Barca Nostra gehört nach Brüssel

Vor einem Jahr noch hochgelobtes Kunstwerk, heute kaum beachtet (Foto R.W.)

Manches Kunstwerk, das zur Biennale nach Venedig transportiert wurde, überdauert die offizielle Ausstellungsfrist, ohne anschließend demontiert oder abtransportiert zu werden. So geschieht es zur Zeit mit den helfenden und heilenden Händen von Lorenzo Quinn. Man kann sie immer noch von der Lagune aus sehen, wenn man vom Lido im Vaporetto in Richtung Fondamente Nove unterwegs ist.Weniger prominent und weniger spektakulär ist der Platz im Arsenale , wo ein aufgebocktes Schiffswrack am Rand des Wasserbeckens vor sich hinrostet und so gar nicht unseren traditionellen Vorstellungen von einem Kunstwerk entspricht. Dabei gehörte es im Jahre 2019 für die Medien, die sich mit der Gegenwartskunst auseinandersetzen, in die Liste der besten Werke, die man während der Kunstbiennale in Venedig geboten bekam.

Als Vorgeschmack auf die Biennale bekamen Leser des Corriere della Sera im Mai 2019 diesen Fischkutter serviert , der als Mahnmal die Menschen zum Nachdenken bringen sollte(Bild Corriere della Sera)

Diese Geschichte soll hier in aller Kürze noch einmal in Erinnerung gerufen werden.                  Am 18. April 2015 war besagter Fischkutter von Libyen mit Flüchtlingen aus Afrika an Bord unterwegs in Richtung Sizilien, kollidierte in der Dunkelheit mit einem portugiesischen Containerschiff und sank. Das Frachtschiff konnte 28 Menschen lebend retten und 50 Ertrunkene bergen. Zu diesem Zeitpunkt war die Gesamtzahl der Flüchtlinge noch nicht bekannt und wohl auch nicht vorstellbar. Erst ein Jahr später, nachdem die italienische Regierung sich entschlossen hatte, das in 370 Metern Tiefe liegende Wrack zu bergen, wurde das Ausmaß der Katastrophe offensichtlich. Mehr als 800 Menschen waren in diesem Stahlbehälter zusammengepfercht und ertrunken, wenn sie nicht schon vorher erstickt waren. Dass der damals amtierende Ministerpräsident Italiens Matteo Renzi im Oktober 2016 auf die Idee kam, die Politiker der EU in Brüssel mit dem Problem zu konfrontieren, indem er ihnen das geborgene Wrack vor die Tür setzte, kann man verstehen. Es war die Zeit, in der zehntausend und mehr Flüchtlinge im Mittelmeer ertranken. Leider ist aus diesem Vorhaben nichts geworden.

Stattdessen nahmen sich Künstler des schrottreifen Kutters an, der schon mit der Bezeichnung WRACK die bestehenden Verhältnisse der Migrationspolitik in den europäischen Ländern kennzeichnete. Das WRACK bekam den Namen BARCA NOSTRA. Mit dem Begriff ist kein Besitzanspruch verbunden, dafür der Hinweis, dass uns nicht kalt lassen darf, was da auf dem Mittelmeer als Folge einer menschenfeindlichen Flüchtlinspolitik passierte und immer noch passiert. Solange wir solches Geschehen irgendwie dulden, gutheißen oder ignorieren, solange stimmt etwas nicht mit unserem moralischen Kompass. Doch wenn wir in dem Bild der Barca Nostra den Zustand unserer moralischen Verfassung erkennen, gehören wir nicht zu den hoffnungslosen Fällen. Bedenklich wird es erst, wenn wir mit dem Wrack nichts anfangen können, weil wir seine Geschichte nicht kennen. Auch mit dieser Möglichkeit mussten die Initiatoren rechnen und nahmen sie in Kauf, indem sie am Ort der Ausstellung auf jeden Hinweis verzichteten, was es mit dem Wrack auf sich hatte. Ging es ihnen darum, die Besucher als Ignoranten bloßzustellen, die es noch nicht einmal für nötig befunden hatten, sich vorher zu informieren, was sie da zu sehen bekamen? Arroganz oder ein beklagenswerter Schwachpunkt der Veranstaltung?

