Archiv der Kategorie: Leben in Venedig

OVOVIA? Ei, weg damit!

Calatravas Brücke zwischen Bahnhof und Piazzale Roma  ohne Raumkapsel (Foto R.W.)

Venedig war in früheren Zeiten nur mit schwimmenden Fahrzeugen zu erreichen. Das ist lange her. Heute kommen die Leute entweder mit der Bahn oder mit Pkw und Bus und sind dann schon an der belebtesten Verkehrsstraße Venedigs, am Canal Grande angekommen. Bahnreisende auf einer Seite des Kanals, Autoreisende auf der anderen. Da war es doch eine gute Idee, den Ankömmlingen eine Brücke zu bauen, damit sie nach Belieben auf beiden Seiten des Kanals zwischen Bahnhof und Piazzale Roma unterwegs sein konnten. Weiterlesen

In Venedig ist doch immer was los

Werden wir diesen Anblick in Zukunft vermissen? Wohl kaum (Foto R.W.)

Nur noch wenige Tage, dann schreiben wir das Jahr 2020, zumindest in unserer Zeitrechnung. Und wenn es bei dieser Zeitrechnung bleibt, erleben wir einige Monate später so etwas wie das Wunder von Venedig: Die Kreuzfahrtschiffe werden im April nächsten Jahres nicht mehr durch den Giudecca-Kanal kommen. So darf man die amtierende Ministerin für Transport und Infrastruktur von der amtierenden Regierung in Rom verstehen. Signora De Micheli, wir werden Sie beim Wort nehmen, es sei denn, die amtierende Regierung löst sich vor diesem Datum auf. Damit ist fast eher zu rechnen als mit der Einlösung des Versprechens. Soweit die Nachricht, die man je nach Einstellung als gut oder als weniger gut verstehen wird. Wer seine Hoffnung noch nicht ganz verloren hat, darf sich über ein Zeitfenster von vier Monaten freuen.

Anders sieht es in der Umgebung der Prokuratien aus, wo die Arbeiten in den Giardini Reali nach fünfjähriger Dauer zu einem Ende gekommen sind. Eine mehr als 5000 Quadratmeter große Gartenanlage ist endlich wieder für die Öffentlichkeit zugänglich. Da kann man sich nun fühlen wie einst die Monarchen aus Wien. Die Anlage verdankt ihre Entstehung dem österreichischen Kaiser Franz Josef. Heute sind es normal Sterbliche wie du und ich, die sich hier aufhalten und die gelungene Wiederherstellung der historischen Anlage bewundern können.

Und wenn wir schon bei den guten Nachrichten sind: Von den 22 Anlegestellen für die Wasserbusse, die bei dem Extrem-Hochwasser im November zu Schaden kamen, sollen 20 zum Jahresende wieder so hergerichtet sein, dass die Fahrgäste dort wie gewohnt ein- und aussteigen können. Nur bei der Haltestelle direkt vor dem Dogenpalast wird es noch etwas dauern. Bis dahin müssen die Fahrgäste in Richtung Arsenale die Behelfseinrichtung benutzen.

Einige Monate weiter zurück liegt das Ereignis, bei dem eine Kaimauer am Giudecca-Kanal und ein dort liegender Flusskreuzer zu Schaden kamen. Das Kreuzfahrtschiff MSC OPERA spielte bei der Ausfahrt aus dem Hafenbecken verrückt und rammte Kaimauer und Flusskreuzer. Das Ereignis vom 2. Juni 2019 geht nun in die Annalen als Havarie ein und kostet die Reederei eine Menge Geld. Die Hafenbehörde hat für den angerichteten Schaden eine Rechnung über 2,3 Millionen Euro präsentiert, für die Wiederherstellung des Flusskreuzers will der Betreiber 3 Millionen Euro. Fehlt nur noch, dass nun auch alle Kreuzfahrtschiffe, die nach diesem 2. Juni mit drei Lotsenbooten durch den Giudecca-Kanal geleitet werden müssen, auf die Idee kommen, von den Betreibern der MSC Opera die Erstattung der Mehrkosten (für das dritte Lotsenboot) zu verlangen.

