Archiv der Kategorie: Leben in Venedig

Anatoll Frustwächter auf Pistolettos Spuren

IMG_8563Pistoletto gibt auch mit über 80 Jahren keine Ruhe.

Wie? Hat er schon wieder Spiegel zerschlagen?

Diesmal hat er ein Buch geschrieben. Eine Art Manifest, in dem er bei der Entwicklung der Menschheit den Primat der Kunst vor Religion und Wissenschaft beansprucht.

Ein Weltveränderer also, der die bisherigen Machtverhältnisse auf den Kopf stellen will. Weiterlesen

Ein ungemachtes Bett

Vor der Arsenale-Mauer  (Foto R.W.)

Vor der Arsenale-Mauer (Foto R.W.)

Die Vermietung von Unterkünften in Venedig über Airbnb und andere Online-Vermittlungs-Portale hat in den letzten Jahren dramatisch zugenommen. Es ist von über 27 000 Betten die Rede, an denen auch die Stadtverwaltung je Übernachtung 2 Euro verdient.Für den Schlafplatz auf der Schwelle zum Arsenale wurde unseres Wissens noch keine Gebühr erhoben.

 

Venezianische Bürger proben den Aufstand

Das sind Venezianer, nicht Touristen (Foto R.W.)

Das sind Venezianer, nicht Touristen (Fotos R.W.)

Mehr als 2000 Menschen unterschiedlichen Alters haben sich an einem heißen Sonntag im Juli vor den Löwen am Haupteingang des Arsenals von Venedig versammelt und sind mit Fahnen und Transparenten bis zum Reiterstandbild in der Nähe des Markusplatzes gezogen, um gegen das unzureichende Wohnraumangebot für Venezianer zu protestieren. Auch wir sind ein gutes Stück in dieser friedlich demonstrierenden Menschenmenge mitgelaufen, obwohl wir keine richtigen Venezianer sind. Weiterlesen

Stadt mit vielfältigem Gefahrenpotential

Die restaurierte Rialto-Brücke, im Hintegrund die Terrasse des neuen Luxuskaufhauses DFS

Die restaurierte Rialto-Brücke, im Hintegrund die Terrasse des neuen Luxuskaufhauses DFS (Foto R.W.)

Die Rialto-Brücke, 1591 als erste und lange Zeit einzige Überquerung über den Canal Grande erbaut, mußte im zurückliegenden Jahr aufwendig restauriert werden und ist nun seit einigen Monaten wieder ungehindert passierbar. Für Venezianer und Millionen Touristen, aber auch für Terroristen, die hier, wie jetzt berichtet, wohl einen Selbstmordanschlag verüben wollten, dem die italienische Polizei aber zuvorgekommen ist. Weiterlesen

Vielleicht der verlassenste Ort Venedigs

Gleich hinter der Porta dei Pensieri (Foto R.W.)

Gleich hinter der Porta dei Pensieri (Foto R.W.)

So friedlich ist das Fleckchen Erde hinter den hohen Mauern des Arsenale, wo in Zeiten der Serenissima die stolze Kriegsflotte der Republik Venedig gebaut und zu Wasser gelassen wurde. Die beiden Türme an der Ausfahrt erinnern noch an diese Zeit. Heute kommt man ohne Kontrolle und eher aus Versehen an diesen versteckten Platz, wenn man sich am Ende der Salizada Streta über die Brücke und durch die Porta dei Pensieri getraut hat. Dieser Durchbruch in der Arsenal-Mauer wurde vor einigen Jahren geschaffen, um während der Biennale die Besucherströme nach ihrem ausgedehnten Spaziergang durch die weitläufigen Ausstellungshallen wieder ins Freie zu entlassen. Nun ist er also auch in der umgekehrten Richtung begehbar: als Zugang zu einer gepflegten und baumbestandenen Grünfläche mit gekiesten Wegen, wo man selbtverloren ein Venedig erlebt, das sich da ganz still und ohne Hektik behauptet.

Viel Zulauf beim Marathonlauf in Venedig

Viel Platz zum Verschnaufen (Foto R.W.)

Viel Platz zum Verschnaufen (Foto R.W.)

Wenn Segler und Ruderer vor den Kulissen von Venedig ihren Spaß haben oder sich ins Zeug legen, um mehr oder weniger bedeutende Trophäen zu ergattern, spielt sich das ganze Geschehen unter den Augen der Venezianer ab. Bei Marathonläufern ist das anders. Die starten weit draußen auf dem Festland und laufen den größten Teil der vorgeschriebenen Strecke fern von Venedig, bis sie endlich die Lagune erreichen, wo sie über allerlei Brücken – wer hat sie gezählt? – und Rampen rumpeln und dabei den kürzesten Abschnitt der Gesamtstrecke vielleicht als den längsten erleben, bis sie schließlich in Castello kurz vor den Giardini ihr Ziel erreichen. Da allerdings werden sie gebührend bejubelt und gefeiert. Weiterlesen

Wo man die Einsamkeit findet

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Dünenlandschaft auf Lido: links 2012, rechts 2016 (Fotos R.W.)

