Archiv des Autors: Pantalone

Über Pantalone

Jeder ist überzeugt von seiner Individualität. Dabei wird die Möglichkeit der Dividualisierung eines Menschen unterschätzt. Tucholsky zum Beispiel brachte es spielend auf vier bis fünf Personen. Und Pantalone? P1 der Beobachter P2 der Genießer P3 der Sammler P4 der Nörgler P5 der Besserwisser P6 der Poeta P7 der Kritiker P8 der Reporter P9 der Rechercheur P1-9 der Allumfaselnde und als Gast Herr Anatol Frustwächter Sie alle werden in den entsprechenden Kategorien ihre Spuren hinterlassen. (Aber wer ist Pantalone? Immer der gleiche, immer ein anderer.)

Ein Korallenriff am Canal Grande

Das Biotop, das ohne einen Tropfen Wasser auskommt (Foto R.W.)

Nein, das ist kein Beifang von einem Fischkutter. Auch nichts, was man achtlos ins Meer gekippt hatte und nun wieder mühevoll einsammeln musste. Was wir hier zu sehen bekommen, hat noch keinen Konsumprozess durchlaufen. Es ist vielmehr Plastikmaterial, das sozusagen ganz jungfräulich in die Hände eines Künstlers geriet, bevor es den üblichen Weg vom Hersteller über den Handel an den Verbraucher und von dort weiter bis zum Mülleimer durchlaufen hatte. Dieser Künstler hatte wohl im Sinn, ein Kunstprodukt herzustellen, das den Plastikprodukten eine völlig neue Rolle zuweist. Wie man unschwer erkennen kann, handelt es sich um eine Inszenierung, die den Betrachter an die Vielfalt des Lebens im Meer erinnern soll. Weiterlesen

Eine Entstehungsgeschichte des Lebens

Die lebenden Steine in Australien (Fotos R.W.)

Wir sind es gewohnt, die Geschichte der Menschheit nach Jahrtausenden zu berechnen. Dabei ist das Leben des einzelnen Menschen deutlich kürzer. Wenn es hoch kommt, sind es 80 Jahre, wie man schon im Buch der Bücher lesen kann. Daran hat sich bis heute nichts geändert, auch wenn man sich gern vorstellt, es irgendwann in den Bereich der dreistellige Ziffer zu schaffen (koste es was es wolle). Doch nicht nur das unsere, alles Leben auf dem Planeten Erde ist endlich. Das ewige Leben muss sich in anderen Sphären abspielen, wenn überhaupt. Weiterlesen

Die Wahrheit über Leonardos Unterseeboot

In der Galleria der Accademia delle Belle Arti ist der Homo Vitruvianus zu sehen (Foto R.W.)

Zum 500. Todestag von Leonardo da Vinci hat man die nur selten gebotene Gelegenheit, die Federzeichnung des Homo Vitruvianus im Original zu sehen. Sie wird im Archiv der Accademia delle Belle Arti aufbewahrt und kann dort noch bis zum 14. Juli 2019 zusammen mit einigen Dutzend anderen Autografen Leonardos bewundert werden. Doch die Vorlage für ein U-Boot, mit dessen Hilfe die Serenissima Anfang des 16. Jahrhunderts im Krieg mit den Türken die osmanische Flotte hätte abwehren oder gar vernichten können, ist wohl nicht dabei. Weiterlesen

Gut gemeint – aber auch gut genug?

Hier sind wir auf der richtigen Seite der Mauer (Fotos R.W.)

Nicht alle von uns sind dazu ausersehen, Flüchtlingen, die im Mittelmeer zu ertrinken drohen, das Leben zu retten, und das oft unter Einsatz des eigenen Lebens. Helene Duldung wird uns das nachsehen. Doch irgendeine Einstellung zu den globalen Herausforderungen unserer Zeit wird uns abverlangt. Die Flucht von Millionen Menschen kann uns nicht gleichgültig sein, weil dabei auch Auswirkungen auf unser eigenes Leben unvermeidlich sind. Weiterlesen

Zweiter Versuch mit Jakobsleiter auf San Giorgio

Diesmal stimmt die Richtung: Vom Himmel hoch (Foto R.W.)