Jedenfalls sind in den Sommermonaten des Jahres 2019 viele hundert Menschen an dem Wrack vorbeigekommen, die von seiner Geschichte nichts wußten. Ob sie damit schon im Verdacht stehen, dass ihnen die Flüchtlingspolitik in Europa gleichgültig war, lassen wir offen. Schließlich blieb es den Besuchern überlassen, wie sie beim Anblick des Wracks reagierten. So hat zum Beispiel ein Fotograf aus Bremen im Oktober 2019, kurz vor Ende der Ausstellungszeit die Barca Nostra als Bildmotiv entdeckt und eine Schwarzweiß-Aufnahme in der fotocomunity.de vorgestellt, wo die Mitglieder ihre Bilder zeigen und zur Diskussion stellen. Der Wunsch, den der Fotograf im Zusammenhang mit seinem Bild äußerte? KonstruktiveTipps zu Bildaufbau, Technik, Bildsprache. Und die Bildbetrachter der Community fanden dazu die passenden Worte. Zum Beispiel „ Sehr schön anzusehen in schwarzweiß“. Nachzulesen bei fotocomunity.de unter Barca Nostra.

Inzwischen rostet sich das Wrack im Arsenale schon mehr als ein Jahr durch die Wochen und Monate, unbemerkt und unbehelligt. So verkörpert die Barca Nostra zur Zeit genau den Zustand, in dem wir uns angesichts der Flüchtligspolitik befinden.  Auf dem Umweg über die Kunst  auf unser Denken und Handeln einzuwirken, erwies sich als abwegig. Das Problem der Migration berührt uns nicht. Damit sind wir alle gemeint, doch in erster Linie unsere Politiker. Da wäre es doch an der Zeit, endlich den Vorschlag des damaligen Ministerpräsidenten Renzi aufzugreifen und das Wrack erneut auf eine Reise zu schicken. Diesmal nicht nur auf dem Wasserweg sondern auch über Land. In Brüssel dürfte sich im Umfeld der Europäischen Kommission bestimmt ein Platz finden, wo unsere Politiker regelmäßig vorbeikommen würden und das Symbol des Scheiterns jeden Tag aufs neue vor Augen hätten. Im Unterschied zur sprachlosen Version im Arsenale von Venedig sollte man das Wrack in Brüssel mit Fahnenstangen umstellen und die Flaggen der 27 Mitgliedsstaten zuammen mit der Europaflagge wehen lassen. Instruktiv wäre auch ein Video mit aktualisierten Daten zu den Migrationsbewegungen in den verschiedenen Mitgliedsstaaten mit Zahlen der bearbeiteten Anträge sowie der gewährten und nicht gewährten Aufenthaltsrechte (so wie wir das in Corona-Zeiten gelernt haben). Die Erfahrungen bei der kontinuierlichen Berichterstattund des Pandemie-Geschehens könnten hilfreich sein. Also – wer wagt es diesmal?

Noch ist Venedig keine Geisterstadt

Tourismus und Denkmalpflege stoßen aufeinander (Foto R.W.)

Das Wort Tourist und Tourismus ist in unserer Sprache seit 200 Jahren in Gebrauch. Es bezeichnet heute keine beruflich oder sonst wie begründete Reise, sondern ein Freizeitverhalten von Menschen, die es im Urlaub daheim nicht aushalten. Wenn dieses Freizeitverhalten in Massen vorkommt, nennt man es gern auch Massentourismus. Goethe, der während seiner Italienischen Reise im 18. Jahrhundert mehrere Monate fern der Heimat zubrachte und auf seinem Weg nach Rom (mit Zwischenaufenthalt in Venedig) in holprigen Kutschen durchgeschüttelt wurde, hat das Unterwegssein sicher nicht als Vergnügen empfunden. Heutige Touristen sind Besseres gewöhnt. Weiterlesen

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte

Bei der Bürgermeisterwahl in Venedig im Sommer 2020 gibt es zumindest einen Kandidaten, der es mit dieser Erkenntnis aus den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts etwas zu weit treibt. Mit gut 150 Bildern will der noch amtierende Bürgermeister die Wähler überzeugen, dass es keinen besseren Kandidaten gibt als IHN, der sich nun auch für die zweite Amtszeit berufen fühlt. Weiterlesen

Sommer 2020 in Venedig

Die Möwen machen sich rar.

