelt es sich um dreidimensionale Notationen, die mit Papier nichts mehr zu tun haben. Als Notationen versteht man bei Musikern so etwas wie die Verschriftung von Musik; bei den Folianten allerdings gibt es keine Notenschrift im herkömmlichen Sinne, sondern unterschiedliche Formen der Materialisierung in drei Dimensionen. Es liegt nahe, dass sich Daske während seines Aufenthalts als Artist in Residence beim Studienzentrum von der Glasbläserkunst anregen ließ. Dabei sind zwei neue Partituren für seine Serie von Folianten entstanden: Foliant 35 für Kontrabass und Foliant 36 für Gesangstimme. Musikalische Analphabeten, die vielleicht was von Halb- und Viertelnoten gehört haben, dürfen diese Partituren gerne als filigranene Kompositionen aus Muranoglas und Zufallsfunden wahrnehmen, die man bei Spaziergängen am Strand von Lido sammelt, während der „lesekundige“ Musiker darin auch die Anweisungen findet, welche Töne er seiner Stimme oder seinem Instrument zu entlocken hat. Er spielt oder singt dann nicht vom Blatt, aber nach den Noten, die sich aus der Anordnung und Positionierung der Elemente in der filigranen Skulptur erschließen lassen. Da diese Art des Notenlesens wohl noch nicht an allen Musikschulen zum Standard-Repertoire gehört, bleibt die Umsetzung in ein Hörerlebnis den Musikern vorbehalten, die – wie Daske erklärt – sich auf dieses Zusammenspiel mit dem Komponisten einlassen. Die Folianten, die wir während der Ausstellung am Campo S. Stefano zu sehen bekamen, sind also beides, Skulpturen der Glasbläserkunst, die man jederzeit betrachten und bewundern kann, und Noten zu einem Musikstück, das ein Interpret zum Klingen bringt, sofern er sich auf diese Form der Notation versteht. Die beiden venezianischen Folianten sind ein Gemeinschaftswerk des Komponisten Martin Daske und des Glaskünstlers Leonardo Cimolin. Von dem dritten Mitwirkenden, der das Ganze zum Klingen bringt, kennen wir den Namen nicht. Noch nicht. Aber es handelt sich wohl um bestellte Kompositionen.

Der Komponist und der Glaskünstler: Martin Daske (l.) und Leonardo Cimolin (Foto R.W.)

Temporäre Kapellen des Heiligen Stuhls auf S. Giorgio

Eine von zehn Kapellen im Hain von S. Giorgio: Ricardo Flores & Eva Prats, Barcelona (Foto R.W.)

Pantalone und Anatoll Frustwächer haben sich in dem Hain auf der Insel S. Giorgio umgesehen, der normalerweise für das Publikum geschlossen ist, nun aber als Ausstellungsort im Rahmen der Architektur-Biennale für die Besucher der temporären Kapellen des Heiligen Stuhls geöffnet ist.

Hast du gemerkt? Wir sind gezählt worden. Der Heilige Stuhl will es wohl genau wissen, wie seine Beteiligung an der Architektur-Biennale beim Publikum ankommt.

Du meinst wohl die junge Frau, die am Eingang zum Hain jeden Besucher registrierte. Da sei mal nicht so sicher, dass wir in dieser Zählung wirklich vorkommen.

Wie meinst du das?

Einfach so. Schließlich sind wir gar keine realen Personen, du und ich. Wir existieren doch nur als Geschöpfe unseres Schreibers.

Dann wird auch unsere Freude über die Öffnung des Hains für Besucher nicht registriert? Wie schade.

Halb so schlimm. Man kann sich ja auch als virtuell existierendes Wesen einmischen und mit der Realität befassen. Und die Besucher, die ja alle real existieren, sollten dem Heiligen Stuhl dafür dankbar sein, dass sie in einem Winkel Venedigs herumlaufen können, der sonst für sie unzugänglich wäre. Mindestens dafür und die phantastische Aussicht auf Venedig aus einer neuen Perspektive.

Was hat das eigentlich zu bedeuten: Heiliger Stuhl, Holy See, Santa Sede?

Da hat mir Wikipedia weitergeholfen. Mit diesem Begriff ist die völkerrechtliche Stellung der Katholischen Kirche gemeint, die ja nicht eine Nation vertritt, sondern alle Gläubigen in der Welt, als Weltkirche sozusagen. Der Heilige Stuhl ist im Biennale Katalog unter den teilnehmenden Nationen zu finden.

So ist wohl auch zu verstehen, dass in dem Hain nicht nur temporäre Kapellen aus Italien stehen, sondern aus den verschiedensten Weltregionen. Seht her, wir sind Weltkirche. In Katalonien wie in Japan, Kanada, Australien, Nord- und Südamerika.

Ist dir aufgefallen, dass die Architekten mit dem Kreuz sehr diskret umgegangen sind?

Ja, und es hat mir gefallen. Man kann es so deuten: Du bist als Besucher willkommen, auch wenn du nicht zu uns gehörst. Wir fuchteln nicht mit dem Kreuz herum, um das Böse zu vertreiben, und unterstellen auch nicht, dass die anderen sozusagen zwangsläufig auch die Bösen sind.

Diese Interpretation würde in Bayern wohl kaum Anklang finden.

Wie gut, dass wir nicht in Bayern sind.

Wir empfehlen allen, auch Bayern, die in den nächsten Monaten die Biennale besuchen, mit der Linie 2 die Insel S. Giorgio anzusteuern und in dem Hain zu wandeln, der neben dem verfallenden Freilichttheater zehn temporäre Kapellen unterschiedlichster Bauart beherbergt.