Archiv der Kategorie: Kunst und Kultur

Dunkle Materie? Schon eher dunkle Geschäfte

Dies ist keine Fälschung (Foto R.W.)

Wer echtes Murano-Glas sucht, findet es wo? Bei den Vetrerien auf der Insel Murano. Da hat der Interessent die Auswahl unter gut hundert Anbietern (alle auf Google gelistet), da kann er sicher sein, dass man ihm nicht irgendeine Fälschung aus Fernost andrehen wird. Und spätestens beim Bezahlen sollte ihm klar sein, worauf es bei der Unterscheidung von echtem Kunsthandwerk und der Produktion von billigen Kopien ankommt. Da er mit Karte bezahlt und nicht mit dem Pfennig rechnen muss, gibt es keine Probleme. Und es interessiert ihn auch nicht sonderlich, wo der demnächst von seinem Konto abgebuchte Betrag schließlich landen wird: auf dem POS-Terminal einer Wechselstube am Markusplatz in Venedig. Wie das? Weiterlesen

Das Atelier Venezia fördert Nachwuchskünstler

Ezio Rizzello (1917-1997): Burcer, 1953 , Öl auf Leinwand, 100 x 150 cm

In den Räumen der Stiftung Bevilacqua La Masa am Markusplatz wurde eine Ausstellung eingerichtet, in der wir 41 mehr oder weniger bekannten Künstlern begegnen. Diese Künstler haben bei aller Unterschiedlichkeit in der Wahl der Motive und der Maltechniken eines gemeinsam: Sie waren Stipendiaten der Stiftung Bevilacqua La Masa, die im Jahre 1901 ins Leben gerufen wurde mit dem Ziel, bedürftigen jungen Künstlern in Venedig Arbeits-, Entwicklungs- und Ausstellungsmöglichkeiten zu bieten. Den Stipendiaten wurden Ateliers zur Vefügung gestellt, und sie konnten damit rechnen, dass ihre Arbeiten in der Öffentlichkeit wahrgenommen wurden. Es gab inzwischen die Möglichkeit, sie während einer Biennale in Venedig zu präsentieren, die seit der Premiere im Jahr 1895 bestrebt war, ihrer Rolle als internationle Plattform der modernen Kunstströmungen gerecht zu werden, wobei die Beteiligung der venezainischen Kunstszene nicht zu kurz kommen sollte. Zudem entstand unter Federführung der Stiftung ein spezielles Museum für moderne Kunst, das mit Ankäufen und Ausstellungen die Bekanntheit und Anerkennung ihrer Stipendiaten beförderte. Weiterlesen

Countdown für die neuen Giardini Reali

Eine Baustelle hinter den Prokuratien (Foto R.W.)

Es ist über zweihundert Jahre her, da hat Napoleon in Venedig dafür gesorgt, dass hinter den neuen Prokuratien am Markusplatz einige Gebäude abgerissen wurden, um Platz zu machen für eine Gartenanlage, die als Ausblick für die kaiserlichen Gemächer in den Prokuratien dienen sollte. Gesagt, getan. Die Giardini Reali wurden eingerichtet und erfreuten sich großer Beliebtheit. Nicht nur bei den österreichischen Besatzern, die das Projekt von Napoleon geerbt hatten, sondern auch bei den Venezianern. Während der letzten Jahrzehnte des vergangenen Jahrhundert war von der einstigen Lieblichkeit der Anlage kaum noch etwas übriggeblieben.

Und heute? Eine Baustelle. Immerhin eine, die Hoffnung machen kann. Auf dem Gelände von 5500 Quadratmetern sollen die Königlichen Gärten wieder erstehen. So wie damals, aber nicht mehr für die Royals, sondern für die Bürger Venedigs. Federführend bei der Realisierung ist eine gemeinnützige Organisation namens Venice Gardens Foundation. Als Geldgeber wurde die Versicherung Generali gewonnen, die 2,5 Millionen für die Finanzierung zugesagt hat. Einzelheiten des Projekts sind mit den zuständigen Behörden in Venedig und Rom bereits vor einem Jahr abgestimmt worden. Damals war man wohl davon überzeugt, dass man die Gartenanlage mit Kaffeehaus, Volieren, Botanischem Garten und lauschigen Winkeln zum Ausruhen im Laufe des Jahres 2018 würde präsentieren können. Angesichts des Bildes, das die Baustelle im März 2018 bietet, kommen dem Betrachter gelinde Zweifel. Warten wir es ab. In Venedig muss man immer wieder auf Überraschungen gefasst sein.

