Sieht so die Zukunft Venedigs aus?

Der virtuelle Untergang der Lagunenstadt Venedig ist perfekt inszeniert (Foto R.W.)

Sind die Sorgen berechtigt, dass die Lagunenstadt Venedig absäuft – oder sagen wir es netter – untergeht, und lässt sich bei dieser Vorstellung ein Gruseln erzeugen, wenn auch nur ein leichtes? Das schafft Hito Steyerl mit ihrer opulenten Video-Installation im Arsenale nicht wirklich, und das ist gut so. Weiterlesen

Verworrene Verwobenheiten im Web

An diesem Netz haben Neophila Senegalensis, Holocnemus Pluchei und Cyrtophora Citricola mitgewirkt und im Laufe der Zeit vielleicht auch einige in Venedig heimische Spinnen (Foto R.W.)

„Wir stolzen Menschenkinder

sind eitel arme Sünder

und wissen gar nicht viel;

wir spinnen Luftgespinste

und suchen viele Künste

und kommen weiter von dem Ziel.“ Weiterlesen

Vom Gondeln und vom Dieseln

Vorn wird gegondelt, dahinter gedieselt (Fotos R.W.)

Wer in Venedig unterwegs ist, hat die Wahl zwischen dieseln und gondeln. Beide sind als Verben der Bewegung zu verstehen, zu denen auch gehen, laufen, innehalten und manches andere gehört, mit dem man das Verhalten von Besuchern beschreibt, die in der Stadt mit ihren vielen Kanälen herumkommen. Dabei gibt es zwischen den mit Menschenkraft bewegten Gondeln und den mit Dieselmotoren angetriebenen Vaporetti signifikante Unterschiede. Am augenfälligsten ist der Einsatz von Energie. In der Gondel schafft es ein Mensch, aus eigener Kraft ein Boot von mehr als zehn Metern Länge mit sieben Personen einschließlich Gondoliere durch Venedigs Kanäle zu steuern. Und das mit einem Gesamtgewicht von knapp einer Tonne, wenn alle Sitzplätze in der Gondel belegt sind. Im Vaporetto braucht es einen Dieselmotor, der in Bezug auf Lärm- und Luftbelastung nicht den besten Ruf hat, dafür aber bis zu 200 Fahrgäste von Haltestelle zu Haltestelle befördert. Weiterlesen

Biwak als Stätte der Begegnung

Leihgabe aus dem Bestand von Reinhold Messner (Foto R.W.)

Es ist gerade mal hundert Jahre her, da wurde im Friedensvertrag von St.-Germain-en-Laye die Region Südtirol dem Staat Italien zugesprochen. Ganz so wie im geheimen Londoner Abkommen mit Großbritannien und Frankreich vor dem Ersten Weltkrieg vereinbart. Seitdem zählt man sich in Italien zu den Gewinnern des Ersten Weltkriegs, der hier auch stolz immer als Grande Guerra bezeichnet wird. Da es seitdem in der betreffenden Region längere Zeit alles andere als friedlich zuging, hat sich inzwischen auch in Italien die Vorstellung durchgesetzt, dass der Gewinn aus dem großen Krieg ziemlich teuer erkauft wurde.

So ist es eine bemerkenswerte Wendung in der Wahrnehmung der Geschichte, wenn jetzt eine Gruppe von Künstlern aus Südtirol mit italienischen und deutschen Namen einen Biwak aus dem Gebiet der Alpen, wo seinerzeit die Frontlinie im Krieg der Italiener gegen die Österreicher (oder war es umgekehrt?) verlief, nach Venedig schafft und ihn als Ort der Zuflucht und der Begegnung präsentiert. Die Initiatoren bezeichnen die Schutzhütte als „kleines Europa“ in einem sonst von Nationalismen aufgewühlten Europa.

Die Schutzhütte als Symbol für ein offenes und friedliches Miteinander steht seit Eröffnung der Kunstbiennale 2019 auf der Insel S. Servolo. Als europäisch fühlender Weltbürger ist man auch für kleine Zeichen empfänglich, die uns daran erinnern, dass man in Kriegen immer nur verlieren kann, auch wenn man glaubt, sie gewonnen zu haben.

Migranten und Nomaden

Mit Grüßen von Banksy (Foto R.W.)