Es ist schon acht Jahre her, da hat der international erfolgreiche Künstler Anish Kapoor sich in Venedig mit einer seiner spektakulären Installationen in himmlische Gefilde gewagt. Während der Kunst-Biennale im Jahr 2011 sollten Besucher des von Palladio entworfenen Doms auf der Insel San Giorgio in den Genuss einer Himmelfahrt kommen. Ascension, so nannte sich Kapoors Veranstaltung. Nicht gerade so eine, wie man sie in der Frari-Kirche in dem Altarbild von Tizian vorgeführt bekommt, aber vielversprechend genug. Schließlich ragten Elemente der Installation bis unters Kirchendach und darüber hinaus ins Freie. Also durfte man gespannt sein, was es mit dieser Himmelfahrt auf sich hatte. Weiterlesen

Ein Pfingstwunder? Eher nicht

Der lange Marsch  zum Markusplatz (Foto R.W.)

Das Pfingstwochenende war für die Ordnungskräfte Venedigs eine besondere Herausforderung. Am Samstag versammelten sich einige tausende Menschen , um wieder einmal gegen die Kreuzfahrtschiffe zu demonstrieren. Der besondere Anlass: Eine Woche vorher hatte eines dieser Schiffe die Kaimauer von San Basilio am Giudecca-Kanal gerammt und dabei auch ein dort liegendes Passagierschiff beschädigt. Zur gleichen Zeit wimmelte es in der Stadt von Besuchern aus allen Teilen der Welt, die hergekommen waren, um in kleinen Booten mit Muskelkraft die Umrundung der Inseln Venedigs zu zelebrieren, wie es seit mehr als 40 Jahren im Rahmen der Veranstaltung „Vogalonga“ üblich ist. Also das genaue Gegenteil von dem, was die Kreuzfahrtschiffe nach Venedig führte.

Am Samstagnachmittag konnte man miterleben, wie sich diese beiden Gruppen sehr friedlich mischten. Wer an der Vogalonga teilnehmen wollte, traf sich mit anderen Gleichgesinnten in den verschiedensten Winkeln Venedigs. Für die Aktivisten der Protestbewegung „No Grandi Navi“ ging es darum, in möglichst großer Zahl den Markusplatz zu erreichen, um endlich an diesem symbolträchtigen Ort zum wiederholten Mal die Verbannung der Kreuzfahrtschiffe zu fordern, zumal das Ereignis vom Wochenende davor dieser Forderung noch mehr Nachdruck verlieh.

Eine Woche nach dem Unfall mit der OPERA (so der Name des Schiffes, dem in Zukunft möglicherweise nachgesagt werden kann, es habe die Wende im Umgang mit den Kreuzfahrtschiffen eingeleitet) war die Stimmung besonders aufgeladen. Unter anderem auch deshalb, weil die Behörde Venedigs unter Berufung auf eine alte Regelung eine Kundgebung auf dem Markusplatz untersagt hatte. Davon ließen sich die Organisatoren der Protestbewegung nicht beeindrucken. Am Samstag versammelte sich eine Menschenmasse an dem Ort, wo einige Tage zuvor das Unglück mit der OPERA geschehen war, und verwandelte die Uferpromenade in ein Fahnenmeer. Auf allen Fahnen stand, was den Politikern in Rom und Venedig schon seit Jahren Kopfzerbrechen bereitet: No Grandi Navi.

Die Masse setzte sich am späten Nachmittag in Bewegung und gelangte gegen 18 Uhr in die Nähe des Markusplatzes. Alles ohne besondere Zwischenfälle. Am Ende schafften es rund tausend von den etwa zehntausend Menschen des Protestmarsches doch bis auf den Markusplatz. Die Ordnungskräfte hatten wohl Anweisung, jede Form von Gewalt zu vermeiden.

Damit waren bei dieser Demonstration zwei Ziele erreicht, die unterschiedlicher nicht sein können. Die Behörde schrieb sich zugute, dass alles glimpflich verlaufen war. „Wir haben uns nicht provozieren lassen, den Gummiknüppel zu schwingen. Aber wir behalten uns vor, die Demonstranten zu identifizieren, die sich nicht an die Regeln gehalten haben, und werden gerichtlich gegen sie vorgehen.“ Auch die Demonstranten haben ihre Mission erfüllt. Sie können nun damit rechnen, dass die Bilder und Videos von ihrer Anwesenheit auf dem Markusplatz um die Welt gehen und immer wieder hervorgeholt werden können, um zu beweisen…ja was nur? Eine Wende in der Politik? Kaum anzunehmen. Da wird es auch nicht helfen, dass nach dem Demonstrationszug durch die Gassen auch der Demonstrationszug am Sonntag auf dem Wasser mit den rund 10 000 Teilnehmern der Vogalonga ausdrücklich als Akt der Solidarisierung mit der Protestbewegung gegen Kreuzfahrtschiffe bezeichnet wurde.