Wie retten wir die Lagune als Ökosystem?

550 Quadratkilometer groß und an drei Stellen zur Adria offen ist die Lagune von Venedig

Venedigs Hochwasser ist das Ergebnis einer neoliberalen Politik, die die venezianische Lagune durch Ausgraben der Kanäle für Erdöltanker und Kreuzfahrtschiffe sowie durch eine sieben Milliarden teure Hochwasserschleuse zerstört hat. Eine Schleuse, die nie funktionieren wird.“ So hat Petra Reski, die schon seit dreißig Jahren in Venedig lebt, wie sie betont, Leser in Deutschland beschieden, die sich über das Extrem-Hochwasser informieren wollten, mit dem die Venezianer im November 2019 irgendwie fertig werden mussten.

Doch für Pantalone und Anatoll Frustwächter als Betroffene und Beobachter des Geschehens ist damit das Thema Acqua Alta noch lange nicht erledigt.

Anatoll Frustwächter: Da sind doch wirklich die Sirenen vom Heulen des Sturms übertönt worden, die uns Anfang November auf das Extrem-Hochwasser einstimmen sollten. Und das ohne den beschwichtigenden Zusatz, auf den wir seit Jahren vergeblich warten: „ Ihr könnt beruhigt sein. Wir haben Mose schon aktiviert“.

Pantalone: Glaubt in Venedig überhaupt noch jemand daran, dass das Flutwehrsystem mit dem vielsagenden Akronym Mose jemals so weit sein wird, dass Venedig vom Hochwasser verschont bleibt?

AF: Es muss welche geben. Sonst hätte man sich kaum auf den Test an der Einfahrt von Malamocco eingelassen.

P: Wo sich sonst die Containerschiffe auf ihrem Weg zum Hafen durchmogeln. Die Zufahrt hat dort eine Breite von 380 Metern und ist 14 Meter tief. Das entspricht einem Haus mit vier bis fünf Stockwerken.

AF:Nicht alle werden sich von dem Testergebnis beeindrucken lassen.

P: Dazu gehört wohl auch Petra Reski, die sich in der Rolle der Kassandra gefällt und die Leser in Deutschland wissen ließ, wer an dem Desaster schuld ist. Nämlich nur die Menschen mit ihrer neoliberalen Gier und nicht der Klimawandel.

AF. Vielleicht regt sich ja bei einigen so etwas wie ein schlechtes Gewissen, wenn sie die Bilder vom überschwemmten Markusplatz zu sehen bekommen.

P: Hätte man mit einer anderen Politik das Hochwasser verhindern können? Darauf läuft es schließlich hinaus, wenn man als Schuldige die Politiker ausgemacht hat und an den Pranger stellt.

AF: Im Grunde gibt es kaum einen Unterschied, ob man Klimawandel sagt oder politisches Versagen. Schließlich haben wir einsehen müssen, dass der Klimawandel erst in Schwung kam, als die Menschen begannen, im Industriezeitalter die im Erdinneren schlummernde Energie zu verheizen. So lässt sich die Schuld auf mehrere Generationen verteilen, wahrscheinlich auch auf die kommenden.

P: Und den gewünschten Abschwung zur Beruhigung der Verhältnisse auf unserer Lagune wird die Fertigstellung des Flutwehrsystems allein kaum bringen. Oder?

AF: Deswegen bin ich unserer Kassandra sehr dankbar, dass sie in diesem Zusammenhang von Schleusen gesprochen hat, die es gar nicht gibt, aber schon längst hätte geben können.

P: Wie soll ich das verstehen?