Die Schwimmer machen sich rar.

Strandwächter sind auf der Flucht.

Die Promis machen sich rar.  Die Gäste machen sich rar.

Wenn keiner kommt, braucht es auch keine Abstandsregeln.

La Fenice und Beethoven

Hier ist kein Platz für Zuschauer (Fotos R.W.)

Das Virus, das unsere späteren Erinnerungen an das Jahr 2020 in vieler Hinsicht bestimmen wird, hat auch vor längst Verstorbenen nicht Halt gemacht, wie es scheint. So hat es zum Beispiel die vielen Vorhaben im Zusammenhang mit dem Gedenkjahr für Ludwig van Beethoven durcheinandergebracht.

Das bekamen auch wir in diesen Tagen bei einem Konzert für den vor 250 Jahren geborenen Komponisten akustisch wie visuell vorgeführt. Es gab für ein Konzert mit Werken von Beethoven in Theater La Fenice noch Karten. Dabei war schon beim Kartenverkauf das Abstandsgebot zu berücksichtigen. Statt der offiziell verfgbaren 1000 Plätze durften nur 300 besetzt werden.

Entsprechend gering war unsere Chance, überhaupt noch ein Ticket zu ergattert. Zu unserer Überraschung hatten wir Glück und bekammen zwie Tickets zum Schnäppchenpreis von 25 Euro. Dazu  wurden wir freundlich  instruiert, was alles zu beachten war, wenn wir die Veranstaltung besuchten.

Wir waren also rechtzeitig (schon gut eine halbe Stunde vor Konzertbeginn) mit unseren Tickets in der Warteschlange (auch da unter Wahrung der Abstandsregeln mit anschließender Temperaturmessung). Durch einen Seiteneingang wurden wir in eine der Logen begleitet, wo ebenfalls einige Plätze frei bleiben mußten (alles sehr ungewohnt). Wir fühlten uns sehr privilegiert, da uns beim Kartenverkauf schon vermittelt worden war, dass diese Logenplätze unter normalen Bedingungen deutlich teurer verkauft worden wären (aber was ist in diesen Zeiten schon normal).

Das Parkett und die Logenränge waren gut beleuchtet, so dass wir die Bewegungen in den diversen Logen beobachten konnten, die sich langsam füllten. Nur der Anblick des Parketts war gewöhnungsbedürftig. Da gab es keine Stuhlreihen und keine gepolstersten Sitzgelegenheiten. Stattdessen Notenständer und Stühle, die ganz sicher nicht für Zuhörer gedacht waren. Unser Blick in Richtung Bühne musste mit einer weiteren Überraschung fertig werden. Keine Spur von Vorhang und nichts, was an einen Orchestergraben erinnerte, stattdessen einige locker verteilten Stuhlreihen, in denen schon einige Besucher Platz genommen hatten. Da dämmerte uns, dass hier die Rollen und Plätze für Darsteller und Zuhörer getauscht worden waren. Die Musiker im Parkett kamen den Zuhörern in dem unteren Logenring plötzlich sehr nahe, während die Gäste, die sonst wohl im Parkett ihren Platz gehabt hätten, nun von der Bühne aus das Geschehen verfolgen durften.