Aufhören? Kommt für Gunter Demnig nicht in Frage!

Gunter Demnig im Auditorium Santa Margherita (Foto R.W.)

Gunter Demnig im Auditorium Santa Margherita  vor Studenten der Universität Ca Foscari in Venedig(Fotos R.W.)

Gunter Demnig ist ein außergewöhnlicher Künstler. Seine Kunst besteht darin, an Menschen zu erinnern, die während des Naziregimes in Vernichtungslagern umgekommen sind. Er hat dafür sogenannte Stolpersteine erfunden, auf denen die Namen und die Geburts- und Sterbedaten der Nazi-Opfer zu lesen sind. Diese pflastersteingroßen Gedenktafeln mauert er ein, wo die Menschen gelebt haben – in der Straße, vor dem Haus, wo ihnen die Freiheit und das Leben genommen wurde. An diesem Montag (22.1.18), der in der ganzen Welt als Holocaust-Gedenktag begangen wird, ist Gunter Demnig in Venedig. Das fünfte Mal schon; immer unter Mitwirkung des Deutschen Studienzentrums in Venedig.  Im Auditorium Santa Margherita der Universität Ca` Foscari erwarten ihn überwiegend junge Menschen, die selbst keine eigene Erinnerungen an die Verfolgung und Vernichtung von Juden, Sinti und Roma oder geistig behinderten Menschen haben. Sie sind gekommen, weil er heute für Olga Blumenthal einen Stolperstein ins Pflaster einmauern wird. Olga Blumenthal war bis zum 30. Oktober Dozentin an der Universität Ca Foscari. Auf ihrem Stein ist zu lesen: Weiterlesen

2017/18: Rückblicke und Ausblicke

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Mit diesem Floß werden die Elemente des Flutwehrsystems an den Ort ihres Wirkens gebracht und und auch wieder abgeholt, wenn Inspektionen und/oder Reparaturen nötig sind (Foto R.W.)

Ein Ende der Wartezeit?

Was hat man nicht alles über das Flutwehrsystem Mose spekuliert und geschrieben, das den Venezianern ermöglichen soll, auch bei Hochwasser trockenen Fußes durch die Gassen ihrer Stadt und über den Markusplatz zu kommen. Nun ist – nach langer Zeit zum ersten Mal? – so etwas wie ein Eröffnungsdatum im Gespräch.

Der Beginn einer ausgedehnten Testphase ist nun für den Januar 2019 geplant. Bis dahin sind noch an die vierzig mehr oder weniger umfangreiche Arbeiten zu erledigen. Für den dann anlaufenden regulären Betrieb werden jährliche Kosten von 80 Millionen € veranschlagt. Wer diese Kosten trägt – die Stadt oder der Staat – , ist wohl noch nicht geklärt.

Ebenso wenig scheint geklärt zu sein, bei welchem Pegelstand das Flutwehrsystem aktiviert werden soll. Man weiß nur, dass bei einem Pegelstand von 110 cm der Markusplatz überflutet ist. Was man verhindern will. Nun ist wohl auch die Möglichkeit im Gespräch, statt der drei Barrieren, die die Flut aus dem Mittelmeer aufhalten sollen, nur die im Norden der Lagune zu betätigen, wo der Kanal für die Kreuzfahrtschiffe ausgebaggert ist, die dann leider draußen bleiben müssten. Wenigstens vorübergehend. Sonst noch Fragen?