AF: Sieh mal, mit einem Deich von etwa 70 Kilometern Länge und drei Schleusen ließe sich die Lagune zur Adria hin gegen Hochwasser abschirmen. Wir könnten damit die Lagune als Biotop und Venedig als Kulturerbe vor dem Untergang retten. Ein Deich von Jesolo bis Chioggia und drei Schleusen an den Stellen, wo zur Zeit der Schiffsverkehr zwischen Lagune und Adria stattfindet – das dürfte deutlich weniger aufwendig und weniger kostspielig sein als alles, was man bisher angestellt hat, um die Venezianer vor Acqua Alta zu schützen und die Bewahrung der Lagune als fragiles Ökosystem zu sichern.

P: Und wie ist es mit den großen Dampfern? Für die gibt es wohl kaum Schleusen, die groß genug wären.

AF: Die müssten natürlich draußen bleiben.

P: Damit ist deine Idee von der Um-Deichung der Lagune wohl gestorben. Da würdest du weder in Rom noch in Venedig Befürworter finden.

AF: Abwarten.Vielleicht hat ja das Extrem-Hochwasser im November in den Köpfen der Politiker ein Umdenken bewirkt. Vielleicht nimmt man die hehre Vorstellung von Venedig als Weltkultur- Erbe einmal ernst und macht Ernst mit einem ganzheitlichen Ansatz, auch wenn man wirtschaftliche Interessen in den Hintergrund…

P: Halt, halt. Da kann ich nur mit Petra Reski sagen „Du willst wieder Schleusen, die nie funktionieren können, weil sie nie gebaut werden.“

AF: Du meinst, man klammert sich lieber an den Glauben, dass Mose irgendwann doch noch funktioniert, auch wenn dieser Glaube schon arg zwischen Bangen und Hoffen zerrieben wird, zumal die Finanzierung der Endphase und der jährlichen Betriebskosten noch nicht hinreichend geklärt ist?

P: Was man hat, das hat man. So oder so ähnlich wird es laufen.

AF: Vielleicht naht die Rettung aus Brüssel. Die gerade in ihrem Amt bestätigte Kommissionspräsidentin der Europäischen Union hat in ihrem Katalog für die nächsten Jahre ausdrücklich auch das Hochwasser in Venedig erwähnt. Daraus lässt sich bestimmt was machen.Es kommt also nur noch darauf an, dass sich in Rom und Venedig die richtigen Leute zusammensetzen, die das Gesetz zur Rettung der Lagune aus dem Jahr 1973 endlich ernst und beim Wort nehmen. Da ist nämlich mehr drin als nur Mose, Mose, Mose. Da kann man sich richtig abarbeiten mit Projekten, die dem fragilen Ökosystem Lagune eher gerecht werden und sich nicht auf die Flutwehr für Sonderfälle beschränken.

P: Wenn es nicht wieder so lange dauert wie jetzt mit Mose, soll es mir recht sein.

AF: Bis dahin sind wir wenigstens dankbar, dass man in der EU auf unsere Probleme aufmerksam geworden ist, deren Komplexität wegen der Diskussion um Mose gar nicht mehr wahrgenommen wurde.

P: Es ist ja nie zu spät.

AF: Das wollen wir mal hoffen.

 

Vom Gondeln und vom Dieseln

Vorn wird gegondelt, dahinter gedieselt (Fotos R.W.)

Wer in Venedig unterwegs ist, hat die Wahl zwischen dieseln und gondeln. Beide sind als Verben der Bewegung zu verstehen, zu denen auch gehen, laufen, innehalten und manches andere gehört, mit dem man das Verhalten von Besuchern beschreibt, die in der Stadt mit ihren vielen Kanälen herumkommen. Dabei gibt es zwischen den mit Menschenkraft bewegten Gondeln und den mit Dieselmotoren angetriebenen Vaporetti signifikante Unterschiede. Am augenfälligsten ist der Einsatz von Energie. In der Gondel schafft es ein Mensch, aus eigener Kraft ein Boot von mehr als zehn Metern Länge mit sieben Personen einschließlich Gondoliere durch Venedigs Kanäle zu steuern. Und das mit einem Gesamtgewicht von knapp einer Tonne, wenn alle Sitzplätze in der Gondel belegt sind. Im Vaporetto braucht es einen Dieselmotor, der in Bezug auf Lärm- und Luftbelastung nicht den besten Ruf hat, dafür aber bis zu 200 Fahrgäste von Haltestelle zu Haltestelle befördert. Weiterlesen

Zur Nachahmung empfohlen

Einige Gemüsehändler machen es vor (Foto R.W.)