Abgesehen von dieser Rochade war alles wie sonst. Die Musiker mit ihren Masken  kamen aus irgendwelchen Tiefen auf das Parkett, nahmen ihre Plätze ein und warteten auf den Dirigenten. Als dieser auch sein Podest erreicht und sich bei Gästen und Musikern verbeugt hatte, wurden die Lichter ringsum gedämpft und das Parkett erleuchtet. Also alles wie gehabt, nur umgekehrt. Ob das Arrangement als Reaktion auf das Virus zu deuten ist, wer weiß…

Das Orcheter des Theaters, sehr übersichtlich im Parkett verteilt, durfte nach langer Zeit endlich wieder vor Publikum spielen und tat dies mit Hingabe. Man wollte schließlich in Übung bleiben. Gespielt wurden zwei Sinfonien. Zuerst die vierte und nach einer kurzen Pause die achte. Beide Werke werden wohl nicht so häufig gespielt, wie etwa die fünfte oder die neunte Sinfonie, und wir waren darauf vorbereitet, etwas Neues zu Gehör zu bekommen. Doch nach wenigen Takten regten sich Erinnerungen. Nicht dass wir sagen können, die Stücke wären uns vertraut. Aber sie waren uns nicht ganz fremd. Die ungewohnte Anordnung, bei der wir, statt auf Zuhörer zu blicken, den Musikern zusehen durften, und die veränderte Akustik, die sich unmittelbar miteilte, das alles tat ein Übriges, um diesen Abend als schöne Erinnerung für die Zeit nach Corona mitzunehmen.

UNESCO als Feigenblatt?

Die UNESCO ist eine weltweit operierende Institution der Vereinten Nationen mit Hauptsitz in Paris. Ihr gehören 193 Staaten an, die sich auf gemeinsame Ziele geeinigt haben: Weltfrieden, Armutsbekämpfung, nachhaltige Entwicklung und interkulturelle Verständigung über Erziehung, Wissenschaft, Kultur und Informationsaustausch. In Zusammenarbeit mit den Vertragsstaaten entscheidet die UNESCO auch über die Aufnahme von Kulturstätten der Welt in eine Liste der Welterbestätten. Bisher sind in dieser Liste 1121 Welterbestätten registriert, verteilt auf 167 Länder. Die meisten davon in der Kategorie Weltkulturerbe.Venedig mit den in der Lagune verteilten Inseln sowie die Lagune selbst sind seit 1987 in dieser Liste. Wenn man also vom Weltkulturerbe Venedig spricht, ist damit nicht nur die Lagunenstadt gemeint, sondern ein Gebiet, das sich über 50 000 Quadratkilometer erstreckt. Man hat dafür das schöne Wort Ensemble gefunden. Weiterlesen

Dickhäuter in Venedig

Engel mit Elefant oder umgekehrt? (Foto R.W.)

Mit Löwen kennt man sich in Venedig recht gut aus. Sogar mit geflügelten. Doch mit Elefanten ist es anders. Wo bekommt man in Venedig schon einen Elefanten zu Gesicht? Nun haben wir doch einen Ort entdeckt, wo sich ein solches Tier mit einem Engel blicken läßt. Oder ist es eher umgekehrt? Wo dieser Ort genau ist, verraten wir noch nicht. Weiterlesen

Schaulaufen

Das ist doch wohl nicht eine Wahlurne? (Foto R.W.)

In Venedig stellen sich im September die Kandidaten für das Amt des Bürgermeisters zur Wahl und werben für sich. Gerne auch schriftlich. Nicht immer mit dem erwünschen Ergebnis, wie man sieht. Hier hat sich ein Wähler wohl schon entschieden. Der amtierende Bürgermeisters, der sich erneut zur Wahl stellt, ist im Papierkorb gelandet. Doch am Ende kommt es auf die Auszählung der Stimmzettel in der Wahlurne an. Warten wir´s ab.

Im Osten Venedigs leuchtet es rot

Ganz im Einklang mit den Abstandsregeln (Foto R.W.)

 

Man kann es mit den Abstandsregeln auch zu gut meinen. Andrerseits schadet es ja nicht. Denn unter den Pinien, Platanen und Ginkgobäumen ist genug Platz für diesen Luxus, den man sich im östlichsten Wohnbezirk Venedigs leistet. Mehr als hundert frisch gestrichene Bänke sind rings um das Wohngebiet und auf den Plätzen zwischen den Wohnblocks von S. Elena verteilt. Damit ist S. Elena trotz der großzügigen Abstände zwischen den leuchtend roten Bänken der Bezirk mit der größten Bank-Dichte Venedigs. Weiterlesen