Wegen Überfüllung geschlossen

Wenn wir schon bei den Überflutungsproblemen sind, die den Markusplatz betreffen, sollten wir nicht nur an Hochwasser denken, sondern auch an Menschenmengen. Von dem Projekt Mose haben wir gelernt, dass es auf dem Markusplatz bisher keine Wirkung gezeigt hat. Inzwischen verlagert sich die Aufmerksamkeit in Venedig auf die Menschenmassen, die seit Jahren die Gassen und Plätze überfluten. Auch hier sieht es so aus, dass der Markusplatz am stärksten betroffen ist. So ist es nur verständlich, ja zwingend, dass man nach einer wirksamen Abhilfe sucht. Die will der amtierenden Bürgermeister nun gefunden haben.

Und das geht so: Im Laufe des Jahres soll mit Hilfe von Telekameras auf dem Markusplatz und Ampeln an den diversen Zugängen eine „Überflutung“ verhindert werden, indem man den Zufluss „steuert“. Signalisieren die Telekameras, dass eine Überfüllung des Markusplatzes sich abzeichnet, schalten die Ampeln auf Rot. So weit so gut, aber das Rot soll wohl nicht für alle gelten. Wer nicht in Venedig wohnt oder nicht als Gast der Stadt registriert ist, dem wird der Zugang zum Markusplatz verwehrt, und zwar aus „Sicherheitsgründen“. Wie diese Selektion funktionieren soll, bei der Bewohner und Gäste Venedigs bevorzugt werden, ist wohl noch nicht klar. Vielleicht regt das ja sogenannte DOC-Venezianer an, nur im Outfit aus Goldoni-Zeiten auszugehen. Das wäre doch wirklich eine Attraktion. Nur schade, dass die Passanten, denen der Zugang zum Markusplatz verwehrt würde, von diesem Schauspiel in der guten Stube Venedigs nichts hätten….

Die Sprache der Zahlen

Die 57. Kunstbiennale in Venedig ist Geschichte, die 58. schon in Arbeit. Über 615 000 Tickets wurden während der sechsmonatigen Veranstaltung an Besucher verkauft, 23 Prozent mehr als zwei Jahre davor. An dieser Zahl wird sich der Kurator messen lassen müssen, der bereits für die Veranstaltung im Jahr 2019 benannt ist. Ralph Ragoff, Direktor der Hayward Gallery in London. Den Kennern des Kunstmarktes sicher ein Begriff. Auch der Termin ist kein Geheimnis. Eröffnung am 11. Mai, Schließung am 24. November. Nur wer hat heute schon einen Kalender für das Jahr 2019?

Nicht weniger zufrieden zeigen sich die Veranstalter, die im Palazzo Grassi und in den Ausstellungsräumen der Dogana 360 000 Besucher in Staunen versetzten durften. So unglaublich und spektakulär waren die Schätze aus dem gesunkenen Schiff namens Unbelievable, die der britische Künstler Damien Hirst in den Tiefen eines Meeres entdeckt haben will, das wohl in keiner Seekarte zu finden ist. „The Treasures from the Wreck of the Unbelievable“ warten nun auf Liebhaber und Sammler, die angesichts von gigantischer Größe und Fülle keine Zeichen von Furcht, ja nicht einmal Ehrfurcht zeigen müssen.

Wohl nicht des Pudels Kern

Mit Jahreszahlen ist das so eine Sache. Je weiter man sich in die Vergangenheit begibt, desto weniger ist ihnen zu trauen. So auch bei dem Jahr 421. In diesem Jahr soll dort, wo heute die Rialtobrücke den Canal Grande überwölbt, die Kirche San Giacometo erbaut worden sein. Historiker haben das wohl immer angezweifelt und bieten stattdessen das Jahr 828 als Gründungsdatum für eine Ansiedlung an, die wir heute als Venedig bezeichnen. Auch hier bezieht man sich auf die Errichtung einer Kirche an dem Ort, wo heute der Markusdom steht.

Nun aber hat man bei Renovierungsarbeiten in ebendiesem Dom in gut vier Metern Tiefe eine Entdeckung gemacht, die auch an dieser Jahreszahl Zweifel aufkommen lässt. Bei der Entdeckung unter den Mosaiksteinen handelt es sich um zwei Pfirsichkerne, die da vor gut 1300 Jahren als Speiserest eines Bauarbeiters (?) zurückgelassen wurden. Mit Hilfe der Radiokarbonmessung hat man das Alter dieses Fundes ermittelt und ist zu dem Schluss gekommen, dass die beiden Früchte irgendwann zwischen 650 und 770 verzehrt worden sind, deren Reste nun die Archäologen beschäftigen. Wenn man sich auf diese Geschichte einlässt, kann man sich das Gründungsjahr Venedigs unter mehr als hundert Angeboten aussuchen. Ist das des Pudels Kern?