Der bekannte Streetart-Künstler, den man nur unter seinem Pseudonym Banksy kennt, hat sich vor der Eröffnung der Kunstbiennale 2019 in Venedig aufgehalten und Spuren hinterlassen. Zum Beispiel dieses Bild an der Mauer eines verfallenden Hauses am Rio Nuovo. Bei diesem Bild erleben wir den Begriff Streetart in einer neuen Dimension. Der Junge mit Schwimmweste und Fackel, der in der Lagunenstadt gestrandet ist, namenlos und stellvertretend für viele Namen, hat den Weg zu uns sicher nicht als Hitch-hiker hinter sich gebracht. Und der Künstler, der mit diesem Bild daran erinnern will, dass wir hier ein Problem haben, das mit den Mitteln der Kunst allein nicht zu lösen ist, hat wohl nicht viel Zeit gehabt, auf einem Boot stehend an einer der belebtesten Wasserstraßen Venedigs sein Werk zu vollenden. Wie dem auch sei, Venedig hat jetzt auch ein Bild von Banksy, der es fertiggebracht hat, ohne festen Boden unter den Füßen seine Arbeit zu machen. Besucher, die vom Campo Santa Margherita kommend die Brücke zum Campo S. Pantalon überqueren, entdecken den Jungen gleich links neben der Brücke.

Weiter abwärts am Canal Grande auf dem Campo San Vidal beherbergt die Anglikanische Kirche Saint George einen anderen Künstler, der den Betrachter ebenfalls mit dem Thema Migration konfrontiert. Im Unterschied zu Banksy gibt es bei ihm keine Zweifel an seiner Identität. Und auch die Arbeitsbedingungen, unter denen seine Werke entstehen, sind keineswegs prekär. Zorikto Dorzhiev ist im fernen Russland aufgewachsen und hat in Ulan Ude und Krasnojarsk die dort eingerichteten staatlichen Kunstschulen besucht. Die in Venedig gezeigten Bilder haben Migration und das Leben der Nomaden in Sibirien zum Thema. Zu den wiederkehrenden Motiven in seinen Bildern gehören mongolische Reiter und Menschen, die unterwegs sind. Sie scheinen genau so wenig zu wissen wie wir Betrachter, wann und wo die Reise enden wird. Auch die Ausstellung, die den bezeichnenden Titel „New Steppe“ trägt, hat schon eine längere Reise hinter sich. Sie war bereits in Moskau, London und St. Petersburg zu sehen.

Sieht so eine Windjammer aus?

Die größte Segelyacht besucht Venedig (Fotos R.W.)

Während Greta Thunberg mit der Segelyacht Malizia II auf dem Atlantik in Richtung New York unterwegs war, machte die Sailing Yacht A in europäischen Gewässern und Häfen von sich reden. Unterschiedlicher können die Dimensionen und Ansprüche der beiden Yachten nicht sein, wenn man unberücksichtigt lässt, dass beide auf Windkraft angewiesen sind. Die Malizida II ist 18 Meter lang, 6 Meter breit und so minimalistisich ausgestattet, dass selbst der Begriff „spartanisch“ wie Prahlerei klingt.

Und die Sailing Yacht A? Sie ist mit 143 Metern Länge, 25 Metern Breite und 8 Decks die bisher größte Segelyacht auf unseren Meeren. Und mit drei Masten von je 90 Metern Länge, die bei Bedarf Segel von der Größe eines halben Fußball-Spielfelds in die Luft halten können, schafft sie Geschwindigkeiten bis 21Knoten und kann so fast mit der Malizia II mithalten, die als Rennboot konzipiert ist und auf 25 Knoten (ca. 50 km/h) kommt.

Nach vierjähriger Bauzeit in einer Kieler Werft ist die Sailing Yacht A nun rund um Europa unterwegs und lässt sich unter anderem auch in italienischen Häfen bestaunen. Da darf Venedig nicht fehlen. Das prachtvolle Ungetüm mit den in den Himmel ragenden Masten, denen man ihre Hightech-Innereien nicht ansieht, wurde wieder von dem Star-Designer Philippe Starck für den russischen Oligarchen Andrej Melnitschenko entworfen. In seiner glänzenden Haut spiegeln sich die Häuser, die am Ufer der Sieben Märtyrer aufgereiht sind, und die Menschen, die ihre Smartphones in den Himmel halten. Warum wieder? Philippe Starck hat für den Herrn auch schon eine Motor-Yacht entworfen, die mit 119 Metern Länge nicht gerade klein ausfiel und sich ebenfalls mit dem Namen Motoryacht A schmückt. Also immer ganz vorne im Alphabet, diesmal mit einer besseren Ökobilanz. Immerhin.