Am späten Samstagabend – die Protestanten hatten ihre Fahnen längst eingerollt – hätte man bei besseren Lichtverhältnissen die Rauchfahnen von mehreren Kreuzfahrtschiffen sehen können, die sich von ihren Anlegeplätzen fort durch den Giudeccakanal in Richtung Lido davonstahlen.

Die Grenzen der Kunst

Erst Fischkutter, dann Flüchtlingschiff und jetzt Barca Nostra (Foto R.W.)

Satire darf alles. Das hat uns Kurt Tucholsky schon vor hundert Jahren eingeschärft. Inzwischen gibt es immer mehr Kunstschaffende, die diesen Anspruch auch für ihre Kunst geltend machen wollen. Also gut – die Kunst darf alles. Aber kann sie auch alles, was sie darf? Das ist die Frage, die man sich angesichts des Kutters stellen muss, der zu Beginn der Biennale auf einem Floß durch Venedig transportiert wurde. Weiterlesen

Auf, auf, die Sicht von oben genießen

Die anderen sind schon oben (Foto R.W.)

Seit 2016 gibt es da dieses Luxuskaufhaus an der Rialtobrücke, das mit einer attraktiven Besonderheit aufwarten kann. Es hat eine große Dachterrasse, von der man eine wunderbare Rundumsicht auf die historischen Bauten Venedigs hat und das Treiben auf dem gewundenen Canal Grande direkt unter sich beobachten kann. Der ursprüngliche Zweck des mittelalterlichen Gebäudes war dem aktuellen nicht unähnlich. Vor 500 Jahren haben Kaufleute aus Deutschland dort ihre Geschäfte mit der Lagunenstadt abgewickelt, heute bestaunen Touristen aus allen Weltregionen die auf den drei Stockwerken präsentierten Waren und können hier ihren großen und kleinen Geschäften nachgehen. Viele Besucher begnügen sich mit dem Aufstieg zur Dachterrasse, die es im Mittelalter noch nicht gegeben hat . Sie war bei dem Umbau des historischen Gebäudes ein Zugeständnis an die Bedürfnisse unserer Zeit. Weiterlesen

Zu spät, du rettest den Ruf nicht mehr…

Zu spät, du rettest den Ruf nicht mehr, um mit Schiller zu sprechen

Ach, dieser Bürgermeister von Venedig. Da lässt er zu, dass seine Ordnungskräfte den weltbekannten und öffentlichkeitsscheuen Künstler von der Uferpromenade vertreiben, wo seit undenklichen Zeiten viele venezianische Künstler mit ihren Staffeleien herumstehen und ihre Werke feilbieten, unter die sich auch dieser unbekannte Künstler gemischt hat, um einige seiner Werke zu präsentieren. Was geschieht? I vigili lo cacciano. Doch kaum haben die Ordnungskräfte ihre Pflicht erfüllt und Banksy fortgeschickt, da fällt dem Bürgermeister ein, ihn nach Venedig einzuladen. Zu spät. Weiterlesen

Ein gesunkener Fischkutter als Provokation

Als Vorgeschmack auf die Biennale bekamen Leser des Corriere della Sera diesen Fischkutter serviert (Bild Corriere)

In diesen aufregenden Tagen vor der Eröffnung der 58. Kunstbiennale in Venedig bekamen die Venezianer vor den historischen Kulissen ihrer Stadt ein Spektakel geliefert, das die meisten Zuschauer verwundert haben dürfte (und einige wohl auch befremdet oder sogar schockiert, selbst wenn sie noch nicht einmal als Zeugen des Spektakels dabei gewesen waren). Schließlich geht es um einen Beitrag zur Kunst, der als Provokation verstanden werden soll, aber auch als Aufforderung, unsere Vorstellungen von Mitmenschlichkeit einem Reality-Test zu unterziehen. Weiterlesen