Venedig-Besucher sind immer wieder verwundert, wenn sie bei einem Ausflug auf die Insel Lido erleben, dass dort auch Autos unterwegs sind. Die Insel, die nach Osten hin die Lagune von Venedig gegen das offene Meer abschirmt, hält noch andere Überraschungen und Wohltaten für die Seele bereit. So kann man die 12 Kilometer lange Insel von Norden nach Süden im öffentlichen Bus abfahren, mit dem gleichen Ticket, das man fürs Vaporetto gelöst hat. Oder man schwingt sich aufs Fahrrad, das gemietete, und fährt die gesamte Strecke von Leuchtturm zu Leuchtturm ab. Das sind dann einige Kilometer mehr, weil die Leuchttürme im Süden und im Norden ein Stück weiter weg auf einer Buhne im offenen Meer stehen, wo sie den ankommenden Passagier- und Frachtschiffen als Orientierung dienen. Weiterlesen

In Castello tut sich was

Toilette mit Wickelraum (Foto R.W.)

Toilette mit Wickelraum (Foto R.W.)

Vor einigen Tagen ist mir ein Zettel in die Hände gefallen, in dem die Bürger von Castello zu einer Versammlung eingeladen hatten, in der sie ihre Unzufriedenheit über den mangelnden Service der Stadt zum Ausdruck bringen wollten. Die Veranstaltung liegt einige Monate zurück. Wir wollten einmal miterleben, wie hier Bürgerbeteiligung funktioniert, und spielten Mäuschen. Mein Tagebucheintrag vom 19. Mai: Weiterlesen

Eine Annäherung an die Geschichte der Serenissima

Schöne Aussicht vom Luxuskaufhaus am Canal Grande

Schöne Aussicht vom Luxuskaufhaus am Canal Grande (Foto R.W.)

Aus der Google-Perspektive betrachtet, präsentiert sich Venedig als ein Mosaik von dicht an dicht gefügten Ziegeldächern, durch das sich der Canal Grande als Haupverkehrsader windet. Auf der gut vier Kilometer langen Strecke sind auch die Haltestellen des öffentlichen Personenverkehrs und einige touristische Highlights verzeichnet. Wer sich über die Verkehrsanbindung hinaus noch dafür interessiert, was sich unter dem Teppich von Dachziegeln verbirgt, wird bei Wikipedia fündig.Da bekommt man die Namen der meisten Bauwerke benannt, die sich links und rechts am Canal Grande aneinanderdrängen, viele mit Bild, einige auch mit Anmerkungen zur Entstehungsgeschichte. Unter anderem die Ca´del Mosto, die noch Merkmale aus dem 12. Jahrhundert aufweist und einst das berühmteste Hotel der Stadt war, während das jüngste Bauwerk am Canal, der Palazzo Tito, erbaut 1956, keine Erwähnung wert zu sein scheint. Weiterlesen

Kein blaues Feigenblatt

Vor großen Schiffen wird gewarnt (Foto R.W.)

Vor großen Schiffen wird gewarnt (Foto R.W.)

Im April 2015 haben die Reedereien, deren Kreuzfahrtschiffe in Venedig vor Anker gehen, feierlich gelobt, dass ihre Schiffe beim Passieren der Zufahrt in die Lagune nur noch „sauberen“ Diesel verbrennen, und das Abkommen „Venice Blue Flag“ unterzeichnet. Damit sollte wenigstens eine der Forderungen des Aktionsbündnisses No Grandi Navi berücksichtigt werden, das unter anderem auf die Umweltbelastung hinweist, die bei der Verbrennung von „schmutzigem“ Diesel entsteht. Sauberer Diesel enthält nur 0,1 % Schwefel, während der „schmutzige“ Diesel, der auf hoher See als Treibstoff verbrannt wird, bis zu 3,5 % Schwefel enthält.

Einen Monat später wurde die „Neoclassica“ der Costa Crociere „erwischt“ , wie sie unverdrossen mit „schmutzigem“ Diesel zur Anlegestelle im Hafen unterwegs war. Das Bußgeld, das die Hafenbehörde daraufhin festsetzte, war happig: 30 000 €. Die Reederei verweigerte die Zahlung mit der interessanten Begründung, bei dem Abkommen „Venice Blue Flag“ handle es sich lediglich um eine freiwillige Vereinbarung, an die man sich nicht zu halten brauche. Welchen Wert derartige Vereinbarungen haben, ist damit klargestellt. Die „Neoclassica“ hat innerhalb von sieben Monaten den Hafen von Venedig siebzehn Mal angelaufen.

Nun hat ein Gericht entschieden, dass die Strafe rechtens und zu zahlen ist. Ob die Reederei gegen das Urteil Einspruch einlegen wird, ist nicht bekannt. In jedem Fall kann das Aktionsbündnis No Grandi Navi sich doppelt bestätigt fühlen. Erstens in der Erkenntnis der Wertlosigkeit von Abkommen, die man nicht einzuhalten gedenkt. Zweitens in der Höhe der Strafe, die erkennen läßt, dass die Verbrennung von „schmutzigem“ Diesel eine erhebliche Umweltbelastung darstellt. Ist das eine Genugtuung?