Die Häuserzeile der Uferpromenade spiegelt sich im Schiffsrumpf

 

Zur Nachahmung empfohlen

Einige Gemüsehändler machen es vor (Foto R.W.)

So sieht es aus, wenn man von einem Einkauf auf dem Gemüsemarkt an der Rialtobrücke heimkommt. Von Plastik keine Spur. Ein ganz anderes Bild ergibt sich, wenn man in Castello auf der Via Garibaldi mit dem Einkaufszettel unterwegs ist. Die Gemüsestände scheinen von Papiertüten wohl noch nichts gehört zu haben. Dafür sind stapelweise Plastiktüten in greifbarer Nähe. In den Supermärkten wird damit sogar ein Geschäft gemacht. Dort wir für jeden Artikel, den man aus der Gemüseabteilung an die Kasse bringt, eine Plastiktüte in Rechnung gestellt, auch wenn man sie gar nicht gebraucht hat. Bei Ananas zum Beispiel.

 

 

 

Da fehlen uns die Worte

In dem Napoleonischen Flügel neben der Kirche San Giorgio auf der gleichnamigen Insel wurde in diesen Tagen eine neue Ausstellung mit Arbeiten des Konzeptkünstlers Emilio Isgrò eröffnet. Isgrò ist für die italienische Kunstszene – und vielleicht auch für die der Welt? – kein unbeschriebenes Blatt. Dabei hat er sich genau mit dem gegenteiligen Verhalten einen Namen gemacht: Er hat beschriebene und bedruckte Blätter unleserlich gemacht, indem er die Wörter durchstrich und nur einige in dem Verhau von Streichungen stehen ließ, die sich so mit einer neuen Bedeutung aufladen ließen. Weiterlesen

Soll ich glauben, was ich sehe?

Da kann man sich verheben (Foto R.W.)

Die Müllsammler in den Giardini der Biennale wunderten sich nicht schlecht, als sie die schwarzen Plastiksäcke abtransportieren wollten, die neben dem Eingang zum Zentralpavillon abgestellt waren. Doch einige Tage nach Eröffnung der Biennale hatte sich bei ihnen herumgesprochen: Das sind keine Plastiksäcke, sondern Marmorskulpturen, die nur so tun, als wären sie Müll. Das geflügelte Wort „Ist das Kunst, oder kann das weg?“ wäre hier fehl am Platze. Weiterlesen

Il popolo di Greta sbarca al Lido *)

Klima-Aktivisten auf Lido (Foto R.W.)

Während auf Lido Filmstars und Fotografen sich ein Stelldichein gaben und gespannt darauf warteten, wer diesmal die Goldenen Löwen der Filmfestspiele von Venedig nach Hause tragen durfte, hatten sich einige hundert Meter weiter südlich junge Menschen aus verschiedenen Ländern Europas in einem sogenannten Venice Climate Camp versammelt, um die Mitmenschen daran zu erinnern, dass sie der Erderhitzung nicht tatenlos zusehen wollen. Die Filmschaffenden logierten in Luxushotels, die Klimaaktivisten in provisorischen Zelten, aber beide Gruppen hatten an diesem Wochenende das gleiche Ziel: den roten Teppich vor dem Palazzo del Cinema.

Kein Wunder, dass die Ordnungsbehörden nervös reagierten und mit einen großen Polizeiaufgebot präsent waren. Doch es blieb alles friedlich und geordnet. Die Aktivisten mit unterschiedlichen Schwerpunkten, angefangen bei der Organisation No Grandi Navi bis hin zur Gruppe Ende Gelände aus Deutschland oder Extinction Rebellion, No TAV, Reclaim the Power, versammelten sich mit ihren Fahnen und Transparenten auf der Lagunenseite von Lido und trafen sich mit den Aktivisten, die schon einige Tage vorher aus verschiedenen Ländern angereist waren, und siehe da, es gab keine Zwischenfälle, sondern Zustimmung auf Seiten von Schauspielern und Filmschaffenden, die den roten Teppich gern mit ihnen teilen wollten. So symbiotisch kann es zugehen auf den Filmfestspielen, die als die ältesten der Filmbranche gelten.

*) So titelte der Corriere della Sera in der Lokalausgabe vom 7. September und nannte die Zahl von dreitausend Aktivisten