So sieht es aus, wenn man von einem Einkauf auf dem Gemüsemarkt an der Rialtobrücke heimkommt. Von Plastik keine Spur. Ein ganz anderes Bild ergibt sich, wenn man in Castello auf der Via Garibaldi mit dem Einkaufszettel unterwegs ist. Die Gemüsestände scheinen von Papiertüten wohl noch nichts gehört zu haben. Dafür sind stapelweise Plastiktüten in greifbarer Nähe. In den Supermärkten wird damit sogar ein Geschäft gemacht. Dort wir für jeden Artikel, den man aus der Gemüseabteilung an die Kasse bringt, eine Plastiktüte in Rechnung gestellt, auch wenn man sie gar nicht gebraucht hat. Bei Ananas zum Beispiel.

 

 

 

Il popolo di Greta sbarca al Lido *)

Klima-Aktivisten auf Lido (Foto R.W.)

Während auf Lido Filmstars und Fotografen sich ein Stelldichein gaben und gespannt darauf warteten, wer diesmal die Goldenen Löwen der Filmfestspiele von Venedig nach Hause tragen durfte, hatten sich einige hundert Meter weiter südlich junge Menschen aus verschiedenen Ländern Europas in einem sogenannten Venice Climate Camp versammelt, um die Mitmenschen daran zu erinnern, dass sie der Erderhitzung nicht tatenlos zusehen wollen. Die Filmschaffenden logierten in Luxushotels, die Klimaaktivisten in provisorischen Zelten, aber beide Gruppen hatten an diesem Wochenende das gleiche Ziel: den roten Teppich vor dem Palazzo del Cinema.

Kein Wunder, dass die Ordnungsbehörden nervös reagierten und mit einen großen Polizeiaufgebot präsent waren. Doch es blieb alles friedlich und geordnet. Die Aktivisten mit unterschiedlichen Schwerpunkten, angefangen bei der Organisation No Grandi Navi bis hin zur Gruppe Ende Gelände aus Deutschland oder Extinction Rebellion, No TAV, Reclaim the Power, versammelten sich mit ihren Fahnen und Transparenten auf der Lagunenseite von Lido und trafen sich mit den Aktivisten, die schon einige Tage vorher aus verschiedenen Ländern angereist waren, und siehe da, es gab keine Zwischenfälle, sondern Zustimmung auf Seiten von Schauspielern und Filmschaffenden, die den roten Teppich gern mit ihnen teilen wollten. So symbiotisch kann es zugehen auf den Filmfestspielen, die als die ältesten der Filmbranche gelten.

*) So titelte der Corriere della Sera in der Lokalausgabe vom 7. September und nannte die Zahl von dreitausend Aktivisten

Mare Nostrum? Male Nostrum! Ein Buchstabe macht den Unterschied

Das übliche Gedränge im Passagierhafen Venedigs (Foto R.W.)

Wer die Nachrichten der vergangenen Jahre zum Thema Migration verfolgt hat, wird sich noch erinnern, dass es da auch um Mare Nostrum ging. Mit diesem Begriff wurde eine Operation der italienischen Marine und der Küstenwache von Sizilien bezeichnet, die ein Jahr lang (von Oktober 2013 bis Oktober 2014) in Seenot geratenen Migranten und Flüchtlingen das Leben rettete. Insgesamt waren es rund 150 000 Menschen, die so nach Italien kamen. Sicherlich ein Albtraum für den scheidenden Innenminister Italiens, der sich während seiner kurzen Amtszeit nach Kräften darum bemüht hat, Operationen wie Mare Nostrum zu verhindern. Weiterlesen

Ein Pfingstwunder? Eher nicht

Der lange Marsch  zum Markusplatz (Foto R.W.)