Wer hat Angst vor Schrott-Skulpturen?

Vom Schrottplatz? Nein, aus Venedig! (Foto R.W.)

Vom Schrottplatz? Nein, aus Venedig! (Foto R.W.)

Die fünfte Jahreszeit hat in diesem Monat begonnen. Das gilt zumindest für Deutschland, während man in Venedig oft den Eindruck hat, dass hier der Karneval niemals aufhört. Doch auch in Venedig macht man sich offensichtlich Gedanken über eine angemessene und gleichzeitig auffallende Kostümierung, wenn die Saison ihrem Höhepunkt zusteuert. Professionelle Karnevalisten tragen dann Masken. So ist das hier der Brauch. Da ist es nicht verwunderlich, dass auch in diesen Markt Bewegung gekommen ist. Die traditionellen Masken haben Konkurrenz bekommen. Weiterlesen

Biodiversität im Kunstbiotop will gepflegt sein

Das Museum Ca´Rezzonico am Canal Grande (Foto R.W.)

Das Museum Ca´Rezzonico am Canal Grande (Foto R.W.)

Venedig ist ein Kunstbiotop, das in der Welt unvergleichlich ist. Man kann wohl ohne Übertreibung sagen: Hier sind auf relativ engem Raum so viele Einrichtungen, so ausgedehnte Ausstellungsflächen und so vielfältige Möglichkeiten, Kunst zu erleben, wie sonst nirgendwo auf diesem Globus. Das alles passierte nicht aus Versehen. Schon in historischen Zeiten zog es die Künstler Europas nach Venedig, wenn sie dort nicht schon lebten. Die Früchte dieser Zeit sind heute in den Museen Venedigs – und nicht nur da – zu bewundern. Zum Beispiel im Museum Ca´ Rezzonico am Canal Grande. Weiterlesen

Ach, wie schön wär´die Welt ohne Grenzen

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Anatoll Frustwächter und Pantalone machen sich Gedanken, ob es wirklich eine Anmaßung der Kunst ist, wenn sie sich mit den von Staaten eingerichteten Regelungen und Beschränkungen des Grenzverkehrs befaßt.

AF: Während der ersten Monate der Biennale gab es auf der Via Garibaldi ein Häuschen, das wir als Beitrag Tunesiens verstehen sollen. Dort konnte man sich ein Dokument ausstellen lassen. Überstaatlich und von grenzenloser Gültigkeit. Eine Art Sesam öffne dich für alle Staaten dieser Welt. Weiterlesen

Anatoll Frustwächter auf Pistolettos Spuren

IMG_8563Pistoletto gibt auch mit über 80 Jahren keine Ruhe.

Wie? Hat er schon wieder Spiegel zerschlagen?

Diesmal hat er ein Buch geschrieben. Eine Art Manifest, in dem er bei der Entwicklung der Menschheit den Primat der Kunst vor Religion und Wissenschaft beansprucht.

Ein Weltveränderer also, der die bisherigen Machtverhältnisse auf den Kopf stellen will. Weiterlesen

Wer hätte das gedacht: Ein ganz neues Narrativ für Finnland!

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Das ist Geb, einer der Schöpfer Finnlands (Foto R.W.)

Pantalone und Anatoll Frustwächter haben ihren Rundgang auf der Kunstbiennale fortgesetzt und sind fast eine Stunde im Finnischen Pavillon geblieben. Hier ist zu lesen, was sie sich anschließend erzählten.
Die Geschichte Finnlands erscheint während der diesjährigen Kunstbiennale in einem ganz anderen Licht.

Wie darf man das verstehen?

Historisch oder besser noch prähistorisch.

Das versteht man ja noch weniger. Weiterlesen