Das Pfingstwochenende war für die Ordnungskräfte Venedigs eine besondere Herausforderung. Am Samstag versammelten sich einige tausende Menschen , um wieder einmal gegen die Kreuzfahrtschiffe zu demonstrieren. Der besondere Anlass: Eine Woche vorher hatte eines dieser Schiffe die Kaimauer von San Basilio am Giudecca-Kanal gerammt und dabei auch ein dort liegendes Passagierschiff beschädigt. Zur gleichen Zeit wimmelte es in der Stadt von Besuchern aus allen Teilen der Welt, die hergekommen waren, um in kleinen Booten mit Muskelkraft die Umrundung der Inseln Venedigs zu zelebrieren, wie es seit mehr als 40 Jahren im Rahmen der Veranstaltung „Vogalonga“ üblich ist. Also das genaue Gegenteil von dem, was die Kreuzfahrtschiffe nach Venedig führte.

Am Samstagnachmittag konnte man miterleben, wie sich diese beiden Gruppen sehr friedlich mischten. Wer an der Vogalonga teilnehmen wollte, traf sich mit anderen Gleichgesinnten in den verschiedensten Winkeln Venedigs. Für die Aktivisten der Protestbewegung „No Grandi Navi“ ging es darum, in möglichst großer Zahl den Markusplatz zu erreichen, um endlich an diesem symbolträchtigen Ort zum wiederholten Mal die Verbannung der Kreuzfahrtschiffe zu fordern, zumal das Ereignis vom Wochenende davor dieser Forderung noch mehr Nachdruck verlieh.

Eine Woche nach dem Unfall mit der OPERA (so der Name des Schiffes, dem in Zukunft möglicherweise nachgesagt werden kann, es habe die Wende im Umgang mit den Kreuzfahrtschiffen eingeleitet) war die Stimmung besonders aufgeladen. Unter anderem auch deshalb, weil die Behörde Venedigs unter Berufung auf eine alte Regelung eine Kundgebung auf dem Markusplatz untersagt hatte. Davon ließen sich die Organisatoren der Protestbewegung nicht beeindrucken. Am Samstag versammelte sich eine Menschenmasse an dem Ort, wo einige Tage zuvor das Unglück mit der OPERA geschehen war, und verwandelte die Uferpromenade in ein Fahnenmeer. Auf allen Fahnen stand, was den Politikern in Rom und Venedig schon seit Jahren Kopfzerbrechen bereitet: No Grandi Navi.

Die Masse setzte sich am späten Nachmittag in Bewegung und gelangte gegen 18 Uhr in die Nähe des Markusplatzes. Alles ohne besondere Zwischenfälle. Am Ende schafften es rund tausend von den etwa zehntausend Menschen des Protestmarsches doch bis auf den Markusplatz. Die Ordnungskräfte hatten wohl Anweisung, jede Form von Gewalt zu vermeiden.

Damit waren bei dieser Demonstration zwei Ziele erreicht, die unterschiedlicher nicht sein können. Die Behörde schrieb sich zugute, dass alles glimpflich verlaufen war. „Wir haben uns nicht provozieren lassen, den Gummiknüppel zu schwingen. Aber wir behalten uns vor, die Demonstranten zu identifizieren, die sich nicht an die Regeln gehalten haben, und werden gerichtlich gegen sie vorgehen.“ Auch die Demonstranten haben ihre Mission erfüllt. Sie können nun damit rechnen, dass die Bilder und Videos von ihrer Anwesenheit auf dem Markusplatz um die Welt gehen und immer wieder hervorgeholt werden können, um zu beweisen…ja was nur? Eine Wende in der Politik? Kaum anzunehmen. Da wird es auch nicht helfen, dass nach dem Demonstrationszug durch die Gassen auch der Demonstrationszug am Sonntag auf dem Wasser mit den rund 10 000 Teilnehmern der Vogalonga ausdrücklich als Akt der Solidarisierung mit der Protestbewegung gegen Kreuzfahrtschiffe bezeichnet wurde.

Am späten Samstagabend – die Protestanten hatten ihre Fahnen längst eingerollt – hätte man bei besseren Lichtverhältnissen die Rauchfahnen von mehreren Kreuzfahrtschiffen sehen können, die sich von ihren Anlegeplätzen fort durch den Giudeccakanal in Richtung Lido davonstahlen.

Verspätungsalarm bei den Königlichen Gärten

Dauerbaustelle hinter den Prokuratien (Foto R.W.)

Es war im März 2018. Da haben wir aus der gleichen Perspektive ein Bild von der Baustelle aufgenommen, die sich Giardini Reali nennt. Siehe den Beitrag Countdown für die neuen Giardini Reali. Bei einem Vergleich mit dem Bild von heute stellt man fest: 1. Die Anlage ist für das Publikum noch immer nicht geöffnet. 2. Es sind mehr Baugeräte und Baumaterialien zu sehen als vor einem Jahr. Wir nehmen das als positives Zeichen, dass aus dem Projekt noch was werden kann.

Die Venice Garden Foundation, die sich um die Realisierung kümmert, hat auf ihrer Homepage noch immer das Jahr 2018 als Eröffnungsdatum  stehen. Wenigstens das könnte man wohl aktualisieren. Oder ist das zu viel verlangt?

Auch das Gruseln will gelernt sein

Auch hier kommt es wohl wieder auf die jungen Leute an (Foto R.W.)

Dad, there´s a monster! So weit haben wir es also gebracht, dass sich schon die Kinder vor Kreuzfahrtschiffen graulen. Oder ist es nur das Wunschdenken von einigen Erwachsenen, die in Venedig seit Jahren dagegen protestieren, dass diese schwimmenden Monster nach Venedig kommen? Wenn es nach ihren Vorstellungen ginge, hätten wir schon längst nicht mehr dieses kontrovers diskutierte Schauspiel, dass Hunderte Kreuzfahrtschiffe sich immer wieder durch eine eigens für sie metertief gebaggerte Fahrrinne durch die Lagune bis zum Hafen vorarbeiten und ihren Passagieren das Vergnügen bereiten, die historischen Paläste und Kirchen von oben herab betrachten zu können.

Aber es geht nicht nur um sie. Es gibt Interessengruppen mit einer ganz anderen Sichtweise, die sich als Lobbyisten bisher immer durchgesetzt haben. Diesen Gruppen geht es ums Geschäft, um Arbeitsplätze, um das Geld, das mit dem Kreuzfahrttourismus zu verdienen ist. Und selbst wenn zur Zeit Parteien wie die 5-Sterne-Bewegung in Rom das Sagen haben, ist kaum damit zu rechnen, dass sie es schaffen werden, die Schiffe vor der Lagune auf Reede ankern zu lassen.

Dabei spricht vieles für die Annahme, dass es weder für die Lagune noch für Venedig als Kulturerbe auf Dauer gut ist, was man ihnen mit den Kreuzfahrtschiffen antut. Auch  die Nachricht, die in diesen Tagen zu lesen ist,  ist wohl nur ein Beschwichtigungsversuch. Man hat nun – endlich! – zugestimmt, die Motoren mit weniger umweltbelastendem Öl zu betreiben, wenn man sich in der Lagune bewegt.  Freiwillig, wie es heißt. Wie großzügig. Dabei hätte man schon vor mehr als zehn Jahren auf diese Idee kommen können.